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Segeberg Das Schulschwimmen geht unter
Lokales Segeberg Das Schulschwimmen geht unter
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21:29 22.12.2017
Die 385 Schüler der Grundschule Heidberg lernen alle in der zweiten Klasse schwimmen, meist hier im Lehrschwimmbecken im Arribabad in Norderstedt. Quelle: Fotos: Fuchs
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Kreis Segeberg

Ertrinken gilt inzwischen als eine der häufigsten Todesursachen, klagte jüngst die Abgeordnete Barbara Ostmeier (CDU) vor dem Kieler Landtag und warnte: „Nur ein Drittel der Kinder werden vom Schleswig-Holsteinischen Schwimmverband und der DLRG, den beiden größten schwimmsporttreibenden Organisationen im Land, erreicht.“ In den Schulen wird Alarm geschlagen: „Wir haben immer mehr Nichtschwimmer an den Schulen“, berichtet Ingke Rehfeld von der Grundschule Heidberg in Norderstedt. „Dabei ist das Risiko zu ertrinken für die Kinder immens“, sagt Friederike Schwetje von der Grundschule Schmalfeld-Hartenholm.

„Schwimmen gehört zu den Grundbefähigungen, die jeder Mensch haben sollte“, urteilt Hans-Arnold König von der Grundschule Rickling, die mit ihren Viertklässlern ein halbes Schuljahr lang in das Horst-Max-Tietz-Hallenbad nach Wahlstedt zum Schwimmunterricht fährt. „Wir sehen ja leider jedes Jahr, was schiefgehen kann, wenn sich die Kinder an den Urlaubsstränden zu viel zumuten.“

In Norderstedt bietet noch die Hälfte der zwölf Grundschulen das Schulschwimmen an. Davon können die meisten anderen Grundschüler im Kreis nur träumen. Eine aktuelle Befragung des Segeberger Schulamtes ergab ein erschreckendes Bild. Von 40 befragten Grundschulen bieten dies nur noch 14 an, sechs davon in Norderstedt, zwei in Kaltenkirchen und jeweils eine in Bad Segeberg (Theodor-Storm-Schule), Wahlstedt, Rickling, Schmalfeld, Schlamersdorf und Warderfelde. Deshalb klagt Schulrat Volker Struve: „Es gibt leider wieder eine Menge Kinder im Kreis Segeberg, die am Ende der Grundschulzeit nicht schwimmen können.“

Die anderen mehr als zwei Dutzend Schulen ohne Schwimmunterricht begründen diesen Verzicht mit fehlenden Hallenkapazitäten, zu langen Anfahrtszeiten und personellen Engpässen. Denn eigene Schwimmhallen gibt es außer in Norderstedt nur noch in Kaltenkirchen, Wahlstedt und Bad Segeberg. Selbst die Grundschule Ellerau, die immerhin über ein eigenes Freibad verfügen könnte, könne auch in den Sommermonaten zurzeit keinen Schwimmunterricht anbieten, weil keine zwei Lehrkräfte dafür abgestellt werden könnten, um die Kinder zu beaufsichtigen und den zwei Kilometer langen Fußweg hin und zurück zu laufen, sagt Frauke Wernstedt. Ähnliche Aussagen gibt es von der Grundschule Rhen aus Henstedt-Ulzburg, welches in Beckersberg über ein Freibad verfügt. Insofern muss Jens Martens seine Kollegen in Schutz nehmen. „Das ist für die Schulen ein erheblicher Aufwand und fahrtechnisch für viele Schulen nicht zu lösen“, sagt der Sportlehrer der Gemeinschaftsschule Kisdorf, der zum Schulsportbeauftragten des Kreises Segeberg ernannt wurde. Er sagt: „Schulschwimmen ist extrem wichtig.“ Aber aus seiner Zeit vom Gymnasium Harksheide weiß er noch, dass durch das Fahren mit dem Fahrrad zum Arriba-Bad, Umziehen, Duschen und Föhnen von einer Doppelstunde (90 Minuten) meist nur 30 Minuten reine Zeit im Wasser übrig blieben.

Die Landesregierung habe das Problem erkannt und versuche nun, mit mehr Sportlehrerstunden das Schwimmen im Lehrplan wieder verstärkt zu fördern, sagt Schulrat Struve. Landtagsabgeordnete Ostmeier forderte jüngst im Landtag von der Jamaika-Koalition: „Die Schwimmfähigkeit unserer Kinder in Schleswig-Holstein sicherzustellen, ist Bestandteil unseres Bildungsauftrages.“

Ziel sei es, wie Schulsportbeauftragter Martens sagt, dass alle Schüler bis zur sechsten Klasse das Schwimmabzeichen in Bronze erreicht haben. Das könnten aber die Schulen nicht alleine bewältigen, sagt Martens. „Das Problem ist leider nicht in kurzer Zeit zu lösen. Wir müssen die Eltern wieder stärker einbeziehen.“ Sie müssten mit dafür sorgen, dass ihre Kinder in der Freizeit wieder mehr das Schwimmen lernten.

„Doch in vielen Familien fehle heute einfach die Zeit, ihren Kindern in der freien Zeit das Schwimmen beizubringen“, weiß Schulleiterin Friederike Schwetje, die von Schmalfeld aus mit ihren Drittklässlern jedes Jahr zum Schwimmunterricht ins Freibad nach Kaltenkirchen fährt. „Das wollen wir nächstes Jahr auch für die 85 Grundschüler in Hartenholm anbieten“, kündigt sie an und fordert:

„Die Schulen müssen diese Aufgabe jetzt wieder verstärkt wahrnehmen.“

 Von Burkhard Fuchs

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