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Segeberg Eine Schicht am Krötenzaun
Lokales Segeberg Eine Schicht am Krötenzaun
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20:51 06.04.2018
Die Krötenwanderungen haben nach dem letzten Schnee den Höhepunkt erreicht. In Kaltenkirchen werden an Spitzentagen 300 bis 400 Tiere aus den Eimern an den Zäunen gesammelt. Auf dem Foto: Monika Weber Quelle: Irene Burow
Bad Segeberg/Kaltenkirchen

„Es muss ein furchtbares Sterben gewesen sein, bevor es den Zaun gab“, sagt Monika Weber. In der Hand hat sie einen kleinen Eimer, einen Zettel und Handschuhe. „So ganz ohne möchte ich sie dann doch nicht anfassen“, so die Naturschützerin. Gerade hat sie Kröten über die Heidkatener Dorfstraße bei Kaltenkirchen getragen. Eimerweise. Hunderte werden es am Ende ihrer Schicht sein. Sie hat sie alle gezählt. Den Krötenzaun entlang der K48 gibt es erst seit vier Jahren.

Der Kreis habe sich an den Naturschutzbund (Nabu) Kisdorfer Wohld gewandt, erzählt sie, weil die Straße aufgrund der totgefahrenen Tiere zur Rutschbahn geworden war. Denn eine „Pilgerroute“ der Kröten führt vom wald- und wasserreichen Gebiet auf der einen Seite zu Fischteichen auf der anderen. Mittlerweile wurden Zäune errichtet, um sie zu schützen. Sie wandern vor allem in der NachtEs ist 9 Uhr morgens, als die Schicht von Monika Weber in dieser Woche beginnt. „Das wichtigste ist die Warnweste“, sagt sie. „Autofahrer sehen uns in den hellen Jacken viel besser.“

Ihre Helferin Katrin Schümann ist schon da. Und ein Blick verrät – es gibt heute viel zu tun. Die Kröten – auch Molche und Frösche wandern – machen sich vor allem nachts auf den Weg. Kommen sie an den Zäunen nicht weiter, suchen sie so lange einen Weg, bis sie in Eimer fallen. Etwa 50 Stück sind in der Erde vergraben – und die meisten morgens gut gefüllt. „Ist ja irre“, sagt Monika Weber. „An Spitzentagen sammeln wir 300 bis 500 Tiere ein.“ Und heute wird wohl so ein Spitzentag.

„Das war aber zu erwarten, es ist warm und es hat geregnet.“ Am Wochenende sei es zu kalt gewesen. „Den ersten Schwall hatten wir Mitte März, da waren es an zwei Tagen 250 Tiere“, sagt sie. Sonst sind es mal 30, mal 70 gewesen. Wegen dem winterlichen Hin und Her haben sich die Kröten immer wieder eingegraben, erst ab fünf Grad plus setzen sie sich in Bewegung. Eimer für Eimer wird kontrolliert. Teilweise drängen sich die Erdkröten. Ein Stöckchen sorgt dafür, dass Mäuse oder Käfer von allein wieder aus der Falle finden.

Die Amphibien werden behutsam herausgenommen. Auch entlang der grünen Zäune wird kontrolliert, an denen die Kröten sitzen. Immer wieder laufen die beiden Frauen auf die andere Straßenseite. Dort raschelt es vielerorts im Wald – die bereits ausgesetzten Kröten haben sich auf den Weg gemacht. Der Waldboden lebt. Etwa 300 Meter schaffen sie in 24 Stunden. Insgesamt sind ihre Routen unterschiedlich. Sie können 500 Meter zurücklegen oder auch vier Kilometer. Je nach dem, wo sie hinwollen. Die meisten wollen dorthin, wo sie einst geboren wurden. Die Szenerie unter den noch kahlen Bäumen wird begleitet von leisem Quaken. Kröten im Liebestaumel.

„Teilweise haben sich die Paare schon gefunden“, sagt Monika Weber. Die Männchen machen es sich dabei oft bequem und lassen sich von den größeren Weibchen tragen. Aus diesem Grund werden auch mehr Männchen überfahren, wissen die Naturschützerinnen, weil sie einfach an der Straße warten, bis ein Weibchen des Weges kommt. Zudem kommen auf eine Krötendame mehrere Herren, da nicht alle Weibchen in jedem Jahr laichen. Naturschützer freuen sich über Hilfe aus der Bevölkerung Katrin Schümann kippt vorsichtig einen weiteren Eimer aus. Manche Tiere machen sich sofort auf den Weg, andere ruhen sich erst mal aus. „Das bedeutet für sie natürlich Stress“, sagt sie.

Aber es dauert nicht lange, und die kleine Krötenladung beteiligt sich am großen Rascheln und versteckt sich im Laub. Ein dutzend Helfer betreuen in diesen Wochen den Krötenzaun bei Kaltenkirchen. An Spitzentagen wird auch nachmittags noch einmal nachgesehen. Nach nur einer Stunde wurden an diesem Tag 280 Tiere übergesetzt. Nach zwei Stunden sind alle Eimer kontrolliert – 400 Leben gerettet. Doch am Anfang angekommen, ist schon wieder neues Gequake zu vernehmen, die ersten Kröten sammeln sich wieder in den Behältern. „Die Anzahl ist ja auch egal“, sagt Monika Weber schmunzelnd. „Hauptsache sie sind gerettet.“ Noch im vergangenen Jahr starben dennoch Dutzende Tiere, weil der Zaun nicht lang genug war. Inzwischen wurde er verlängert. Mit rund 500 Metern dürfte er damit zu den längsten im Kreisgebiet gehören.

Im vergangenen Jahr sind hier knapp 3000 Tiere gerettet worden – etwa doppelt so viele, wie im ersten Jahr 2015. Auch andernorts sind Naturschützer im Einsatz. In Bad Segeberg wandern die Kröten zum Beispiel westlich vom Ihlsee und zu den dortigen Regenrückhaltebecken. Der Nabu sammelt am Hamdorfer Weg. „Aufgrund der Verkehrsführung können hier keine Zäune aufgestellt werden“, sagt die Vorsitzende des Ortsvereins, Ruth Severin. Doch jetzt geht es in die Vollen, jeden Abend wird gesammelt.

Und nicht nur direkt auf der Straße seien die Tiere trotz der Hinweisschilder stark gefährdet, gibt sie zu bedenken: Schon ab 30 Stundenkilometern entstehe an den Fahrzeugen ein Unterdruck, der die empfindliche Haut und die Lunge der Tiere zerstören kann. Eine bundesweite Zaun-Datenbank wird geführt auf der Seite www.amphibienschutz.de. Die Nabu-Zweigstellen können dort Standorte von Krötenzäunen eintragen. Wer Lust hat beim Sammeln zu helfen, kann sich mit dem Nabu in Verbindung setzen.Von Irene Burow

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