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Segeberg Experten: Gestank in der Kita ist lästig, aber ungefährlich
Lokales Segeberg Experten: Gestank in der Kita ist lästig, aber ungefährlich
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00:04 17.01.2014
Pastor Alf Kristoffersen (r.) und der Sachverständige Matthias Griem, der nach Schadstoffmessungen das Gutachten erstellt hat. Quelle: Fotos: Heike Hiltrop
Wahlstedt

Es stinkt in der Kindertagesstätte an der evangelischen Kirche in Wahlstedt. Der alte Okalbau aus den 70ern macht, wie schon die ehemalige Realschule, Probleme. Der moderige Geruch haftet an den 75 Kindern und ihrer Kleidung, an Mitarbeitern und Mobiliar. Manches Kind klagte über Atemwegsreizungen, Augenjucken, geschwollene Schleimhäute, berichten Eltern. Schuld sind Chloranisole. Das geht aus einem Gutachten hervor, das seit ein paar Tagen vorliegt.

Damit nicht genug: Auch Formaldehyd und Holzschutzmittel wurden nachgewiesen, darunter Pentachlorphenol (PCP) und Lindan. Allerdings in geringen Mengen, unterhalb bestehender Grenzwerte. „Im ungünstigsten Fall wären wir sofort auf das Gemeindezentrum ausgewichen, aber das ist nicht nötig“, sagte Pastor Alf Kristoffersen den Eltern während der Informationsveranstaltung am Mittwoch in der Christuskirche.

Untersucht wurden Staube und Raumluft in drei Räumen. Dass bei Messungen im Dezember keine Schimmelpilzbelastung festgestellt wurde, war für die meisten Väter und Mütter, die zur Veranstaltung gekommen waren, keine große Beruhigung. Auch nicht die Ausführungen des Sachverständigen Matthias Griem und des Chemikers Guido Ostendorp vom Landesamt für soziale Dienste und umweltbezogenen Gesundheitsschutz. Beide bestätigten zwar eine starke Geruchsbelästigung, aber keine Gesundheitsgefährdung. Griem: „Fakt ist, wir haben Auffälligkeiten, und Maßnahmen machen Sinn.“ Erste sei regelmäßiges, kräftiges Stoßlüften, dann müsse über eine Sanierung oder gar einen Neubau nachgedacht werden. „Die Kita sofort zu schließen, geben die Werte nicht her“, ergänzte Ostendorp. „Das Ding hat ernste bauliche Probleme. Aber es gibt nicht die Notwendigkeit, die Kinder aus der Kita zu nehmen.“ Jedoch könne es durchaus zu unangenehmen Empfindungen bis zu Übelkeit oder Kopfschmerz kommen, räumte er ein. „Ich kenne gefühlt mindestens 15 bis 20 Eltern, deren Kinder Gesundheitsprobleme haben“, so Dennis Pein. Sabine Schmidtke hat ihre Tochter bereits umgemeldet. „Wir tun uns schwer, denn unser Sohn geht gern hierher. Die Mitarbeiter sind großartig, aber ich gebe mein Kind mit einem Bauchschmerzgefühl hierher, hole es stinkend ab und mache mir Sorgen, ob es nicht doch Folgeschäden geben wird“, fasste eine Mutter zusammen.

Pastor Alf Kristoffersen und Kitabeauftragte Silvia Hellwig, deren Büro auf Anraten der Experten so „wenig wie möglich genutzt werden sollte“, warben bei aller Sorge der Eltern um sachliche Betrachtungsweise. „Sie werden über jeden weiteren Schritt so schnell wie möglich informiert. Und jeder, der möchte, bekommt einen Platz für sein Kind in der evangelischen Kita Kronsheide“, unterstrich er. Nun sollen weitere Messungen im Rest der Kita durchgeführt werden. Auch so genannte Lüftungs-Ampeln, wie sie bereits in der Helen-Keller-Schule verwendet werden, stehen seit heute in der Kita. Am Montag kommt der Kitaausschuss und Dienstag der Bauausschuss der Kirchengemeinde zusammen, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Die Stoffe aus dem Altbau
Chloranisole: Entstehen wenn zum Beispiel PCP (Holzschutzmittel) von Bakterien verstoffwechselt wird. Sie sind nicht giftig, sorgen jedoch langanhaltend für einen muffigen Gestank, der stark an Kleidung und anderen Dingen haften bleibt. Aus den Gebäuden, aus denen Chloranisole ausdünsten, sind diese nur sehr sehr schwer heraus zu bekommen. Trotz Sanierung ist es oft ein Prozess der über Jahre dauern kann, bis der unangenehme Geruch abnimmt.
Formaldehyd: Ist ein Bindemittel, dass sich unter anderem in Spanplatten und Sperrholz findet. Seit der Stoff in den späten 70er Jahren erstmals auffiel, wurden die Emissionen in den auf Formaldehyd basierenden Holzwerkstoffen deutlich gesenkt. Laut deutscher Gefahrstoffverordnung beziehungsweise der Chemikalien-Verbotsverordnung sind nur Spanplatten zugelassen, die in der Prüfraumkonzentration 0,1 ppm (parts per million, Teile von einer Million) nicht überschreiten. Am Arbeitsplatz sind als MAK-Wert (Maximale Arbeitsplatz-Konzentration) 0,5 ppm im Acht-Stunden-Mittel erlaubt. Formaldehyd ist als Konservierungsmittel zugelassen. Für Mundpflegemittel sind 0,1 Prozent zulässig. In Kosmetika muss es angegeben werden, wenn die Konzentration 0,05 Prozent überschreitet.

Pentachlorphenol (PCP): Wird wegen seiner Pilzhemmung als Holzschutzmittel eingesetzt. Seit 1989 ist PCP in Deutschland weitestgehend verboten. Es gillt als krebserregend und verdampft nur langsam aus dem behandelten Holz. 1993 wurde ein Vorsorgewert in der Innenraumluft von weniger als 1 Mikrogramm pro Kubikmeter empfohlen. hil

Heike Hiltrop

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