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Segeberg Die wichtigsten Fragen im Schackendorfer Mordprozess
Lokales Segeberg Die wichtigsten Fragen im Schackendorfer Mordprozess
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07:00 20.01.2019
Dem 48 Jahre alte Angeklagte werden beim Auftakt des Mordprozesses im Schwurgerichtssaal die Handschellen abgenommen. Der Mann soll am 1. November 2017 mit seiner Frau in Streit geraten und im Beisein des Sohnes in Rage auf sie eingeschlagen haben, bis sie starb. Quelle: dpa
Schackendorf/Kiel

Ist Volker L. schuldig an dem Mord an seiner Frau Nadine? Die bisherigen Verhandlungstage im seit Oktober laufenden Prozess gegen den 48-Jährigen haben keine endgültige Klarheit gebracht. Am Donnerstag hat die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Jörg Brommann die Beweisaufnahme für beendet erklärt. Aus den vorliegenden Fakten müssen die Anwälte jetzt ihre Schlüsse ziehen und das Gericht ein Urteil fällen. Hier eine Übersicht über das, was wir aus dem bisherigen Prozessverlauf wissen:

Hatte Volker L. ein Mordmotiv? Das ist anzunehmen. Wie aus der Auswertung ihres Handys und aus Aussagen einer Arbeitskollegin von Nadine L. hervorgeht, hat sich die Frau in den Wochen vor ihrer Ermordung mit den Gedanken an eine Scheidung von Volker L. getragen, was dieser allem Anschein nach auch gewusst hatte. Die von ihm spontan organisierte Kurzreise in den Harz sollte offenbar dazu dienen, die Eheprobleme zu kitten. Im Hotel, so belegen es Aufzeichnungen von Überwachungskameras und Aussagen des Personals, hatten sich die Spannungen aber fortgesetzt; Nadine soll in Socken aufgebracht auf dem Flur des Hotels umhergelaufen sein. Nach nur einer Nacht wurde der Urlaub abgebrochen. Noch am Abend der Rückkehr des Paares und ihres kleinen Sohnes nach Schackendorf wurde Nadine L. ermordet, nachdem sie zu einem Spaziergang mit ihrem Mann aufgebrochen war.

Neigte Volker L. zur Gewalt?

Was ging zwischen den Eheleuten vor sich? Volker L. soll krankhaft eifersüchtig gewesen sein. Auf ihrer Arbeit im Psychiatrischen Klinikum in Rickling setzte er seine Frau mit Kontrollanrufen massiv unter Druck, wie Arbeitskolleginnen berichteten. Während der Schicht seiner Frau in der Nacht vor der gemeinsamen Fahrt in den Harz hatte L. gut drei Dutzend Mal auf der Station oder dem Handy von Nadine angerufen, ergab die polizeiliche Auswertung seines Mobiltelefons. L. hatte seiner Frau eine Affäre mit ihrem Kung-Fu-Trainer unterstellt, für die es jedoch keinerlei Belege gibt und allem Anschein nach nur in seiner Einbildung existierte. Auch darüber hinaus litt das Paar unter massiven Problemen, wurde von erheblichen Geldschulden gedrückt. Auch eine Zwangsräumung der gemeinsamen Wohnung stand bevor.

So geht es weiter

Fortgesetzt wird der Prozess am 29. Januar mit dem Plädoyer von Staatsanwältin Hanna Schmücker-Borgwardt und des Verteidigers der Nebenklage, Rechtsanwalt Oliver Jürgens. Für den 15. Februar ist das Plädoyer von Verteidiger Dr. Jonas Hennig geplant. Alle drei Plädoyers werden aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit gehalten, da auch ein Teil der Beweisaufnahme – die Befragung der Ex-Frau des Angeklagten – nichtöffentlich gewesen ist. Mit einem Urteil (öffentlich) wird am 26. Februar gerechnet.

Gibt es eindeutige Beweise, dass Volker L. der Mörder war? Nein. Als Tatwaffe wurde zwar der in der Nähe der Leiche gefundene Zaunpfahl aus recyceltem Kunststoff eindeutig von der Kriminalpolizei identifiziert. Die daran gefundenen DNA-Spuren des Täters können Volker L. aber nicht zugeordnet werden. Die Rechtsmedizin konnte lediglich auf einen männlichen Täter schließen, eine detailliertere Analyse ließ die Qualität der Spuren nicht zu. Es existieren auch keinerlei Augenzeugen der Tat.

Suchaktion nach Spuren im Knick durch die Bereitschaftspolizei Eutin in Schackendorf. Quelle: SGB

Welche Indizien sprechen für seine Schuld? Neben der drohenden Scheidung als möglichem Mordmotiv, eine Reihe verdächtiger Umstände. Zum einen seine Erklärung, sich während des Spaziergangs von seiner Frau getrennt zu haben. Angeblich, so erzählte es Volker L. später der Polizei, sei der gemeinsame Hund weggelaufen. Während sie darauf bestanden habe, das Tier zu suchen, sei er dafür zu müde gewesen und mit seinem Sohn nach Hause zurückgekehrt. Für jemanden der seine Frau sonst auf Schritt und Tritt überwachte, ist dieses Verhalten zumindest seltsam. Telefonprotokolle und die Auswertung des Auto-Navis bestätigten zwar seine Aussage bei der Polizei, seine Frau als vermisst gemeldet und die ganze Nacht über mit dem Auto gesucht zu haben. Merkwürdig ist dabei, dass er bei seiner mehrstündigen Suche ausgerechnet den Ort aussparte, wo er sich von ihr getrennt haben wollte – und ihre Leiche tatsächlich lag.

Nicht erklärbar ist auch der Umstand, dass L. kurz vor der Rückreise aus dem Harz das Handy seiner Frau offenbar mutwillig und ohne ihr Wissen entsorgte. Eine Parkplatzkamera des Hotels zeichnet auf, wie Volker L. mit dem Handy zunächst hantierte und das Gerät dann unter das Auto warf. Später wurde es von anderen Hotelgästen auf dem Parkplatz gefunden.

Ein Indiz ist auch die verschwundene Kleidung des Angeklagten. Vor der Rückreise – also am Tag der Tat – war er auf den Kameras des Hotelparkplatzes in einem dunkel-karierten Hemd zu sehen. Kameras einer Tankstelle, die L. während der angeblichen Suche nach seiner Frau in der Nacht ansteuerte, und die Aufnahme an einem Geldautomaten zeigen ihn in anderer Kleidung. Das karierte Hemd konnte bei der Hausdurchsuchung durch die Polizei nicht mehr gefunden werden. Auffällig ist auf der Aufnahme am Geldautomaten auch, wie L. seine Finger kontrolliert.

Ebenfalls seltsam ist, wie er sich kurz nach seiner Festnahme in einer Befragungspause bei der Polizei äußerte. Eine Beamtin, die gebeten wurde, in dem Vernehmungsraum für kurze Zeit die Stellung zu halten, berichtete vor Gericht, wie L. auf einmal ohne Anlass davon redete „total wütend“ auf seine Frau zu sein und er sie „am liebsten erschlagen“ hätte. Was könnte ihn entlasten? Die Aussage des Nachbarn, mit dem er gemeinsam den Leichnam seiner Frau aufgefunden hatte. Beim Anblick der Toten sei L. fast durchgedreht, habe die Leiche an sich gedrückt und ihr Gesicht gestreichelt. „Sie friert“, habe er dabei verzweifelt ausgerufen, habe nicht realisieren können, dass Nadine L. nicht mehr am Leben war. Eine Rettungssanitäterin, die kurz darauf eintraf, berichtete ebenfalls davon, wie L. vollkommen aufgelöst und stark am Weinen gewesen sei. An der Echtheit dieser Gefühle äußerten beide Zeugen keinerlei Zweifel. Was hat es mit dem Polen auf sich? Verteidiger Dr. Jonas Hennig setzt bei seiner Verteidigung zum großen Teil auf diese Spur. Tatsächlich haftete eine gut erhaltene DNA-Spur an einer Öse des Zaunpfahls, der Tatwaffe, an, die in der Datenbank des Bundeskriminalamtes dem Wanderarbeiter und Kleinkriminellen Bartosz G. zugeordnet werden konnte. Zuletzt lebte G. in den Niederlanden. Sein derzeitiger Aufenthaltsort ist unbekannt, alle Versuche von Polizei und Justiz, ihn zu finden und als Zeugen zu befragen, sind bislang gescheitert. Aus noch nicht ganz nachvollziehbaren Gründen halten aber weder die Staatsanwaltschaft noch das Gericht den Polen für so dringend tatverdächtig, um den Prozess ins Wanken zu bringen. Dafür dass Volker L. weiter als Hauptverdächtiger gilt, spricht auch die Tatsache, dass er sich nach wie vor in Untersuchungshaft befindet.

Oliver Vogt

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