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Segeberg Forschungszentrum Borstel: Die Pollenfalle hilft Allergikern
Lokales Segeberg Forschungszentrum Borstel: Die Pollenfalle hilft Allergikern
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18:29 11.03.2019
Dr. Nestor Gonzáles Roldán analysiert einmal pro Woche den Pollenfilter. Quelle: Bettina Albrod
Sülfeld

Viele haben vom Frühjahr die Nase voll, und zwar mit ganz unterschiedlichen Pollen. Welche das sind, bestimmt Dr. Nestor Gonzáles Roldán vom Forschungszentrum Borstel einmal die Woche mittels einer Burkhard-Pollenfalle auf dem Dach der angeschlossenen Klinik. Durch den ungewöhnlich warmen Jahresbeginn ist jetzt schon viel Blütenstaub unterwegs, der Allergikern die Tränen in die Augen treibt.

Die Schleswig-Holsteinische Gesellschaft zur Verhütung und Bekämpfung der Tuberkulose und der Lungenkrankheiten hat die Pollenfalle vor drei Jahren finanziert, mit im Boot ist auch die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst. Fünf Pollenfallen gibt es mittlerweile in Schleswig-Holstein, aktuell soll auch in Lübeck eine Messstation eingerichtet werden. Bundesweit sind rund 35 Messstationen installiert.

„Die Pollenfalle saugt mittels eines Elektromotors ein Luftvolumen von zehn Litern pro Minute durch einen kleinen Schlitz“, erläutert Dr. Gonzáles Roldán die Funktion der Falle. Ein Windflügel sorgt dafür, dass die Luft aus der richtigen Windrichtung angesaugt wird. Dieser Wert ist annähernd der Luftmenge pro Zeiteinheit nachempfunden, die ein erwachsener Mensch im Ruhezustand maximal einatmen würde. Die Pollen bleiben auf einer mit Vaseline beschichteten Folie im Gerät haften, die sich so langsam dreht, dass man den Pollenflug einer Woche darauf festhalten kann.

Dr. Nestor Gonzáles Roldán sieht unter dem Mikroskop, welche Pollen unterwegs sind. Quelle: Bettina Albrod

Die gesammelte Wochenschau wertet der Biochemiker anschließend unter dem Mikroskop aus. Die Ergebnisse werden an die Wetterdienste zur Aufbereitung der Pollenflugvorhersagen und deren Verbreitung über die Medien für Pollenallergiker gemeldet. Alle Messdaten gehen zudem in die Datenbank der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst und des Europäischen Polleninformationssystems zu Forschungszwecken ein.

Identifizierung von Pollenarten

An der Wand hängt eine Bild-Tafel, die für das ungeübte Auge aussieht wie eine Ansammlung von Quallen-Bildern. Tatsächlich sind es Darstellungen von hochallergenen Pollen, wie man sie unter dem Mikroskop sieht. Hasel, Erle, Esche, Birke, Gräser und Roggen gehören dazu. Die Bildtafel dient als Fahndungs-Plakat zur Bestimmung dessen, was auf den Objektträgern landet. „In unserem Gebiet gibt es kaum Ambrosia, dafür ist viel Beifuß-Pollen unterwegs“, hat Gonzáles Roldán beobachtet. In einem Radius von 50 Kilometern tummeln sich viele unterschiedliche Pollen in der Luft, längst nicht alle sind bekannt. Im Rahmen seines eigenen Forschungsprojekts zu Gräserpollen nutzt Dr. Gonzáles Roldán die Pollenfalle auch, um weitere Gräserpollen zu identifizieren.

Auch Platanenpollen in der Falle

Rund 30 unterschiedliche Pollen gehen dem Wissenschaftler wöchentlich auf den Leim, und die, die er nicht bestimmen kann, schickt er an den Polleninformationsdienst in Österreich. Neben den gängigen Gewächsen findet sich auch mal Sand unter dem Mikroskop, den Sahara-Stürme her geweht haben, oder Rußpartikel aus den umliegenden Kaminen. Ab und zu landen auch Platanenpollen in der Falle, die seit einem ungewöhnlich heißen Sommer vor 80 Jahren vermehrt auftreten. Die, so der Wissenschaftler, seien allergisch relevant und ein Beispiel dafür, wo der Eingriff des Menschen in die Natur zu neuen Allergiequellen führe. Auch exotische Gräser, die aus optischen Gründen in Parks gepflanzt worden seien, führten zu neuen Allergien. Häufig seien zusätzlich Schimmelpilze in der Pollenfalle nachzuweisen, die ebenfalls zu allergischen Reaktionen führen können. Sie stammten überwiegend vom Holz in den umliegenden Wäldern.

 

Großer medizinischer Nutzen

„Der Pollenflug wird mit den Wetterdaten zusammengerechnet, daraus kann man eine Vorhersage treffen, wann und wo welche Pollen unterwegs sind“, erzählt der Fachmann. „Das hilft Allergikern dabei, gefährliche Tageszeiten zu meiden und dann lieber im Haus zu bleiben.“ Außerdem unterstützt die Pollenbestimmung Mediziner darin, ihre allergischen Patienten zielgerichtet zu behandeln. „Letztes Jahr kamen viele Menschen in die Sprechstunde der Klinik, die allergisch auf Birken reagieren“, gibt Dr. Gonzáles Roldán ein Beispiel. „Die Pollenzählung hat aber gezeigt, dass nicht Birken-, sondern Eschenpollen unterwegs waren.“ Da komme es zu Kreuzallergien, was durch die Messungen bewiesen werden kann. Derzeit seien vor allem Hasel- und Erlenpollen unterwegs, so der Wissenschaftler, dessen Fachgebiet die Allergobiochemie ist.

Messmethoden wurden verfeinert

Seit die Pollenfalle 2016 aufgestellt wurde, ist die Auswertung weiterentwickelt worden. So konnten die Messmethoden verfeinert und allgemeine Standards geschaffen werden. „Die größte Entwicklung ist, dass wir keine saisonale Station mehr sind, die Messung von Februar bis Ende Oktober macht, sondern wir sind eine Referenzmessstation, das heißt, wir messen das ganze Jahr über und können den Beginn der Saison bestimmen.“ Ziel ist in Borstel eine personalisierte Medizin. Wo man bisher Allergikern ein Medikament verschrieben hat, das breitenwirksam Allergien unterdrückt, soll es künftig gezielte Medikamente geben, die speziell für die individuellen Allergien Abhilfe schaffen.

Alle Beiträge zur Serie „Fit und gesund“ unter:

http://www.ln-online.de/thema/fit-und-gesund

Die Pollen-App

Bei der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst kann man unter www.pollenstiftung.de wichtige Informationen zum Thema Pollen abrufen. Die Stiftung bietet eine Pollen-App an mit Belastungskarte, Vorhersagen, Informationen, einem Pollentagebuch, Selbsttest und vielen Angeboten mehr. Die Pollen-App ist kostenlos.

Bettina Albrod

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