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Segeberg Diese Flugstraße muss stockfinster bleiben
Lokales Segeberg Diese Flugstraße muss stockfinster bleiben
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11:04 18.01.2017
Geplant ist ein Erweiterungsbau mit neuem Sitzungssaal und Büros direkt an dem bestehenden Gebäude (li.). SKIZZZE: RIEMANN GESELLSCHAFT VON ARCHITEKTEN
Bad Segeberg

Wer in Bad Segeberg bauen möchte, der wird wohl oder übel zum Fledermaus-Experten. Auch die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH) muss Rücksicht auf ihre Rote-Liste-Nachbarn nehmen. Im April soll es Baurecht für ihr Zehn-Millionen-Euro-Projekt an der Bismarckallee geben. Der Bebauungsplan muss noch einmal vor dem Satzungsbeschluss öffentlich ausgelegt werden. Geplant ist eine Aufstockung eines Bürogebäudes und ein großer quaderförmiger Anbau für den Plenarsaal der Ärzteschaft. Baubeginn soll Anfang 2018 sein, teilt die KVSH mit.

Bei der Bauleitplanung für den großen Plenarsaal der KVSH wird wegen der Fledermäuse um jeden Baum gerungen.

Es war und ist ein Bauprojekt mit Hindernissen: Erst sollte gegenüber auf dem Grundstück des Flath-Anwesens gebaut werden. Doch der Streit um rechtliche Fragen mit der Otto-Flath-Stiftung nahm kein Ende. Nun muss sich die Zentrale der Ärzteschaft nicht mehr mit dem Holz-Erbe des Bildhauers, sondern gegenüber mit Fledermäusen arrangieren, um im Waldgebiet des Kurparks bauen zu dürfen. Denn am geplanten Saal vorbei führt Bad Segebergs wichtigste Straße – ohne Asphalt und Lärm – beschirmt durch ein Blätterdach. Es ist die Hauptverkehrsstraße der Fledermäuse, die hier nachts zwischen Jagdrevieren und Kalkberghöhlen hin und her pendeln.

Gerade Teichfleder-, Bechsteinfledermaus und Großes Mausohr, die hier entlang düsen, sind extrem lichtscheue Gesellen. Hochgradig empfindlich, kann sie schon der Schein einer Laterne zu ausweichendem Flugverhalten zwingen. Der Gutachter einer in Auftrag gegebenen Flora-Fauna-Habitat-Verträglichkeitsstudie warnt, dass „eine Lichtimmission über den Status quo“ dafür sorgen könnte, „den Erhaltungszustand des FFH-Gebiets Segeberger Kalkberghöhle zu gefährden“. Schon die starke Lichteinstrahlung der Klinikgebäude auf der anderen Seite des Kurparks würde die für die lichtempfindlichen Fledermäuse nutzbare Gasse beeinträchtigen. Der lichtarme Durchflugkorridor dürfe nicht noch weiter eingeengt werden, fordern auch die Umweltbehörden.

Die KVSH muss für ein „Lichtkonzept“ sorgen, damit ihr Gebäude-Licht nicht dazu führt, dass die Funktionsfähigkeit der Flugstraße vermindert wird. Im Klartext: Der Kurpark darf nicht von dem Bau-Grundstück her beleuchtet werden. „Wir werden alle Auflagen erfüllen und für entsprechende Abdunklung an der Fassade sorgen“, erklärte dazu der Sprecher der KVSH, Marco Detlefsen, den Lübecker Nachrichten.

Die Stadt muss hinnehmen, dass nicht wie ursprünglich vorgesehen die Bauleitplanung im beschleunigten Verfahren durchgeführt werden kann. Da trat die Kreisumweltbehörde auf die Bremse. Die Gutachten zu Fledermäusen, Brutvögeln, Artenschutzprüfung und zu dem Gehölzbestand stapeln sich indes. Auf 1000 Quadratmetern sollen Bäume gefällt werden. 15 sollen der Säge zum Opfer fallen. Und dennoch wurde um jede einzelne nummerierte Buche gerungen. Sogar das Umweltministerium schaltete sich in die Verhandlungen ein. Per Ausnahmegenehmigung wurde festgelegt, dass bei der „Waldumwandlung“ am geplanten Anbau nicht alle Bäume gefällt werden müssen. So solle ein möglichst dichter „Baumkronenschluss“ erhalten bleiben, den die Fledermäuse als „Leitstruktur“ benötigen. Bleibt nur die Hoffnung, dass Segebergs wichtigste Flugstraße nicht so eingeschnürt wird, dass die Mäuse ganz wegbleiben.

Tagungszentrum für zehn Millionen Euro

Das geplante Tagungszentrum an der Bismarckallee hat eine längere Geschichte. Ursprünglich plante die Kassenärztliche Vereinigung den Baubeginn schon für Frühjahr 2017, Fertigstellung sollte frühestens im Herbst 2018 sein. Geplant ist eine Erweiterung plus Umbau des bestehenden Gebäudes. Die Investitionssumme liegt bei etwa zehn Millionen Euro. Der vorhandene Büroriegel soll von drei Stockwerke auf vier Vollgeschosse erweitert werden. Als Anbau ist ein etwa 15 mal 33 Meter großer Quader (Plenarsaal) geplant.

 Wolfgang Glombik

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