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Feind ist, wer anders denkt

Bad Segeberg Feind ist, wer anders denkt

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen, eröffnet Wanderausstellung zur Geheimpolizei der DDR.

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Roland Jahn, Leiter der Stasiunterlagenbehörde, im Gespräch mit Gast Kathrin Brösicke.

Quelle: Fotos: Materne

Bad Segeberg. 111 Kilometer Akten hat die Staatssicherheit der ehemaligen DDR hinterlassen. Das ist nicht einfach Papier. „Hinter jeder Akte verbirgt sich ein Schicksal“, betonte Roland Jahn, Leiter der Stasiunterlagenbehörde, gestern in Bad Segeberg zur Eröffnung einer Wanderausstellung über die Stasi im Kreishaus. Die Berichte über ihre Opfer zeigen, wie leicht ein DDR-Bürger zum Staatsfeind werden konnte. Der Ausstellungstitel sagt eigentlich schon alles: „Feind ist, wer anders denkt.“ Auch Roland Jahn gehörte zu diesen Feinden.

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Roland Jahn: von der Stasi verhaftet, verurteilt und ausgewiesen.

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Mucksmäuschenstill war es im voll besetzten Kreistagssaal, als Jahn seine Geschichte schilderte. „Ich bin nicht als Staatsfeind geboren worden“, sagte Jahn. Eigentlich wollte er nur ein schönes Leben. „Wir wollten Party machen, aber man hat uns nicht gelassen.“ Die Vorschriften fingen schon bei der Frisur an. „In den 60ern durften Jungs die Haare nicht über die Ohren tragen.“ Die Blue Jeans war tabu im Unterricht. „Wer sich gewehrt hatte, war ganz schnell im Visier der Stasi“, berichtete Jahn (60). Und wer sich ein Stück Meinungsfreiheit nahm, musste mit Repressalien rechnen.

Die vielen Schüler im Publikum mögen nicht unbedingt aus eigenem Antrieb zur Ausstellungseröffnung gekommen sein, wie auch Jahn vermutete. Doch zum Großteil waren sie sichtlich fasziniert von dessen Biografie, hörten fast zwei Stunden lang zu, fragten nach. „Ich wurde von der Uni geschmissen, weil ich meine Meinung gesagt habe.“ Damit sei klar gewesen, dass eine akademische Zukunft in der DDR für ihn nicht mehr möglich gewesen sei. „Es ist in den Akten nachlesbar. Mein eigener Seminarleiter hat mich angeschwärzt“, so Jahn. Und weil die Diktatur demokratisch aussehen sollte, sollte seine eigene Seminargruppe über seine Zukunft abstimmen. Das Ergebnis: 13 zu eins. Gegen Jahn. „Das Schockierende für mich war, dass die eigenen Freunde einen im Stich ließen.“ Seine Freunde seien unter Druck gesetzt worden, wie er später erfuhr. Sie wurden zu Einzelgesprächen geladen, mit Psychospielchen eingeschüchtert. „Die Äußerung einer Meinung konnte in der DDR das Glück einer ganzen Familie zerstören“, betonte Jahn.

Festgenommen wurde Jahn 1982 wegen eines polnischen Fähnchens, auf das er „Solidarität mit dem polnischen Volk“ geschrieben hatte. Der Vorwurf: Missachtung staatlicher Symbole. Ein Vorwand, wie ihm auch in Verhören gesagt worden sei. Der eigentliche Grund seien Protestaktionen zum Tod eines Freundes in der U-Haft der Stasi gewesen. „Als er freigelassen werden sollte, fand man ihn erhängt am Heizungsrohr.“ Nach 72 Stunden Verhör ohne Schlaf, nach Psychotricks, nachdem man ihm die Unterschrift unter einer Verpflichtungserklärung zum „Inoffiziellen Mitarbeiter“ (IM) der Stasi abgepresst hatte. „Vielleicht konnte er nicht damit leben“, sagte Jahn.

189 000 Inoffizielle Mitarbeiter („IMs“) hatte die DDR 1989. Aber wegen solcher Episoden sagte Jahn, der 1983 unter Zwang in die BRD ausgebürgert worden war, auch ganz deutlich: „IM ist nicht gleich IM.“ Und Widerstandskämpfer wie er seien keineswegs Helden gewesen. Beim Verhör sei er ganz klein gewesen. „Als mir das Foto meiner dreijährigen Tochter gezeigt und ich gefragt wurde, ob ich ihre Einschulung erleben werde, rollten die Tränen. Da war ich kein Held.“ Deshalb solle man auch ganz vorsichtig sein mit Vorurteilen über diejenigen, die sich angepasst haben.

Opfer des Stasi-Apparats
Bad Segeberg ist die 41. Station der multimedialen Wanderausstellung „Feind ist, wer anders denkt“ im Kreishaus, Hamburger Straße 30. Neben dem Apparat der Staatssicherheit der ehemaligen DDR, die zuletzt 91 000 hauptamtliche Mitarbeiter zählte, seinen Methoden und einem zeitlichen Abriss, liegt der Fokus auf persönlichen Schicksalen der DDR-Diktatur. Etwa auf der Geschichte von Bodo Strehlow, der wegen der Studienerlaubnis zur Volksmarine geht, aber wegen seiner Kritik zum Umgang mit aufgegriffenen Flüchtlingen erpresst wird. Als sein eigener Fluchtversuch scheitert, wird er 1980 zu lebenslanger Haft verurteilt. Es geht um Menschen, die auf Missstände aufmerksam machen wollten und dafür ins Gefängnis gingen, deren Existenz ruiniert wurde, weil sie eine andere Meinung vertraten.

Die Ausstellung ist bis zum 11. Oktober von montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr und samstags von 9 bis 13 Uhr im Foyer des Kreishauses zu sehen.

Nadine Materne

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