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Segeberg Ein Mutmach-Film zum Thema Sucht
Lokales Segeberg Ein Mutmach-Film zum Thema Sucht
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22:39 05.01.2018
Birgit Müller hat Besuch von ihrem alten Trinkerfreund „Sternchen“ im Berliner Turmstraßenpark, in dem sie früher täglich saß und getrunken hat.
Bad Segeberg

Am Freitag, 12. Januar, 19.30 Uhr geht im Bad Segeberger Kino CinePlanet 5 die Filmpremiere der bei Bad Segeberg lebenden Berliner Filmemacherin über die Bühne. Ihr Dokumentarfilm portraitiert Menschen, die der Konsum von Alkohol krank gemacht hat, zeigt Wege aus der Sucht. Welche Schwierigkeiten begegnen ihnen auf dem Weg in die Abstinenz?

Tief berührt sind die Zuschauer, wenn sie ihre Filme sehen. Zuletzt sorgte ein Dokumentarfilm über Kinder psychisch kranker Eltern für den Anstoß, sich diesem Tabuthema zu öffnen. Jetzt gibt es mit „Endlich trocken – Wege aus der Sucht“ einen neuen Film von Andrea Rothenburg.

Die Regisseurin und Kamerafrau nimmt sich Zeit, den Betroffenen zuzuhören. Lange Einstellungen. Auf erklärende Kommentare aus dem Off wird verzichtet. Es sind zehn Menschen mit Suchterfahrungen, die als Experten über ihr Leben berichten. Die Kamera bleibt ruhig, kein Schwenk, kein hektischer Zoom – das Wort des Interviewten steht im Mittelpunkt. Die Menschen zeigen sich in ihrem gewohnten Umfeld, in dem sie sich sicher, ja wohl fühlen.

Rothenburgs Filme sind Langzeitprojekte, keine Schnellschüsse. Sie hat ihre Schützlinge Monate, manchmal Jahre begleitet. Das merkt man den meist kranken, vom Leben enttäuschten Menschen an, die sich Andrea Rothenburg und ihrer Kamera anvertrauen. Es geht um die Beibehaltung von Würde, wenn man sich schon der Öffentlichkeit mit seinen Schwächen zeigt. Hier schämt sich keiner im Fokus der Kamera seiner Tränen. Zwischen den Dargestellten und dem Publikum stellt sich eine Vertrautheit ein. Ist der Film zu Ende, hat man das Bedürfnis über seine Betroffenheit reden zu müssen.

Rückfälle gehören dazu, nur wenige Alkoholiker schaffen es, dauerhaft abstinent zu bleiben. Oft kommen die Menschen aus Familienverhältnissen, wo Alkohol immer Thema war. Rothenburg: „Ich möchte mit dem Film auch Angehörigen etwas geben.“ Alkoholprobleme gab es oft schon bei den Eltern ihrer Schützlinge. Auch bei diesem Rothenburg-Film wird deutlich, wie sinnvoll es gewesen wäre, wenn jemand ihre Protagonisten „in Kindheit und Jugend unterstützt hätte“.

Andrea Rothenburg engagiert sich seit Jahren im Themenbereich „Kinder psychisch kranker Eltern“. „Ich kenne tolle Mütter mit bipolaren Störungen.“ Nichts sei aber schlimmer, wenn „Ängste von Eltern auf ihre Kinder projiziert werden“. Die dann damit auch noch alleine bleiben. Für die Filmemacherin sind ihre Filme auch „Werkzeuge“, wie sie selber betont. Mit dem vielbeachteten Film über Kinder psychisch kranker Eltern hat die Tochter eines Chefarztes des Psychiatrischen Krankenhauses Rickling inzwischen eine bundesweit beachtete Kampagne gestartet. „Wir belasten doch Kinder nicht, wenn wir sie fragen, wie es ihnen geht.“

Filme drehen, aber nachhaltig, damit etwas für die Zukunft anstoßen: Wenn jemand doch nur die Mitwirkenden ihrer Filme in ihrer Kindheit oder Jugend darin unterstützt hätte, nicht denselben Weg wie die Eltern zu gehen, sagt sie.

Die Leute, die porträtiert werden, haben durchaus spannende Lebensläufe. So gibt es einen Alkoholkranken, der nach einem Banküberfall im Gefängnis landete. Einige haben nach ihrem verkorksten Leben noch die Kurve bekommen. Es sei für die Filmemacherin nicht schwierig gewesen, Männer zu finden, die ihre Geschichte erzählen. Schwieriger sei es bei Frauen. Die Protagonisten in dem Film von Andrea Rothenburg haben „eigenes Sendungsbewusstsein“. Sie wollen über ihre Krankheit reden, auch um anderen zu helfen. Die eigene verquere Lebensgeschichte bekommt so noch einen Sinn. Rothenburg: „Das steht auch bei unseren Filmen im Hintergrund.“ Ansonsten gehe es ihr darum, Klischees zu vermeiden, keinen reißerischen Umgang mit dem Thema.

Die Filmemacherin, die auf einer Filmakademie und Drehbuchschule war, brennt für ihre Themen zu psychischen Erkrankungen . „Seitdem ich lesen konnte, habe ich die Fallbeispiele von meinem Vater gelesen, ich fand das so spannend. Ich habe seit meiner Kindheit das Thema studiert“, berichtet sie. Der aktuelle Film, der jetzt in Bad Segeberg Premiere feiert, soll Mut machen mit so einer Alkoholerkrankung zu leben. Er zeigt Menschen hinter ihren Erkrankungen.

Filmpremiere in Segeberg

Die Premiere des Dokumentarfilms „Endlich trocken – Wege aus der Sucht“ ist am Freitag, 12. Januar, 19.30 Uhr im Bad Segeberger Kino CinePlanet 5. Dazu kommen auch Berliner und Protagonisten des Films, um im Anschluss zu diskutieren. Unterstützt wird die Debatte von Gerhard Voss vom Blauen Kreuz und Thomas Winter von den Anonymen Alkoholikern aus Bad Segeberg. Zusatzvorstellungen gibt es am 13. Januar, 17.15 Uhr und 17. Januar, 19.30 Uhr. Der Eintritt beträgt 10, ermäßigt 9 Euro. Kartenvorverkauf unter Telefon 04551/7100, www.cp5.de

 Wolfgang Glombik

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