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Segeberg Der Polizist geht, der Imker bleibt
Lokales Segeberg Der Polizist geht, der Imker bleibt
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18:16 30.12.2017
Einen guten Ersatz für das „Polizei“-Schild an der Tür seines Dienst- und Wohnhauses hat Artur Sielas (61) schon gefunden. Quelle: Fotos: Vogt
Schlamersdorf

So wirklich glücklich wirkt der 61-Jährige auf den ersten Blick nicht. Etwas angespannt fingert Sielas an einem Teelicht herum, das vor ihm auf dem Kaffeetisch steht. „Ein komisches Gefühl ist das“, gibt er zu. Seit 1976 ist Artur Sielas jetzt Polizist. 1980 kam er nach Bad Segeberg, 1994 übernahm er die kleine Station in Schlamersdorf, die inzwischen auch das Eigenheim von ihm und seiner Frau Barbara ist. Die drei Kinder, eine Lehrerin, ein Soldat und ein Polizist, sind längst aus dem Haus. Vor Kurzem wurde das erste Enkelkind geboren. Ein Mädchen.

Ein Stück Dorfleben gehört der Vergangenheit an. Oberkommissar Artur Sielas, Beamter der letzten Ein-Mann-Polizeistation im Kreis Segeberg, hatte am Freitag seinen letzten Arbeitstag – nach 24 Dienstjahren in Schlamersdorf. Die LN haben ihn kurz nach Dienstschluss besucht.

Station in Garbek

Das 83,5 Quadratkilometer große Gebiet mit den Gemeinden Seedorf, Glasau und Nehms, für die Artur Sielas zuständig war, wird jetzt von der Polizeistation in Garbek mit betreut. Schwerpunktmäßig übernimmt Kommissar Rüdiger Bühring das Gebiet.

Die Uhr zeigt kurz nach 14 Uhr. Eine Stunde zuvor ist Sielas’ Schicht zu Ende gegangen. Einer Jugendlichen aus seinem 3500-Einwohner-Kiez, die zuvor in Kiel ein T-Shirt gestohlen hatte, brummte er in Absprache mit der Staatsanwaltschaft fünf gemeinnützige Arbeitsstunden auf. Sein letzter Fall. Bis zum 31. Januar – nach vier Wochen Resturlaub – ist der 61-Jährige zwar noch im Dienst. „Mit allen Rechten und Pflichten“, wie er sagt. Aber spätestens dann werde der Polizist Artur Sielas der Vergangenheit angehören und nur noch Privatmann sein. Sicher werden die Menschen auch danach noch mit ihren Problemen zu ihm kommen, ihn um Rat fragen oder bitten, sich um dieses oder jenes zu kümmern. „Aber für mich ist es dann vorbei. Ich habe keine Befugnis mehr, Dinge regeln oder durchsetzen zu können“, sagt er. Und ja, das werde ihm manchmal fehlen.

Barbara Sielas, 55, winkt ab. „Zum Jammern gibt es überhaupt keinen Grund“, sagt die Arzthelferin bestimmt. Im Gegenteil: Der Familie gehe es gut, er habe seinen Ruhestand bei bester Gesundheit erreicht und durfte einen Beruf machen, den er geliebt hat. „Dafür muss man doch auch dankbar sein“, sagt sie.

Denn dass Artur Sielas seinen Ruhestand überhaupt erleben würde, war tatsächlich nicht ausgemacht. „Einige Male hat es auf der Kippe gestanden“, blickt der Polizist zurück. Nicht wegen der Menschen aus seinen Gemeinden Seedorf, Glasau und Nehms. Die Gegend sei friedlich, man passe aufeinander auf. Kritisch sei es aber bei manchen Wochenend-Einsätzen in Bad Segeberg, Trappenkamp oder Wahlstedt geworden. Zum Beispiel als eine Ruhestörung völlig eskalierte und ihn ein junger Mann die Treppe ’runterstoßen wollte. Oder als einer mit einem erhobenen Beil vor ihm stand. Oder als er einen Familienvater, der einen Amoklauf angedroht hatte, mit Schüssen auf die Reifen stoppen musste.

Und mehr als einmal hat Barbara in der Vor-Handy-Zeit besorgt zu Hause gesessen und auf ihren Mann gewartet, weil sie stundenlang nicht wusste, wo er war. „Meistens hatte er sich aber nur wieder irgendwo festgeschnackt“, erinnert sie sich lachend.

Artur Sielas, in Süddeutschland geboren und im benachbarten Seekamp aufgewachsen, kennt in seinem Revier jeden Stein. Mit vielen, für die er all die Jahre als Beamter zuständig war, ist er zur Schule gegangen. Das Leben als „Dorfsherriff“ hat er sich daher sehr bewusst ausgesucht. „Ich bin gerne auf mich allein gestellt. Niemand redet einem in die Arbeit rein, ich genieße das.“ Hätte seine Frau nicht interveniert und ihren Mann bekniet, wäre aus dem Dorfsherriff von Seedorf beinahe der von Helgoland geworden. „Während meiner Zeit in Bad Segeberg habe ich mich darauf beworben. Und ich hätte die Stelle haben können – ich war der einzige, der sie machen wollte.“ 1992 ging es für ihn stattdessen vom Revier in Bad Segeberg in die Station Geschendorf, zwei Jahre später dann an sein Traumziel: die Ein-Mann-Wache in Seedorf. Und von dort zieht ihn auch mit dem Ruhestand nichts mehr weg.

Obwohl: So wirklich Rentner wird Artur Sielas auch nach dem 1. Februar nicht sein. Er hat bereits eine neue Stelle angenommen: als „Vollstreckungsbeamter“ für das Amt Trave-Land. Wobei er hofft, auch damit Menschen vor allem helfen zu können, ihre Angelegenheiten in den Griff zu bekommen. Ansonsten will der Hobbyimker die Zahl seiner Bienenvölker vergrößern, sich intensiver um seine Hühnerzucht kümmern, und einen halben Hektar Wald hat er sich zum Ruhestand auch noch gekauft – als Holzvorrat. Außerdem freut er sich darauf, in zwei, drei Jahren mit seiner kleinen Enkeltochter die Tierparks im Norden zu erkunden. Alles in allem sehr gute Aussichten für den Ruhestand.

In den vergangenen 24 Jahren, sagt er rückblickend, habe er sich immer wohlgefühlt. Diese Jahre in Seedorf seien die besten seiner Laufbahn gewesen. „Dürfte ich noch einmal wählen, ich würde mich wieder so entscheiden. Ich habe alles richtig gemacht.“

Oliver Vogt

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