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„Die Armut kommt wie eine Flutwelle“

Bad Segeberg „Die Armut kommt wie eine Flutwelle“

Dr. Uwe Denker von der „Praxis ohne Grenzen“ beklagt, dass auch immer mehr Kinder nicht versichert sind.

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Die Praxis ist für Dr. Uwe Denker zum Fulltime-Job geworden. Im Rahmen Nachbarn für Nachbarn hatte er 2010 die Praxis eröffnet.

Quelle: Fotos: Sd (2), Mw

Bad Segeberg. Die Liste der Vorsorgeuntersuchungen für Kinder und Jugendliche ist lang. Sie dienen der Früherkennung und Kontrolle und sollen dem Nachwuchs einen guten Start in die Zukunft ermöglichen. Doch nicht jedes Kind in Deutschland kann diese Leistungen in Anspruch nehmen. „Es gibt Kinder, die nicht versichert sind, weil die Eltern es nicht sind“, sagt Dr. Uwe Denker, Gründer der „Praxis ohne Grenzen“ in Bad Segeberg. Er und seine Kollegen behandeln Menschen, die keine Krankenversicherung (mehr) haben.

LN-Bild

Dr. Uwe Denker von der „Praxis ohne Grenzen“ beklagt, dass auch immer mehr Kinder nicht versichert sind.

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Viele von ihnen, das weiß Denker aus seiner langjährigen Erfahrung, sind abgestürzte deutsche Mittelständler. Häufig sind sie selbstständig, haben einen kleinen Betrieb und Angestellte, können sich aber aus wirtschaftlichen Gründen keine Krankenversicherung (600 bis 900 Euro) mehr leisten. „Es gibt zwar seit einigen Jahren eine Versicherungspflicht, doch wer die Beiträge nicht zahlen kann, bekommt sie als Schulden angeschrieben“, so Denker. Dazu kämen noch Zinsen auf die Schulden – fünf Prozent im Monat –, so dass sich am Ende eines Jahres locker über 20000 Euro Schulden angesammelt hätten. Damit nicht genug: Zum einen würden die Schulden auch der Schufa mitgeteilt, zum anderen die medizinischen Leistungen heruntergefahren, weiß Denker. Nur Notfall, Schmerz und Schwangerschaft werden behandelt.

Kinder sind beim Höherverdiener, meist dem Vater, versichert. So trifft es auch die Kinder, wenn der Vater seinen Versicherungsschutz verliert. „Und das kann nicht angehen, es darf keine unversicherten Kinder in der Bundesrepublik geben“, betont der 78-jährige Allgemein- und Kinderarzt. Alle Staaten bis auf die USA hätten im November 1989 die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nation unterschrieben. „Und das Recht des Kindes auf Gesundheit wollen wir einfordern. Es ist die Aufgabe der Volksparteien, sich um diese Sache zu kümmern.“ Denker und seine Kollegen fordern eine beitragsfreie Versicherung für Kinder von null bis 18 Jahren (erweiterbar bis zum 25. Lebensjahr bei Ausbildung und Studium). Andere EU-Staaten hätten das bereits.

„Wir Kinderärzte sind sehr frustriert: Kein Versicherungsschutz bedeutet weder Vorsorge noch Impfungen. Und fehlende Impfungen sind schlecht für die Volksgesundheit“, sagt Denker. Bei Gesprächen mit Vertretern von Gesundheitskassen habe er die Auskunft erhalten, dass es sich um bedauerliche Einzelfälle handele. Zu ihm in die Praxis kämen etwa ein Dutzend Kinder. Bundesweit wird die Anzahl der Erwachsenen ohne Krankenversicherung auf etwa 1,5 Millionen geschätzt. Wie viele Kinder sich dahinter verbergen, weiß niemand. Und auch der Weg, Insolvenz anzumelden und dann zum Sozialamt zu gehen, sei keine wirkliche Alternative für Betroffene, meint Denker.

Eine zweite Forderung der engagierten Mediziner ist ein geringerer Steuersatz auf rezeptpflichtige Medikamente. „19 Prozent, das ist zu hoch, andere EU-Staaten zahlen die Hälfte oder weniger. Wir möchten eine EU-einheitliche Mehrwertsteuer.“ Denn die Praxis ohne Grenzen muss alle Medikamente selbst kaufen. 90 Euro kostet etwa eine Mehrfachimpfung für Kinder. „Wir dürfen Arzneimittel-Spenden von der Pharmaindustrie oder aus Pflegeheimen verwenden, aber die einen spenden nicht, den anderen ist der Verwaltungsaufwand zu hoch“, sagt der Mediziner und ergänzt, dass der Wege-Zweckverband jährlich etwa 20 Tonnen Arzneimittel verbrennen lasse, die man noch verwenden könne.

„Gesundheit ist ein Menschenrecht, darum geht es uns“, betont Denker. Seinen Kollegen und ihm gehe es um die Medizinethik – nicht um Monetik (Gewinnmaximierung). „Wir warnen, geben Katastrophenalarm. Wie eine riesige Flutwelle kommt die Armut auf uns zu. Sie wird unsere Deiche, den Gesundheitsschutz, durchbrechen“, prophezeit Denker. Es sei die Aufgabe der Gesundheitspolitik, die Gefahr zu erkennen und zu handeln, nicht zu reden und zu diskutieren. „Das nützt uns nichts.“ Noch eine eindrucksvolle Zahl hat Denker parat: Im Durchschnitt wird ein Leben durch Armut um elf Jahre verkürzt. Und eines sei sicher: Krankheit macht arm und Armut krank.

Noch keine Sprechstunde ausgefallen

1000 Beratungen und Behandlungen haben Dr. Uwe Denker und seine Kollegen in den vergangenen sechs Jahren in ihrer Praxis ohne Grenzen durchgeführt. Etwa 500 Patienten haben sich dabei persönlich vorgestellt, die andere Hälfte hat die Mediziner telefonisch um Hilfe gebeten.

12 Einrichtungen dieser Art gibt es zurzeit in ganz Deutschland, davon neun Praxen im Norden. Fünf Ärzte und sieben Arzthelferinnen halten die Praxis in Bad Segeberg am Laufen. Bisher ist nach eigenen Angaben noch nie eine Sprechstunde ausgefallen.

Die Praxis ohne Grenzen wird ehrenamtlich betrieben und von vielen Spendern finanziert. Sie ist aus der Idee der Nachbarschaftshilfe entstanden und sollte ein vorübergehendes Angebot sein. Es hat sich zu einer lebenswichtigen Einrichtung entwickelt und die „Nachbarn“ sind in der ganzen Welt zu Hause. Deutschland-Besucher, die im Norden erkranken, finden ebenso wie Arbeitssuchende oder Leiharbeiter ihren Weg zum Kirchplatz. So hat die Praxis schon Patienten aus 27 Ländern behandelt.

Erreichbar ist die Praxis ohne Grenzen am Kirchplatz 2 in Bad Segeberg, Telefon 0173/9 57 83 80, im Internet www.praxisohnegrenzen.de

Silvie Domann

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