Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Frau im Schlaf überfallen: Angeklagter zu Bewährungsstrafe verurteilt
Lokales Segeberg Frau im Schlaf überfallen: Angeklagter zu Bewährungsstrafe verurteilt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:50 19.10.2016
Anzeige
Bad Segeberg/Glasau

Das Motiv bleibt bis zum Schluss unklar, doch das Schöffengericht hatte keinen Zweifel, dass der 28-jährige Angeklagte Thomas B. (abgekürzte Namen geändert) in den frühen Morgenstunden des 11. Juli 2015 in das Haus von Evelyn K. in Glasau eingedrungen war und sie in ihrem Bett überfallen hat.

„Es war ein Kampf über Leben und Tod. Über Minuten hinweg.“

Richterin Roggendorf, Amtsgericht

Minutenlang kämpfte die damals 55-Jährige gegen den Eindringling. „Auf Leben und Tod“, ist Richterin Sabine Roggendorf überzeugt. Bis B. endlich von seinem Opfer abließ und flüchtete. Wegen schwerer Körperverletzung und Nötigung wurde B. jetzt zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren verurteilt. Zur Bewährung. Außerdem erhielt er die Auflage, sich von K. fernzuhalten und ihr 4000 Euro Schmerzensgeld zu zahlen.

Damit folgte das Gericht weitgehend der Nebenklage und blieb unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft, die drei Jahre Freiheitsstrafe ohne Bewährung gefordert hatte. Ob mit dem Vorhaben eines Sexualdelikts oder vielleicht sogar mit der Absicht, sein Opfer zu töten – B. sei zielgerichtet ins Schlafzimmer von K. gegangen und habe die aufgeschreckte Frau angegriffen und gewürgt, fasste die Staatsanwaltschaft zusammen. Das Opfer habe sich massiv gewehrt. Es sei K.s Fitness zu verdanken, dass sie in der Lage gewesen sei, den Angriff zu überstehen. Das planvolle Vorgehen des Angeklagten spreche gegen eine stärkere Alkoholisierung, die die Steuerungsfähigkeit hätte einschränken können.

Der Angeklagte hatte ausgesagt, von einer Geburtstagsfeier gekommen zu sein. Er sei betrunken gewesen und könne sich nicht an Geschehnisse im Haus erinnern. Jedoch hatte er dort seine Schuhe vor dem Schlafzimmer zurückgelassen. Und seine DNA, die B. überführte.

Gegen eine stärkere Alkoholisierung spreche auch, dass B. mehrere Hürden im Dunkeln habe überwinden müssen, in einem ihm unbekannten Haus, so die Staatsanwaltschaft.

Von einem „wahren Hürdenlauf“ sprach die Nebenklage: ein Stall, zwei schwergängige Brandschutztüren, eine steile Dielentreppe. Der Theorie der Verteidigung, B. könnte sich „im Suff“ im Haus geirrt haben, erteilte Nebenklagevertreter Herwig Haustein eine klare Absage, bezeichnete sie als „fantasievolle Ausschmückung“. Von außen ähnelten sich die Gebäude vielleicht, im Inneren seien sie jedoch sehr unterschiedlich. Angefangen damit, dass B. zu Hause am Eingang durch eine Mietwohnung müsse, beim Opfer stehe er in einem Stall. Da hätte B. stutzig werden müssen. Auch die Schlafzimmer im Obergeschoss seien verschieden angeordnet. Zudem stehen die beiden Höfe einen Kilometer voneinander entfernt.

Auch das Gericht hält eine Verwechslung für unwahrscheinlich. Denn als B. flüchtete, verfolgte K. ihn zunächst und sah, dass dieser sein Rad an der Hecke vor dem Hof abgestellt hatte. Wer glaubt, auf dem heimischen Hof zu sein, stelle sein Rad doch nicht davor ab, folgerte Roggendorf. Außerdem sei B. so geistesgegenwärtig gewesen, noch bevor die Polizei eintraf, das Fahrrad abzuholen. „Sonst hätte man Sie noch schneller bei de Büx gehabt“, so Roggendorf zum Angeklagten, der jetzt mit einer Bewährungsstrafe davonkommt, wie auch von der Verteidigung erhofft.

B. ist nicht vorbestraft, und das Gericht glaube ihm, dass er selbst fragend vor der Tat stehe. „Welcher Teufel hat Sie da geritten?“, fragte sich das Gericht, das auf einen Gutachter verzichtete.

„Das darf nicht wieder passieren“, machte Roggendorf klar. Deshalb darf sich B. seinem Opfer nicht mehr nähern. Er hat 250 Meter Abstand zum Grundstück der Landwirtin zu halten, darf K. nicht kontaktieren – weder persönlich, telefonisch oder sonstwie. Bei zufälligen Begegnungen habe er sich außer Sichtweite zu entfernen.

Außerdem soll B. 4000 Euro Schmerzensgeld zahlen – die Nebenklage hatte als Wiedergutmachung 5000 Euro beantragt. Seit der Tat und im Hinblick auf den Prozess habe sich B. nicht einmal mit einem Wiedergutmachungsangebot an K. gewandt. Auch die Entschuldigung im Prozess sei mehr „dahingenuschelt“ gewesen, kritisierte der Nebenklagevertreter.

„Es tut mir leid, was ich gemacht habe“, sagte B. in seinen letzten, leisen Worten. „Alle in meinem Freundeskreis passen auf mich auf. Es wird nicht wieder vorkommen.“

Von Nadine Materne

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige