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Segeberg Ein Betonklotz voller Geschichte
Lokales Segeberg Ein Betonklotz voller Geschichte
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18:17 28.04.2018
Der Museumsbunker an der Wahlstedter Waldstraße steht seit 2015 unter Denkmalschutz. Angelika Remmers (70) hatte das Gebäude ein Jahr zuvor als zentralen Punkt des Museumpfades entdeckt. Quelle: Foto: Lothar Kullack
Wahlstedt

Dass im einstigen Wasserwerksbunker heute die Kriegs- und Nachkriegsgeschichte zusammenfließen, dass aber auch der Querverweis auf heutige Flüchtlinge nicht vergessen wird, das ist vor allem einer Frau zu verdanken: Volkshochschul-Leiterin Angelika Remmers, die an diesem Wochenende ihren 70. Geburtstag feiert.

Dieser Begriff mutet reichlich angestaubt an, so oft wurde er verwendet. Aber hier passt er wirklich einmal: Im Wahlstedter Museumsbunker an der Waldstraße 101 spürt man tatsächlich den Atem der Geschichte – wegen der feuchten Luft aber einen zuweilen recht modrigen Atem.

Eigentlich heißt es korrekt „Marine-Artilleriearsenal Fahrenkrug“, denn wegen des Bahnanschlusses in der kleineren Nachbargemeinde wurde das Arsenal im Segeberger Forst am Rande Wahlstedts nach Fahrenkrug benannt. Hierher hatte die Marineführung zur Nazizeit ihre Produktion und Lagerung von Munition zurückgezogen, weil man die Bombenangriffe auf Kiel oder andere Hafenstädte fürchtete.

Das Areal umfasste mehr als 300 Hektar mit Produktions-, Büro- und Wirtschaftsgebäuden, Werkstätten, Lagerhallen sowie Baracken für die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter. Außer der Normalspur-Eisenbahn nach Fahrenkrug gab es ein 52 Kilometer langes Kleinbahn-Netz – jedes wichtige Gebäude des Arsenals konnte direkt per Schmalspurbahn angefahren werden. Von den 233 Bunkern zur Lagerung der Munition, die meisten davon versteckt im Wald gelegen, sind noch sieben erhalten, die anderen wurden nach 1945 gesprengt.

2000 Menschen arbeiteten rund um die Uhr

In dem riesigen Arsenal haben über die Jahre 2000 Arbeiterinnen und Arbeiter rund um die Uhr in vier Schichten Munition für die Kriegsmarine hergestellt und gelagert. Nach dem Krieg verblieben im Arsenal noch unglaubliche 50 Millionen Kilogramm Munition: 47,3 Millionen davon wurden vernichtet, in der Ostsee versenkt oder verbrannt, weitere Millionen nach England geschafft.

Von Zwangsarbeitern und Gefangenen gibt es kaum Briefe oder Tagebücher. Verdienstvoll hatte sich die 2015 verstorbene Historikerin Gisela Schwarze in ihrem Buch „Die Sprache der Opfer“ jener ukrainischen Frauen angenommen, die in Wahlstedt arbeiten mussten. Manche Gräber von Zwangsarbeitern sind noch auf dem Bad Segeberger Ehrenfriedhof erhalten. Im Museumsbunker hat Angelika Remmers eine Gedenk-Ecke für diese Menschen eingerichtet – samt Querverweisen auf die Schicksale heutiger Flüchtlinge in aller Welt.

Im heutigen Museumsbunker war die Wasserversorgung des Arsenals untergebracht, und als Wasserwerk kennen Alt-Wahlstedter noch den Bunker, der bis in die 1960er Jahre hinein das Werk beherbergte. Die Gemeinde kaufte es 1959 für 330 000 D-Mark von der Bundesrepublik. Die ursprüngliche Anlage war gut erhalten, schon zu Arsenalszeiten wurden hier täglich 280 Kubikmeter Wasser gefördert. Doch der Zahn der Zeit und das Wachstum der jungen Stadt taten ein Übriges: Als der „Wasserwerksbunker“ als solcher aufgegeben wurde, übernahm ihn anfangs der Wahlstedter Sportfahrerkreis (WSK), der hier die Kulissen für seine groß angelegten Feste herstellte und lagerte. Dann stand das Gebäude lange Zeit leer, bis Angelika Remmers es 2012 als zentralen Punkt für den von ihr konzipierten Geschichtspfad entdeckte. Bereits 2015 konnte Landeskonservator Dr. Michael Paarmann dem Museumsbunker die Denkmalsplakette überreichen, die erste in ganz Wahlstedt.

Die Ausstellung im Bunker umfasst die gesamte Bandbreite der Wahlstedter Kriegs- und Nachkriegsgeschichte. Kartuschen und Munition in jeder Größe: Mit dem Arsenal hatten die gerade mal 750 Bewohner des Bauerndorfes Wahlstedt anfangs kaum etwas zu tun. Der alte Wehrmachtsmantel samt Bleistiftporträt seines Trägers: Die Geschichte eines jungen Soldaten, der unbeschadet nach Wahlstedt zurückkehrte. Der schlichte kleine Leiterwagen und der selbst gezimmerte Holzkoffer: Relikte von Ostflüchtlingen, die ihre Höfe innerhalb weniger Stunden zu verlassen hatten, erlaubtes Gepäck: 20 Kilogramm. Polierwatte für den Brezel-Käfer, ein Mantel mit dem Chic der 50er: In vielen der alten Arsenalgebäude siedelten sich bald nach Kriegsende Dutzende von Firmen an. Manche – wie Pelz, die Glaswerke oder Arko – haben sich aus kleinen Anfängen zu deutschland- oder gar europaweiten Marken entwickelt. Andere, wie eine kleine Pantoffelfabrik, scheiterten schon nach Monaten. Man hatte da wohl einen zu schwachen Kleber benutzt . . .

1000 Besucher im

vergangenen Jahr

Nicht allein Wahlstedter interessieren sich für den Museumsbunker und seine sorgsam zusammengetragenen und vom 50 Mitglieder starken Freundes- und Förderkreis gehüteten Exponate. Als kürzlich der Lions-Club zu Gast war, staunte selbst der Wahlstedter Ardagh-Chef über die Anfänge „seiner“ Glaswerke. Und so mancher Schüler der Poul-Due-Jensen-Schule sah hier schon die Wurzeln von Opa oder Uropa dokumentiert . . .

Mehr als 1000 Besucher hatte das Informations- und Dokumentationszentrum im Bunker im vergangenen Jahr – und das, obwohl es keine regelmäßigen Öffnungszeiten für Einzelbesucher gibt. Zum Denkmalstag und zu Geschichtspfad-Wanderungen ist geöffnet; außerdem können sich jederzeit Gruppen anmelden (siehe Info-Text). Die Vergangenheit ist das Fundament für die Zukunft – nach diesem Wahlspruch verfahren Angelika Remmers und ihre vielen Helfer seit Jahren mit Erfolg.

Termine nach Absprache

Das Informationszentrum im alten Museumsbunker, Waldstraße 101, hat nur zu besonderen Gelegenheiten, etwa am Tag des Denkmals oder zu Führungen auf dem Geschichtspfad, geöffnet. Gruppen oder Schulklassen können unter Tel. 04551/59 12 bei der Wahlstedter Volkshochschule Termine vereinbaren.

Im Heimat- und Handwerksmuseum, Waldstraße 1, ist ein Modell des gesamten Marinearsenals aufgebaut; geöffnet donnerstags von 15 bis 17 Uhr.

Unter 04551/59 12 können für Bunker und Heimatmuseum auch Kaffeerunden vereinbart werden.

Lothar Hermann Kullack

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