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Segeberg Der Orgel-Doktor von St. Marien
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02:40 25.12.2012
Bad Segeberg

„Der Winfried, der lötet immer an der Orgel ‘rum.“ Der Ausspruch von Pastor Kristian Lüders klingt zunächst etwas despektierlich. Doch dahinter verbirgt sich enormer Respekt. Mehr noch als Lüders weiß Bad Segebergs Kirchenmusiker Andreas Maurer-Büntjen, was er an Winfried Schulz hat: „Der ist ein echter Schatz für uns als Kirchengemeinde.“

Und Vorstandsmitglied Kirsten Geißler sagt: „Wir wären ohne ihn aufgeschmissen.“ Schulz ist der gute Geist der mit anfälliger Elektrik gespickten Orgel von St. Marien. Wenn ihr Klang gerade jetzt in der Weihnachtszeit wieder die Menschen erfreut, dann ist das auch sein Verdienst: Denn der 64-jährige Fernmeldetechniker hält die inzwischen kapriziöse und manchmal durchaus zickige alte Dame am Laufen. Und das seit über 30 Jahren.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie von Marcussen und Sohn eingebaut und seitdem mehrmals von anderen Firmen verschlimmbessert, wie Maurer-Büntjen urteilt. Sie habe durch Austausch diverser Pfeifen zu viele „glitzernde und schreiende Mixturen, da fallen Ihnen die Ohren ab.“ Das Dilemma: „In den 70er Jahren ist die ganze Mechanik ‘rausgeschmissen“ und immer mehr Elektrik eingebaut worden. Und da die eine Haltbarkeit von etwa 30 Jahren habe, „ist die Orgel jetzt ein Pulverfass“. Und somit ein Fall für Winfried Schulz.

Schon der frühere Kirchenmusiker Jürgen Frielinghaus (Schulz: „Der hat immer gesagt: ,Der Teufel hat die Elektrik erfunden‘“) hat ihn als Retter in der Not geholt. Die noch junge Freundschaft zwischen beiden Männern erhielt fast einen Riss, als Schulz dem ersten Hilferuf des Organisten folgte. Als die Orgel einmal nicht funktionierte, Töne nicht erklingen wollten, hatte Frielinghaus die elektrischen Kontakte mit Kontaktspray eingesprüht. Schulz: „Ich hätte ihn würgen können.“ Was Frielinghaus nicht ahnte: „Elektrischer Strom, Staub und Öl sind Sachen, die nicht zusammenpassen. Eine halbe Stunde später ging dann an dem Instrument nichts mehr.“ Sechs Tage habe er dann der Orgel gewidmet und alle Kontakte mit Alkohol und Schmirgelpapier gesäubert. Seit diesem Einsatz hat allein Schulz die elektrische Pflege der Orgel „an der Backe“.

Zu tun gibt es immer was. Lötstellen, die sich lösen, oder abgefallene Kontakte. „Und das bedeutet immer wieder Aussetzer beim Orgelspiel.“ Seitdem ist Schulz häufig mit dem Lötkolben in der Orgel zugange. „Über 10 000 Lötstellen“ hat die seiner Schätzung nach. Da ist kein Ende in Sicht. Ist eine Orgel für einen Laien mit ihren 41 Registern und über 2000 Pfeifen ein kaum zu verstehendes Instrument, so ist sie für einen Techniker wie Schulz etwas ganz Simples: „Plus — Schalter — Kontakt, mehr ist das nicht, ein einfacher Stromlauf.“ Im Prinzip jedenfalls.

Der Gau wäre allerdings ein Kurzschluss. Davor hat vor allem ein Organist einen „Heiden-Schiss“. Dann bliebe es nämlich schlagartig still in der Kirche. Nachdem Fachleute gesagt haben, dass eine Reparatur nichts bringen würde, ist man sich in der Gemeinde einig in dem Wunsch nach einer neuen Orgel. „Lieber heute als morgen“, sagen Geißler, Schulz und Maurer-Büntjen. Kosten: rund eine Million Euro. Das Projekt wird angesichts der Kassenlage und der aufwendigen Sanierung der Kirche aber verschoben.

Ungezählte Male war Schulz mit Kopfhörer („Ich kann den Fehler hören“), Stirnlampe und Lötkolben in der Orgel zugange. „Wenn gar nichts kommt und es klappert irgendwo, dann weiß ich: Da ist wieder eine kleine Knebelschraube an einem Ventil lose.“ Oder Kondensatoren, Relais, Kontakte, Schalter, Federchen, Lötstellen — alles 40 Jahre alt. Und Ersatzteile gibt es nicht mehr zu kaufen.

Trotz aller Plackerei: Schulz liebt die Orgel irgendwie. Aber: „Ich bin 64 und möchte nicht bis zum Ende meines Lebens in ihr ‘rumturnen.“ Dabei sei das Rieseninstrument im Prinzip „nichts anderes als eine große elektrische Klingelanlage: Wenn man hier unten eine Taste drückt, klingelt‘s oben.“ Maurer-Büntjen sagt: „Ich habe diese Ansicht von Winfried inzwischen übernommen.“ Allerdings: Keine Klingelanlage klingt so schön wie die Orgel von St. Marien . . .

Christian Spreer

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