Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 5 ° Regenschauer
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Ein neues Zuhause für Sayed — ein 16-Jähriger aus Afghanistan

Bad Segeberg Ein neues Zuhause für Sayed — ein 16-Jähriger aus Afghanistan

„Es ist schön, dass er hier ist“, sagen die Hammerichs aus Tensfeld — Das Paar gehört zu den ersten im Kreis, die bereit waren, einen unbegleiteten Flüchtling aufzunehmen.

Voriger Artikel
Schulverband Itzstedt verabschiedet Haushalt
Nächster Artikel
Nach Großfeuer: Drogenfund auf Resthof

Stefan Hammerich hilft dem 16-jährigen Sayed bei den Hausaufgaben. Täglich mehrere Stunden lang beschäftigen sich die Gasteltern mit dem jungen Flüchtling. „Sein Deutsch wird jeden Tag besser.“

Quelle: Dreu

Bad Segeberg. Sayed ist 16 Jahre jung. Geboren und aufgewachsen im Süden Afghanistans, in der Nähe von Kandahar. Zwei ältere Brüder hat er, zwei jüngere Brüder und eine jüngere Schwester. Es war im Sommer vergangenen Jahres, als die Taliban vor seinem Elternhaus standen, um ihn und seine beiden älteren Brüder zu holen. Der Vater stellte sich ihnen in den Weg. Er wurde erschossen.

Das war der Tag, der das Leben von Sayed und seinen größeren Brüdern änderte. Ihre Flucht führte sie nach Kabul, von dort nach Pakistan und über den Iran in die Türkei. Sayed blieb dort ein Jahr, um Geld für die Weiterreise zu verdienen — über Griechenland, Serbien, Ungarn und Österreich nach München. Im September 2015 kam er in Boostedt an, seit dem 9. Oktober lebt Sayed bei Maggie (53) und Stefan (54) Hammerich in Tensfeld.

Ein Mitarbeiter des Jugendamtes hatte ihnen von den vielen unbegleiteten Jugendlichen erzählt, die sich ohne Eltern auf den Weg aus Krisenregionen nach Deutschland machen. Weil das Ehepaar schon einmal für eineinhalb Jahre einen jungen Kurden bei sich aufgenommen und damit gute Erfahrungen gemacht hatte, stimmten sie zu, erneut einen Jugendlichen aufzunehmen. Dann ging alles ganz schnell.

Die Eheleute erfuhren, dass Sayed bei ihnen leben sollte. Er war auf der Flucht erkrankt und lag in Borstel im Krankenhaus.

Eilig sammelte das Ehepaar Kleidung sowie das Nötigste aus der Nachbarschaft und machte sich auf den Weg nach Borstel. Sayed konnte weder Deutsch noch Englisch, Maggie und Stefan Hammerich sprechen weder Persisch noch Türkisch. Nur das Wort „Sallam“ konnten sie zu ihm sagen: „Hallo“. Es gab keinen Dolmetscher, nur einen Block und einen Stift. „Er griff nach beidem und malte Zahlen auf. Er wollte wissen, wie sie auf Deutsch ausgesprochen werden. Er brauchte ganz dringend ,Input‘ für sein Gehirn“, denkt Maggie Hammerich an die erste Begegnung zurück.

Als Sayed aus dem Krankenhaus entlassen wurde, besorgten seine Gasteltern für ihn ein Smartphone, damit er mit seiner Mutter telefonieren und Kontakt zu seinen Brüdern aufnehmen konnte, von denen er auf der Flucht getrennt wurde. Einer lebt jetzt in Schweden, zu dem anderen gibt es keinen Kontakt.

Das Miteinander ohne große Sprachkenntnisse ist schwierig, aber machbar, wissen die Hammerichs. Es braucht Geduld und Zeit. „Drei bis fünf Stunden am Tag arbeiten wir intensiv zusammen“, sagt Stefan Hammerich, der sich noch gut daran erinnern kann, wie er versucht hat, Sayed den Sinn der Mülltrennung zu erklären. „Das dauerte einen halben Tag“, berichtet der Gastvater, der auch das Busfahren mit Sayed geübt hat.

Mit jedem Tag im Segeberger Berufsbildungszentrum werden Sayeds Sprachkenntnisse besser. Aber auch andere Fächer wie Mathematik, Holzwerkstatt oder Computer stehen auf dem Stundenplan des jungen Mannes. „Langsam wird es auch mit dem Schlafen besser. In den ersten Wochen kam er nachts nicht zur Ruhe“, sagt Maggie Hammerich, für die Sayed nach dem jungen Kurden das zweite große Kind im Haus ist. Außerdem hat das Ehepaar noch ein Patenkind in Tansania. „Es ging uns nie darum, ein liebes Kind zu haben. Sayed ist sehr ruhig, friedfertig und er ergreift selbst die Initiative. Es ist schön, dass er hier ist“, sagt sie.

Als zum letzten Mal der Dolmetscher vom Kreis vor Ort war, hat Sayed gefragt, wie lange er bleiben dürfe. Das ist ein Problem. Am ersten Januar 2017 wird er 18 Jahre alt. An dem Tag muss er zurück in eine Asylbewerberunterkunft. Stefan Hammerich: „Die Ruhe, die die Jugendlichen nach der langen Flucht in ihren Gastfamilien gefunden haben, die ist dann wieder hin. Hier muss eine andere Lösung gefunden werden.“ Die Hammerichs jedenfalls würden Sayed auch länger ein Zuhause bieten.

Ich mache mit bei „alleineinboot“
Moira Pasberg (18) aus Bad Segeberg engagiert sich schon seit längerer Zeit beim Projekt „Yoyo & Croc“. Und so kam sie mit Jana Oelschlägel vom Verein „alleineinboot“ ins Gespräch.
„Sie sprach mich an und fragte, ob ich nicht auch Mitglied werden wollte“, erinnert sich die angehende Abiturientin vom Städtischen Gymnasium. Und so gehört sie seit etwa drei Monaten dem neuen Verein an. Sie kümmert sich mit viel Einsatz um Schülerpaten und besucht regelmäßig die Mischbar. „Zum einen finde ich es interessant, neue Leute kennenzulernen, auch aus anderen Kulturen. Dazu kommt die andere Ebene — gemeinsames Spielen, Lachen — das braucht nicht viele Worte.“
Moira Pasberg empfindet das ehrenamtliche Engagement im Verein als sehr bereichernd. „Ich lerne dabei selbst, dankbar zu sein“, sagt die Schülerin. Und ganz nebenbei hat sie sich zeigen lassen, wie ihr Namen auf Persisch geschrieben wird, was zeigt, dass so ein Engagement auch auf eine andere Weise sehr bereichernd sein kann. hil
71 Gastfamilien wollen Flüchtlinge aufnehmen
Es ist gerade sechs Wochen her, da begann das Kreisjugendamt mit der Suche nach Gastfamilien für minderjährige Flüchtlinge, die ohne Erziehungsberechtigten hier sind. Mehr als 200 dieser Jugendlichen lebten zu diesem Zeitpunkt in der Erstaufnahmeeinrichtung in Boostedt, denn die Kapazitäten des Jugendamts waren erschöpft. Seither haben sich über 80 Familien, Paare und Einzelpersonen gemeldet, die bereit sind, einen jugendlichen Flüchtling bei sich aufzunehmen, sagte Jugendamtsleiter Michael Stankat den LN. „Der Aufruf war sehr erfolgreich. Wir müssen uns bei der Bevölkerung bedanken.“ Von den Bewerbern seien aktuell 71 als geeignet eingestuft worden. „Das ist eine sehr hohe Quote.“ Etwa ein Drittel der Gastfamilien sei auch schon belegt.
„Vermittelt wurden bisher 27 Jugendliche.“ Bei den anderen Familien befinde man sich im „Matching-Prozess“.
Unter den Bewerbern seien Wohngemeinschaften und Einzelpersonen, in der Mehrzahl seien es aber Familien, die sich gemeldet hätten, so Stankat. „Sie nehmen die Jugendlichen auch komplett ins Familienleben auf.“ Sehr erfreut habe es ihn auch, dass oft der Satz gefallen sei: „Auf das Geld kommt es uns nicht an.“ Je nach Integrationsleistung der Familie zahlt das Jugendamt monatlich bis zu 769 Euro Aufwandsentschädigung für die Aufnahme eines jugendlichen Flüchtlings: 230 Euro für die Stellung eines möblierten Zimmers, 302 Euro für Verpflegung und weitere 237 Euro, sollten sich die Gastfamilie auch um die komplette Betreuung kümmern. Die Vormundschaft bleibt jedoch beim Jugendamt. Vereinzelt gebe es zwar Bewerber, denen das Geld wichtig sei, berichtet Stankat. Den Eindruck, dass die Aufwandsentschädigung ein entscheidender Faktor bei der Aufnahme unbegleiteter Flüchtlinge sei, habe er nicht.
Und so hofft Stankat auf weitere Gastfamilien, die einen jugendlichen Flüchtling, meist aus Syrien, Afghanistan und Eritrea, bei sich aufnehmen. „Das Problem ist nach wie vor virulent.“ In der Erstaufnahme lebten noch immer über 100 Jugendliche ohne Eltern, zumeist Jungen zwischen 14 und 17 Jahren. Interessierte Familien, Paare oder Einzelpersonen können sich beim Jugendamt melden unter ☎ 04551/951600 (Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr) oder per E-Mail:
jugend@kreis-se.de nam
Fahrräder für junge Flüchtlinge gesucht
Um den jungen Flüchtlingen zu mehr Mobilität zu verhelfen, bereitet Stefan Hammerich zusammen mit anderen gebrauchte Fahrräder in einer Selbsthilfe-Werkstatt auf. Angeleitet werden sie dabei durch Dennis Drick, der ihnen alles Wissenswertes über Zweiräder vermittelt. Wer ein Fahrrad zur Verfügung stellen möchte, das Vehikel selbst aber nicht nach Bad Segeberg bringen kann, hat die Möglichkeit, sich bei Stefan Hammerich zu melden. Er ist in Tensfeld unter der Telefonnummer 045 57/ 618 zu erreichen.

• Weitere Infos gibt es im Internet
unter www.alleineinboot.com. pd

Petra Dreu

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. An dieser Stelle finden Sie die Galerie für den April 2017.

Wie wollen wir wohnen, wenn wir einmal älter geworden sind? WG, ein Zimmer bei den Kindern, Servicewohnen, Seniorenheim? Die LN haben sich verschiedene Modelle im Kreis Segeberg angesehen. Zum Auftakt haben wir mit Experten gesprochen und Segeberger nach ihren Vorstellungen gefragt.

Wie wollen wir wohnen, wenn wir einmal älter geworden sind? WG, ein Zimmer bei den Kindern, Servicewohnen, Seniorenheim? Die LN haben sich verschiedene Modelle im Kreis Segeberg angesehen. Zum Auftakt haben wir mit Experten gesprochen und Segeberger nach ihren Vorstellungen gefragt. mehr

  • Lifestyle
    Unser Lifestyle-Portal

    Unser Lifestyle-Portal mit nützlichen News und Tipps: Informieren Sie sich über Mode, Beauty und aktuelle Trends. Mehr Schwung, mehr Spaß... mehr

  • Hochzeitszauber

    Alles zum Planen Ihrer Hochzeit - Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwoch... mehr

  • Events & Veranstaltungen

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Reisetipps
    Unser Reiseportal

    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber. mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Termine

Ausstellungen, Theater, Konzerte und mehr in Lübeck und Umgebung.

Karl-May-Spiele

Nachrichten zu den Karl-May-Spiele am Kalkberg in Bad Segeberg.

Kinokritik

Kurz und knapp erklärt, ob sich ein neuer Film lohnt oder nicht.