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Segeberg Erntezeit im Kreis: Jetzt wird geackert
Lokales Segeberg Erntezeit im Kreis: Jetzt wird geackert
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20:14 30.07.2016
Ernten wie auf Schienen. Sönke Staack (52) an Bord des Mähdreschers. Lenken muss er nicht. Die Hightech-Maschine hält die Spur von allein.

Das Wetter meint es zur Abwechslung einmal gut. Unter blauweißem Holsteiner Himmel zieht der Mähdrescher Meter für Meter seine Bahnen über das Rapsfeld. Hinter dem 510-PS-starken Kraftpaket bleiben nur traurige Halme zurück, der Rest der fast mannshohen Pflanzen bläst die Maschine als feinen Häckselstaub in die Luft, der die Landmaschine wie eine Wolke umgibt. Inzwischen ist später Nachmittag. Dabei hatten Landwirt Willi Tonn und sein Mitarbeiter Sönke Staack schon frühmorgens mit der Ernte beginnen wollen. Aber vom starken Regenguss am Vorabend war noch zu viel Feuchtigkeit im Getreide. Doch warmer Sonnenschein und eine leichte Brise aus Südost kamen den beiden dann doch noch zu Hilfe und föhnten die Felder trocken.

Auf den Getreidehöfen im Norden herrscht derzeit Hochbetrieb – auch bei Landwirt Willi Tonn aus Bebensee.

Ein kleiner Lichtblick zumindest. Alles in allem macht Landwirt Tonn die Rapsernte in diesem Jahr aber alles andere als Freude. „Vom Ertrag her liege ich etwa 20 Prozent unter dem Vorjahr“, sagt der 64-Jährige. Die einzelnen Pflanzen tragen weniger Schoten als üblich und auch die in ihnen enthaltenen Samenkörner, um die es bei der Ernte geht, sind in diesem Jahr recht mickrig ausgefallen.

„Zumindest beim Raps werden wir in diesem Jahr wohl nicht auf unsere Kosten kommen“, erzählt Willi Tonn ernüchtert. Der zu warme Winter und das zu kalte Frühjahr danach hätten den jungen Pflanzen zu schaffen gemacht. Außerdem fehlte es im Mai an Regen.

Mit geübtem, tausendfach eingeübtem Kurbeln am Lenkrad steuert Tonn seinen bulligen Fendt-Traktor querab des Mähdreschers, der von Mitarbeiter Staack gesteuert wird, und passt die Geschwindigkeit exakt darauf an. Das Team ist genau eingespielt. Kaum ist Tonn in der richtigen Position fährt die Dreschmaschine ein langes Rohr aus und die schwarzen Rapskörner prasseln, von ihren Schoten bereits befreit, in einem dicken Strom in den Anhänger des Traktors.

Nach der Aussaat im vergangenen Herbst sind sie nun das Endergebnis eines ganzen Jahres intensiver Arbeit. Um die 35 Euro wird Tonn für den Doppelzentner bekommen. Kein Vergleich zu 2012, als es noch zwischen 45 und 50 Euro für den Doppelzentner gab. „Das ist eben der Weltmarkt, der nimmt auf uns keine Rücksicht“, sagt Willi Tonn achselzuckend. Anders als seine Kollegen aus der Milchwirtschaft könne er den Ertragseinbruch zwar noch kompensieren. Denn die Gerstenernte sei im Gegensatz zum Landestrend, wo mancherorts Verluste bis zu 30 Prozent verzeichnet wurden, für ihn recht erfreulich ausgefallen. Und auch beim Weizen, Roggen und der Triticale – die Kreuzung beider Sorten – sieht es bisher nicht allzu schlecht aus. „Aber 35 Euro für den Doppelzentner Raps – das ist vergleichbar mit 25 Cent pro Liter Milch. Das reicht nicht, um kostendeckend zu arbeiten.“ Zumal die hochtechnisierte Landwirtschaft allein wegen der Anschaffungs- und Unterhaltungskosten der nötigen Maschinen heute ein Vermögen verschlinge.

Auf Mais umsatteln, wie es viele seiner Berufsgenossen aus Schleswig-Holstein bereits getan haben, will der Landwirt aber nicht. Er habe eben seine Linie und von der wolle er nicht abweichen. „Und da gibt es eben mal solche und solche Jahre, das ist ganz normal.“ Ob er auf Dauer mit dem Weltmarkt mithalten kann, ob die immer höheren Investitionen, die für einen effizienten Landbau notwendig sind, sich irgendwann selbst für einen Großbetrieb wie den seinen, noch rechnen werden, weiß Tonn nicht. „Möglicherweise wird in einigen Jahren oder Jahrzehnten sämtliches Getreide aus Übersee kommen“, orakelt er. „Deswegen wäre es schön, wenn die Menschen mehr darauf achten würden, europäische Lebensmittel zu kaufen“, schiebt er hinterher.

Sönke Staack hat mit seinem Mähdrescher wieder eine Reihe beendet. Zehn Meter in der Breite rasiert die teure Maschine am Stück ab. Binnen weniger Stunden wird das 22 Hektar große Feld abgeerntet sein. Danach geht es aufs nächste. Bis um Mitternacht die gleiche Routine. Wenn andere Menschen Ferien machen, ist für die Frauen und Männer aus der Landwirtschaft an Erholung nicht zu denken. Aber Tonn kann sich nichts anderes vorstellen. „In meinem Alter würden andere jetzt schon in ihrem Büro die Tage bis zu ihrer Rente zählen. Und ich darf so etwas hier tun“, sagt er – und schwenkt mit seinem Traktor wieder auf die Linie des Mähdreschers ein.

So lange wie möglich will Tonn deshalb noch seinen Betrieb leiten. Und für den Tag, an dem es mal nicht mehr geht, steht ein Nachfolger bereit: Sein Sohn, der seinen eigenen Betrieb in Mecklenburg-Vorpommern leitet, wird das Familienunternehmen dann übernehmen. „Ich denke, das sind gute Aussichten. Ich bin sehr zufrieden.“

Deutlicher Ernterückgang

2,7 Millionen Tonnen Getreide werden nach Schätzungen des Statistikamtes Nord in diesem Jahr in Schleswig-Holstein geerntet. Der Gesamtertrag würde damit rund acht Prozent unter dem des Vorjahres liegen – trotz einer Erweiterung der Ackerfläche um landesweit 3000 Hektar (1 Prozent) gegenüber dem Vorjahr. Besonders gravierend dürften die Ernteausfälle bei Winterraps und Wintergerste ausfallen. Die Landwirtschaftskammer spricht von Einbußen zwischen 20 und 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allerdings: 2015 und 2014 waren auch sehr gute Getreidejahre, die jeweils Rekorderträge brachten.

Oliver Vogt

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