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Segeberg Die Marienkirche – Pionier beim Backsteinbau
Lokales Segeberg Die Marienkirche – Pionier beim Backsteinbau
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19:40 21.09.2018
Günther Gathemann, Professor Asmus Hintz und Andreas Maurer-Büntjen (v. l.) vor der alten Taufschale von 1447. Quelle: GLOMBIK
Bad Segeberg

Was hat die alte Bad Segeberger Marienkirche mit einem Möbelhaus zu tun? „Die Ziegel der Marienkirche haben wir von Möbel Kraft – könnte man sagen“, sagt Günther Gathemann, Experte für die Geschichte des ältesten Gotteshauses der Stadt, schmunzelnd. Denn den Grundstoff der Kirche, den Ton, holten unsere Altvorderen aus der Gegend, wo jetzt Möbel Kraft steht. 1156 soll der Bau der Kirche von Bischof Gerold von Oldenburg angeordnet worden sein. Die Kirche steht nach einer wechselvollen Geschichte heute wieder vor einer wichtigen Zäsur: Im Inneren soll das Gotteshaus von Mai 2019 an in drei Etappen komplett saniert werden. Auch eine neue Orgel soll eingebaut werden. Ein Millionenprojekt.

Nur wenige wissen, dass die Marienkirche, die als Klosterkirche geplant und gebaut wurde, nicht nur wegen ihrer damals imposanten Größe, sondern vor allem wegen des verwendeten Baumaterials, dem Backstein, d a s Pionierbauwerk in Norddeutschland war. Der Backsteinbau sei damals hierzulande völlig unbekannt gewesen, „es war eine absolute Innovation in Norddeutschland“, berichtet Gathemann. Holz, um die Brennöfen für die Ziegel anzufeuern, gab es reichlich, der Eisenwald, ein fast undurchdringlicher Urwald, zog sich in dem dünn besiedelten Gebiet von Eckernförde bis zum Sachsenwald hin. Für den Bau der Marienkirche wurden mehr als 200 Hektar Wald abgeholzt. Der größte Teil davon wurde zum Brennen von Steinen und Gips verwendet. Aus Norditalien mussten Bautrupps kommen, um die hiesigen Bauleute im Ziegelbau anzuleiten. Hierzulande wohnten die Segeberger unterhalb der Burg noch in kleinen Häusern aus Holz und mit Lehm verstrichenem Flechtwerk. Backstein, Ziegel – die kannte man nicht.

Die älteste Fotografie von Segeberg aus dem Jahr 1865. Sie zeigt die Kirche mit dem historischen ersten Friedhof. Das alte Pastorat wurde gerade abgerissen. Quelle: Kalkbergarchiv

Die Ziegelbrenner waren dann quasi umgeschulte, hiesige Steinmetze. Die haben die weichen Steine hinterher mit Eisen behandelt. Früher gab es offenbar noch nicht gebrannte Formsteine. Alles war eckig und wurde mit dem Scharriereisen, Hammer und Meißel nachträglich bearbeitet, in Form gebracht. „Wir haben auf der Nordseite noch die ursprünglichen Säulen“, berichtet Gathemann. Tatsächlich: Beim Rundgang durch die Kirche sieht man die Wetz- und Schlagspuren der Arbeiter im 12. Jahrhundert im Backstein. Fast schauert es einen, so präsent sind hier die alten Zeiten. Die Segeberger Marienkirche sei ein „Experimentalbau für Backstein gewesen, ist das Vorbild für den Ratzeburger und den Lübecker Dom“, ist sich Gathemann sicher. Die Bauleute seien damals von einer Kirchen-Baustelle zur nächsten geschickt worden.

Die Statik der Kirche hatte man damals nicht berechnet, es wurde nach Gefühl gebaut. „Zum Glück“, meint er. So habe man bei der Marienkirche völlig überdimensionierte Säulen errichtet, sodass die Kirche alle „Verschönerungsversuche“ über die Jahrhunderte fast unbeschadet überstanden habe. Der Gips wurde aus dem Gestein des Kalkberges gebrannt, bei 900 Grad Celsius entstand Hochbrandgips, hart wie Beton. Gathemann: „Das ist alles Segeberger Handwerk, das man hier sieht.“

An den alten Kirchenmauern sind die Spuren der Eisenwerkzeuge zu sehen.

Einer der größten Fans der Marienkirche ist Professor Asmus Hintz. Der Vorsitzende des Fördervereins schwärmt von der historischen Segeberger Stadtansicht von Braun und Hogenberg mit der Siegesburg auf dem damals mächtigen Kalkberg. Hintz: „Die Siegesburg ist weg, der Kalkberg ist fast weg, aber die Kirche steht auch heute noch - nach 862 Jahren - und man kann einfach ’reingehen.“ Die Räume seien „durchbetet“, habe die frühere Bischöfin Margot Käßmann über alte Kirchen-Gemäuer gesagt. Das treffe auch auf diese Kirche zu. Asmus Hintz hat in den Sechzigerjahren hier im Chor gesungen, er erfuhr die Kirche als „steifen Ort“, an dem die Pastoren Unverständliches von der Kanzel herab zum Volk sprachen. Früher sei man in die Kirche gegangen, um sein Seelenheil zu finden. Es war ernst, sehr ernst. Hintz: „Heute erlebe ich Kirche ganz anders. Sie ist offen, fröhlich, man darf lachen und Beifall klatschen.“ Diese besonderen Erlebnisse und emotionalen Momente gebe es nur hinter alten Kirchenmauern, nicht hinter Rigipsplatten. Seine Motivation sei es, die Marienkirche für die Ewigkeit zu erhalten.

Die Herstellung der Steine dauerte zwei Jahre

Im vergangenen Jahrhundert gab es Zeiten, zu denen im Kirchenraum vom roten Backstein nicht mehr viel zu sehen war. Man hatte alles mit weißer Farbe übertüncht. Dazu kam die „Schablonen-Malerei“ aus der Kaiserzeit im 19. Jahrhundert. Die würde der Experte für die Historie der Marienkirche, Günther Gathemann, möglichst nicht mehr sichtbar machen. Das sei damals ein reines Dekorationselement im Kirchenraum gewesen.

Der Backstein hat es auch nicht verdient, ihn hinter Farbe zu verstecken. Für die Segeberger Marienkirche benötigte man riesige Mengen an Steinen, berichtete Gathemann. Die Augustiner Domherren hatten offenbar bei den Bauleuten aus Norditalien das Brennverfahren gelernt. Die Herstellung der Steine dauerte mehr als zwei Jahre. Der Ton wurde an der Trave gewonnen und musste erst im Winter durchfrieren. Im folgenden Frühjahr konnte man die Ziegel zum Klosterformat formen und zum Trocknen lagern. Das Trocknen dauerte etwa eineinhalb Jahre, danach wurden die Steine mit Unmengen von Holz in Öfen gebrannt. Nur etwa die Hälfte der Steine konnte im sichtbaren Bereich vermauert werden. Viele Steine waren durch die Hitze verformt oder gerissen, konnten nur noch als Füllsteine innerhalb der Mauern genutzt werden.

Gehadert wird vor allem mit den Sanierungsarbeiten um 1960. Damals haben fast alle alten Kirchen eine Verschönerungsprozedur ertragen müssen. Neue Fenster, neue Bänke, neue Orgel. „Das war die Zeit, als man die Orgel ruinierte, weil man einem neuen Trend huldigte“, berichtet Kirchenmusiker Andreas Maurer-Büntjen. Fast alles sei landesweit wegrasiert worden, es gebe kaum noch gute Orgelbestände aus dem 19. Jahrhundert. Register wurde herausgenommen, minderwertige Pfeifen seien eingebaut worden. „Man wollte den Neo-Barock, die Orgeln klangen schrill.“ Auch in der Segeberger Marienkirche fehlten seitdem „die warmen Klangfarben“. Hätte man doch die alte Marcussenorgel von 1863 einfach so stehengelassen, so Maurer-Büntjen. Daran möchte die Bad Segeberger Kirchengemeinde mit der geplanten neuen Orgel wieder anknüpfen.

Günther Gathemann (links) und Professor Asmus Hintz studieren die Spuren der alten Ziegelbauer. Quelle: GLOMBIK

Heute ist die Marienkirche der kulturelle Mittelpunkt Bad Segebergs, in dem Konzerte stattfinden, beispielweise, wenn sich immer sonnabends um 11 Uhr die Leute vom Markttreiben bei Musik im Kirchenschiff erholen können. Früher war die Kirche auch Treffpunkt der Stadt, der Bauern aus der Umgebung. Die Gemeinde musste im ausgehenden Mittelalter sogar einen Knecht einstellen, der die Leute von draußen vom Friedhof reinpfeifen sollte, damit sie nicht die Predigt von Hochwürden versäumten. Denn es sei üblich gewesen, auf dem Friedhof vor der Kirche über Getreidepreise zu verhandeln. Amtliche Bekanntmachungen wurde von der Kanzel verlesen. Zeitungen gab es noch nicht. Die Kirche war der geistliche, aber auch weltliche Mittelpunkt der Stadt.

Wolfgang Glombik

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