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Segeberg Fest der Kulturen: Bewegende Geschichten, exotische Bräuche
Lokales Segeberg Fest der Kulturen: Bewegende Geschichten, exotische Bräuche
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21:27 09.06.2017
Kulinarische Grüße aus der irakischen Küche: Frittierte Gemüserollen, Falafel, mit Fleisch gefüllte Teigbällchen – Falah, Dooha, Saja und Tiba (v. l.) kommen aus dem Irak und präsentieren heimische Speisen. Quelle: Fotos: Nadine Materne
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Bad Segeberg

Mucksmäuschenstill ist es in der Kreissporthalle als das Interview mit drei Geflüchteten über die Leinwand auf der Bühne flimmert. „Die Fahrt über das Mittelmeer war das Schlimmste.“ Nicht enden wollende Stunden in überfüllten Schlauchbooten auf hoher See. Eines kentert, Menschen sterben. Todesangst. Die Worte der drei beeindrucken ihre Mitschüler vom BBZ. Hunderte sitzen im Publikum anlässlich des schulinternen Fests der Kulturen, das die Projektgruppe „Schule ohne Rassismus“ organisiert hat. Den Titel hat sich das BBZ vergangenes Jahr erworben und der wurde nun mit großem Engagement mit Leben gefüllt.

Schule ohne Rassismus ist das BBZ. Mit großem Aufwand gestalten 400 Schüler das Jahresprojekt. Das Hauptthema: Fluchterfahrung.

400 Schüler beteiligten sich am Fest-Programm unter dem Motto „Äußerlich verschieden – innen gleich“. „Das Fremde macht manchmal Angst, man möchte es manchmal vertreiben“, sagt Schulleiter Heinz Sandbrink. „Aber das Fremde ist auch verführerisch, bereichernd.“ Ohne die Gastarbeiter aus Griechenland und Italien in den 50er Jahren würden wir heute keine Pasta essen, kein Gyros. Nicht einmal die Bockwurst, die oft für „deutsch“ gehalten werde, sei nicht von hier, sondern mitgebracht von den Hugenotten aus Frankreich, betont Sandbrink. Auch sie waren im 16. und 17. Jahrhundert geflohen, weil sie wegen ihres Glaubens verfolgt wurden.

Wie schwer es ist, sein Land zu verlassen, wird auf Plakaten deutlich, auf denen BBZ-Schüler ihre Fluchtwege dargestellt haben. Aus Syrien, Afghanistan, Irak. „Das Leben war schön. Wir hatten ein schönes Haus“, schreibt ein Iraker. Dann kam der Krieg. „Wir haben jeden Tag Menschen sterben sehen.“ Ein Syrer schildert: „Ich habe viele Freunde gehabt.“ Bis zur 9. Klasse sei er zur Schule gegangen, dann wurde es wegen des Krieges zu gefährlich. Fotos zeigen, wie es zu Hause vor dem Krieg aussah im Vergleich zu heute: Sie zeigen Zerstörung. In Deutschland fühlen sie sich sicher, man dürfe seine Meinung sagen, in die Schule gehen. Aber es sei auch schwer: Mit 17 Jahren die Mutterrolle für den kleinen Bruder übernehmen zu müssen, weil die Eltern zurückgeblieben sind. Die vielen Regeln: „Immer pünktlich sein, fleißig – das ist nicht immer einfach.“

„Sobald man solche Sätze auf der Stellwand liest, sagt man nie wieder: ,Die kommen doch nur, um uns auszunutzen’“, sagt Medi Kuhlemann, Landeskoordinatorin von „Schule ohne Rassismus“. Es gebe Menschen, die Flüchtlinge permanent als Fremde sehen wollen. Dem entgegen stünden die Schüler, die sich bemühen Gemeinsamkeiten mit den Flüchtlingen zu finden, in ihnen Freunde zu sehen.

Die BBZ-Schüler wollen mit gutem Beispiel voran gehen. Mehr als 100 bilden einen Chor und texten: „Intoleranz steckt in zu vielen Köpfen. Komm her, steh auf, hör zu. Wir machen den Schritt in die richtige Richtung.“ Neugierig zeigen sie sich zum Kulturfest, lassen sich von ihren geflüchteten Mitschülern ihre Namen auf arabisch und persisch auf Buttons schreiben. Ein paar Meter weiter werden Spiele aus aller Welt gespielt, „Cornhole“ aus den USA oder das exotische Brettspiel „Go“ aus Japan. 15 Stände zu 15 Festen aus aller Welt sind von den Schülern im Gang zur Tribüne aufgebaut und liebevoll gestaltet worden: Midsommer aus Schweden, das mexikanische Totenfest, das Holi-Fest, zu dem die Grenzen zwischen den Kasten in Indien ausnahmsweise nicht gelten. Erlöse aus Aktionen werden gespendet: an Alleineinboot, den Tierschutzverein und den Kinderschutzbund. Auch die Flüchtlinge präsentieren ihre großen Feiertage. Sie haben heimische Gerichte gekocht. Mitschüler und Lehrer müssen sich ranhalten, wenn sie etwas aus der Fremde kosten wollen.

Nadine Materne

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