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Segeberg Darf die Bundeswehr in die Kirche?
Lokales Segeberg Darf die Bundeswehr in die Kirche?
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18:44 23.11.2018
Podiumsdiskussion zu Bundeswehr und Kirche, Gemeindesaal St. Marien, Bad Segeberg Quelle: Oliver Vogt
Bad Segeberg

Seit mittlerweile fast 30 Jahren ist der Auftritt des Marinemusikkorps in der Bad Segeberger Marienkirche eine Tradition in der Weihnachtszeit – und fast ebenso alt ist auch die Kritik daran. Dürfen Vertreter einer Armee, deren Geschäft in letzter Konsequenz das Töten von Menschen ist, in einer christlichen Kirche auftreten, einem Ort des Friedens und des Pazifismus? Die Kirchengemeinde hatte dazu am Donnerstagabend zu einer Aussprache zwischen Gegner und Befürwortern gebeten. Am Ende des Abends dürfte die Kluft zwischen beiden Lagern indes größer denn je gewesen sein.

Auf dem Podium eingeladen waren der Linken-Politiker Jan van Aken, Bundeswehr-Oberstleutnant Uwe Schönemann, der Pastor und Friedensaktivist Ulrich Hentschel sowie der Militärpfarrer und frühere Marien-Pastor Kristian Lüders. Für den erkrankten Bischof Gothard Magaard sprang Oberkirchenrat Mathias Lenz als Vertreter der Nordkirche ein.

Soldaten beschimpfen: „Finde ich gut“

Van Aken, früher Biowaffeninspekteur der Vereinten Nationen und Mitglied des Bundestages, setzte gleich zu Beginn der Debatte ein Ausrufezeichen. Ein Orchester zu betreiben gehöre nicht zu den grundgesetzlichen Aufgaben der Bundeswehr, „das ist Agitation und Propaganda“. Überhaupt hätten Uniformen im öffentlichen Leben nichts verloren. Wenn ein Soldat in Uniform in der Öffentlichkeit beschimpft werde, „dann finde ich das ehrlich gesagt gut“. Es beweise die Haltung einer Gesellschaft, die sich nicht mehr militarisieren lassen wolle. Kriegsdienstverweigerer Hentschel schloss sich an: Die Botschaft von Jesus verpflichte zum Pazifismus, deswegen verböten sich derartige Veranstaltungen. „Jegliche Werbung für die Bundeswehr gehört nicht eine Kirche“, sagte er.

Kristian Lüders mühte sich, diese kategorischen Aussagen diplomatisch zu kontern: „Niemand ist für Krieg und Gewalt, das ist doch wohl völlig klar. Aber das Problem ist doch nicht das Militär, sondern die Tatsache, dass Krieg und Gewalt existieren.“ Deswegen könne man doch froh darüber sein, dass es die Bundeswehr als demokratisch legitimierte Armee gebe. „Wie schlimm wäre es, wenn jeder für sich selbst kämpfen würde – oder irgendwelche Freikorps, die Grenzen nach Gutdünken verschieben?“ Er sehe deshalb kein Problem, wenn das Marinemusikkorps in der Kirche spiele, zumal es sich nicht um Militärmärsche, sondern qualitätvolle Musik handele. Auch Mathias Lenz vertrat die Auffassung, dass die Kirche als gesellschaftliche Organisation einer anderen gesellschaftlichen Organisation wie der Bundeswehr offen gegenüber stehen solle. Natürlich könne man deshalb zum Beispiel in Fragen moralischer Legitimation von Auslandseinsätzen unterschiedlicher Meinung sein. „Aber entscheidend ist doch, dass man miteinander redet und sich austauscht.“

„Auch Pazifisten werden nicht in Ruhe gelassen“

Der in solchen Debatten nach eigenen Angaben unerfahrene Oberstleutnant ging in der Runde leider etwas unter, auch weil das aus zahlreichen Antimilitaristen bestehende Publikum im Gemeindesaal seine Wortmeldungen meist mit eisigem Schweigen oder vereinzelt höhnischem Gelächter quittierte. „Die Welt ist leider nicht so, dass Pazifisten vor Gewalt in Ruhe gelassen werden“, argumentierte Schönemann. „Und wer immer nur die zweite Wange hinhält, der trägt dazu bei, dass die Gewalt immer näher heranrückt.“ In einer Welt wie der heutigen führe der reine Pazifismus in eine Sackgasse, meinte der Leiter des Materialprüfungstrupps 1 in Kiel. Jeder Soldat sei sich der möglicherweise schwerwiegenden Konsequenzen seines Handelns bewusst. „Wer Lust an Gewalt verspürt, gehört auch nicht ein eine Armee.“

Konzert am 6. Dezember

Unter Leitung von Fregattenkapitän Friedrich Szepanski spielt das Marinemusikkorps am Donnerstag, 6. Dezember, in der Marienkirche. Das Benefizkonzert ist eine gemeinsame Veranstaltung der Lions und des Förderkreises Kirchenmusik. Diese beiden Vereine erhalten je die Hälfte des Erlöses. „Rund 100 000 Euro sind in den vielen Jahren an Spenden zusammen gekommen“, sagt Lions-Präsident Volker Holthaus. Das Konzert werde eine Mischung bieten aus volkstümlichen Weihnachtsliedern sowie Jazz und Unterhaltungsmusik. Der Eintritt kostet zwölf Euro. Karten im Vorverkauf gibt es in der Buchhandlung „Das Druckwerk“ (Kurhausstraße 4) und in der Südstadt-Apotheke (Theodor-Storm-Straße 15c) sowie an der Abendkasse. Beginn ist um 19.30 Uhr, Einlass ist ab 18.30 Uhr.

Der Linken-Politiker sah das erwartungsgemäß anders. „Der Einsatz des Militärs sollten nie ein Weg sein, um Probleme zu lösen.“ Das müsse mit den Mitteln der Politik und der Diplomatie geschehen. Im Übrigen könne man sich auch nicht darauf herausreden, dass sich die Bundeswehr ausschließlich der Friedenssicherung diene. „Afghanistan ist zum Beispiel ein Kriegseinsatz.“ Und auch der Schutz der globalen Handelswege, den die Bundeswehr heute als eine ihrer Aufgabe begreift, habe mit Friedenswahrung wenig zu tun.

Auch Pastor Ulrich Hentschel kritisierte, dass es in der aktuellen politischen Debatte immer weniger um Friedens-, denn um Sicherheitspolitik gehe. Damit dürfe sich die Kirche nicht gemein machen. Er schlug vor, das Konzert in St. Marien zwar zuzulassen – „aber dabei sollten dann auf einem Schirm Videos von den tatsächlichen Aufgaben und Einsätzen gezeigt werden“.

„Kein Soldat hat Lust auf Kriegseinsätze“

Er habe in seiner Zeit als Militärpfarrer noch keinen Soldaten kennen gelernt, der Lust auf Kriegseinsätze habe, versuchte Lüders noch einmal das Bild der Bundeswehr als friedenssichernder Bürgerarmee zurechtzurücken. Er würde sich wünschen, wenn die schwierige und gefährliche Arbeit der Soldaten für die Menschen in diesem Land anerkannt würde, „und sie auf die Straße gehen können ohne beschimpft zu werden“. Das sei beschämend.

Nach diesem Meinungsaustausch war das Publikum dran, Fragen und Gedanken einzubringen. Viele zeigten sich dabei allerdings sehr aggressiv, insbesondere Bundeswehr-Befürworter Lüders gegenüber, der – mehr noch als der Oberstleutnant – von vielen als Gegner ausgemacht wurde. „Jesus hätte alle Soldaten und Militärpfarrer aus der Kirche schlicht herausgeworfen“, empörte sich zum Beispiel jemand. Statt kurzer Fragen wurde langatmige Statements abgegeben. US-amerikanische Drohneneinsätze, Umweltverschmutzung durch Waffen, Wirtschaftskriege, der Einfluss des Militärs auf die Politik – das friedensbewegte Publikum legte die ganz großen Fragen auf den Tisch, was den Abend nach hinten raus völlig zerfaserte. Einige sachliche Argumente, die es auch gab, gingen fast unter. Ein Abend leider ohne Ergebnis.

Oliver Vogt

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