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Segeberg Der Hut des Wasserturms ist gelüftet
Lokales Segeberg Der Hut des Wasserturms ist gelüftet
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21:24 19.05.2016
Zum Schluss der spektakulären Aktion löst Christian Meusel vom Korb aus die Falz der Kupferhaut.

. Ab ist sie, aber nur für ein paar Tage: Über 100 Jahre ist die Kupferspitze auf Bad Segebergs Wahrzeichen quasi das i-Tüpfelchen für den ehemaligen Wasserturm gewesen. Nun musste sie herunter, weil die durch Sturm „Christian“ malträtierten Dachpfannen komplett ersetzt werden müssen. Wird sich die Spitze des Wasserturms vom Dach lösen? Geht alles glatt mit dem Riesenkran aus Hamburg, den „Turmherr“ Wolfgang Harksen für die spektakuläre Aktion gemietet hat? Vorweg: Es gab gestern reichlich Überraschungen in luftiger Höhe. Trotzdem hat alles geklappt.

In einer spektakulären Aktion wurde mit einem Autokran die kaputte Spitze vom Wohnturm heruntergehoben.

Mittags, 12 Uhr, ist Bauherr Wolfgang Harksen, der 1997 den Turm zum Eigenheim für seine Familie umgebaut hat, erleichtert. Alles gut, die Turmspitze liegt auf dem Rasen neben dem Wasserturm und kann nun restauriert werden. Harksen: „Es hat sich gezeigt, dass der Blitz häufiger in die Turmspitze eingeschlagen hat, die Spitze ist fast abgelötet.“ Vielleicht war es ein gutes Omen, dass Harksen ausgerechnet gestern Geburtstag feierte.

Den 66. wird er wohl nie vergessen. Gegen 8.35 Uhr steuert der Kran mit Begleitfahrzeug den Kalkberg an. Es ist das ganz große Besteck für den 36 Meter hohen Turm. Der Spezial-Autokran mit Ausleger der Firma H.N.Krane mit einer möglichen Gesamthöhe von 68 Metern braucht für viele Straßen eine Durchfahrgenehmigung. Wie ein Zollstock klappt das Gefährt auf Knopfdruck auseinander, 500 Kilo kann er an der Spitze des Auslegers heben. „Das ist hierzulande schon ein Exot“, berichtet Detlef Schulz von der Kranfirma.

Die Baufirma Meusel aus Gelting, die das Turmdach erneuert, ist gleich mit drei Generationen angerückt. So einen Auftrag hatten sie noch nie. Firmengründer Hans Meusel (87) sitzt mit Ehefrau Elisabeth am Fuße des Wasserturms im Campingstuhl und beobachtet, ob Sohn und Enkel alles richtig machen. Der alte Herr spart für die da oben nicht mit Tipps – es sind keine schlechten. Sein Sohn, Zimmermeister Bernd Meusel, erklärt den LN die Strategie, während am Kran ein Korb befestigt wird. Den soll sein Sohn Christian entern.

Die Turm-Spitze hängt wie ein Wetterhahn an einer Eisenstange, die tief ins Dachgeschoss ragt und dort mit einer dicken Schraubenmutter fixiert ist. „Die haben wir gelöst und hoffen nun, dass sich die Spitze komplett herausziehen lässt.“ Auch die Kupfereindeckung müsse herunter, damit das ganze Dach mit Tonpfannen, Biberschwänzen, eingedeckt werden könne. Kompliziert: Die Ziegel müssen für das denkmalgeschützte Haus konisch zugeschnitten werden, damit sie auf die Dachform passen.

Ab nach oben: Erst geht es per Fahrstuhl durch das schicke Röhren-Eigenheim, dann Treppe hoch, durch Harksens Schlafzimmerfenster hinaus. So gelangen die Beobachter auf das Rundum-Gerüst.

Herrliche Aussicht, doch alle Objektive sind nach oben gerichtet, zur Spitze. Der schwindelfreie Jubilar Harksen, will es – ganz nach dem „66-Jahre“-Klassiker von Udo Jürgens – wissen und traut sich, mit den Zimmerleuten auf dem Dach herumzuklettern. Ein höhenfestes Kamerateam ist ihm auf den Fersen. Das quäkende Walkie-Talkie hält er griffbereit. Der fliegende Kran-Käfig nähert sich der Spitze.

Dicke Bänder werden mit Karabinerhaken an der Spitze befestigt. „Näher, näher ’ranschwenken“, lauten die Kommandos. „Schaut mal, ob da schon ’was weggerottet ist“, ruft jemand besorgt. Schließlich hat an dieser Spitze seit 1910 niemand mehr gerüttelt. Langsam zieht der Kran an, es rieselt Rost, aber nur das Oberteil hebt an. „Damit haben wir nicht gerechnet.“ Es stellt sich heraus, dass die Spitze aus zwei ineinandergesteckten Teilen besteht. Teil zwei: Wieder muss der Korb zur Spitze, wieder werden Schlaufen angelegt. 500, 800 Kilo zeigt der Kran plötzlich an. „Stopp!“ Es soll ja nicht gleich das ganze Dach ’runter. Drinnen wird geackert, jetzt ist das Gestänge frei, der Rest der an sich leichten Turmspitze hebt ab. Bleibt nur die Kupfer-Dachhaut.

Jetzt bloß kein Risiko eingehen. „Sowie es gefährlich wird, Bernd, scheiß auf den Turm, ihr seid mir wichtiger“, ruft Harksen vorsorglich dem Meister zu. Ein wahrer Familienbetrieb Meusel: Opa Hans gibt unten vom Campingstuhl den entscheidenden Ratschlag. Enkel Christian löst oben die alte Falz vom Kupfer, das Dach löst sich, sachte schwebt das letzte Teil des Kupferdachs per Kran zu Boden. Geschafft.

• Ein Video dazu sehen Sie auf www.ln-online.de/videos

Wolfgang Glombik

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