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Der langwierige Kampf mit dem Buchstabensalat

Bad Segeberg Der langwierige Kampf mit dem Buchstabensalat

Seit 30 Jahren gibt es das Zentrum für Lese- und Rechtschreibschwäche in Bad Segeberg. Leiter Arne Hansen erzählt über seine Arbeit mit Kindern — aber auch Erwachsenen.

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Im Lernzentrum werden Kinder mit Legasthenie speziell gefördert. Sie lernen dabei mit allen Sinnen.

Quelle: Fotos: Hfr, Sd

Bad Segeberg. „Gmäeß eneir Sutide eneir elgnihcesn Uvinisterät ist es nchit witihcg, in wlecehr Rneflogheie die Bstachuebn in eneim Wrot snid. . . “

Wer geübt ist, kann diesen Satz problemlos lesen. Man greift auf seinen Erfahrungsschatz zurück und ergänzt die durcheinander gewürfelten Buchstaben zu „Gemäß einer Studie einer englischen Universität ist es nicht wichtig, in welcher Reihenfolge die Buchstaben in einem Wort sind. . .“

„Für uns ist das kein Problem, wir haben das Wordbildschemata abgespeichert, doch Kinder mit Lese- und/oder einer Rechtschreib- Schwäche können das nicht lesen, sie verfügen nicht über eine Wortbildung. Sie können das nicht auswendig lernen“, sagt Arne Hansen, Leiter des Lern-Zentrums der VHS Bad Segeberg. Seit 30 Jahren gibt es das Zentrum für Lese- und Rechtschreibschwäche (LRS). „Das Phänomen ist alt und im angelsächsischen Sprachraum schon länger bekannt“, sagt Hansen und erzählt: In Deutschland sei Legasthenie anfangs eher als Konzept von durchgeknallten Therapeuten angesehen worden. Kinder mit LRS bekamen eine Sonderschulempfehlung. Dort gab es zwar guten Förderunterricht, aber ansonsten waren die Kinder unterfordert. Elternverbände und engagierte Grundschullehrer wollten das ändern, die ersten außerschulischen Angebote entstanden. „Sie hatten erkannt, dass sie es mit tollen, wissbegierigen Kindern zu tun hatten, die lernen wollten. Aber sie brauchten mehr Zeit und eine andere Förderung.“

Über die Jahre wurden unterschiedliche Tests entwickelt, um eine LRS zu diagnostizieren. Derzeit wird in Schleswig-Holstein in der vierten Klasse auf Legasthenie getestet, aber nur bei Schülern, bei denen der Verdacht auf eine Lese- Rechtschreib-Störung besteht. Das sei eigentlich zu spät, findet Hansen, denn je früher die Förderung ansetze, desto einfacher und wirkungsvoller sei sie, sagt er und zeigt auf den Auswertungsbogen eines Kindes, das im LRS-Zentrum Förderunterricht erhält. Unter anderem müssen Bilder erkannt werden, zum Beispiel eine Verkäuferin, die aber „Verrkeuferen“

geschrieben wurde. Die Orthographie lässt auf einen Zweitklässler vermuten, aber das Kind kommt in die sechste Klasse. „Die Anforderung im Sekundärbereich kommt nun dazu, das Kind leidet immer mehr unter seiner Lese-Rechtschreib-Schwäche." Deshalb sei es wichtig, Kinder in ihren Stärken zu sichern und ihnen damit bewusst zu machen, mit dem Defizit klar zu kommen. Denn die meisten Kinder seien plietsch. Druck helfe da nicht. Auch wünscht sich Hansen ein wenig mehr Verständnis von Nawi-Fachlehrern, ein flapsiges „nun streng dich doch mehr an“ sei für Schüler frustrierend und nicht förderlich. Das fördere eher Unlust auf Schule und schaffe kein angstfreies Umfeld.

Etwa fünf Prozent aller Schüler weisen in einer Form eine LRS auf, also ein bis zwei Schüler pro Klasse. Während leichte Fälle gut durch Förderunterricht an den Schulen aufgefangen werden, suchen die schwerwiegenden Fälle Hilfe beim Lernzentrum. „In der Regel bessert sich die Schwäche nach ein bis zwei Jahren Förderung“, erklärt der 54-jährige Lehrer. Doch gebe es auch Fälle, die nie fließend lesen und schreiben werden.

„Für Kinder mit LRS wäre das Schreiben lernen am Computer fatal“, betont Hansen. Die Kinder haben eine Verarbeitungsschwäche, Bewegung spielt dabei eine wichtige Rolle. Buchstaben zu malen hinterlässt Spuren, die sich im Gehirn verankern. Zusätzliche Hilfestellungen wie Hören und Sehen sind nötig. Auch rät Hansen, nicht alleine auf LRS-Lernprogramme für den PC zu setzen. „Sie können eine gute Ergänzung sein, aber die intensive Textarbeit zwischen Lehrer und Schüler ist nicht zu ersetzen.“

Vorreiter in Deutschland
1985 hat Schleswig-Holstein als erstes Bundesland den Legasthenie-Erlass verabschiedet. Schüler mit einer diagnostizierten Lese-Rechtschreib- Schwäche bekamen Notenbefreiung im Bereich der Rechtschreibung und einen Nachteilausgleich. Zum Beispiel mehr Zeit für Arbeiten. Galten die Rechte anfangs bis zur Oberstufe, ziehen sich diese nun bis zum Abitur durch, sogar im Studium besteht die Möglichkeit, den Erlass anzuwenden. So können Klausuren auf einem Notebook mit einer größeren Schrift geschrieben werden, sogar eine Rechtschreibprüfung, die auf Fehler hinweist, ist möglich. Auch wird mehr Zeit eingeräumt. Zudem muss es an allen Schulen eine LRS-Fachkraft geben. Für Dyskalkulie (Rechenschwäche) gibt es noch keinen Erlass. Die Regeln sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. sd
Kooperation mit Schulen

150 Schüler, vom Sechsjährigen bis zum Erwachsenen, werden derzeit im VHS-Lernzentrum unterrichtet. Sie erhalten Förderung in Legasthenie, Dyskalkulie (Rechenschwäche) und Fremdsprachen. Die Förderung findet in Bad Segeberg, aber auch in Kooperation mit Schulen im Rahmen der offenen Ganztagsschule in Boostedt, Bornhöved und Leezen statt. Zwölf Lehrkräfte unterrichten die Schüler. Die Kosten für vier bis fünf Termine á 90 Minuten betragen 89 Euro pro Monat.


Das Bildungs-Teilhabepaket greift nur, wenn die Versetzung gefährdet ist — allerdings ist LRS eine langwierige Geschichte. So könnten Alleinerziehende oder Geringverdiener den Förderunterricht oft nicht stemmen, das müsse sich ändern, fordert Arne Hansen: „Denn so werden Bildungschancen im frühen Bereich verschenkt.“ sd

Silvie Domann

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