Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Gedenken an 75. Jahrestag der Pogromnacht
Lokales Segeberg Gedenken an 75. Jahrestag der Pogromnacht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:53 07.11.2013
2007: Ein jüdisches Ehepaar in Bad Segeberg bei der Einweihung des ersten Synagogenneubaus in Schleswig-Holstein seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Quelle: dpa
Anzeige
Bad Segeberg

Morgen, am 9. November, jährt sich die Pogromnacht zum 75. Mal. Bad Segeberg war keineswegs ein „weißer Fleck auf der Landkarte des Antisemitismus“ (wie selbst in den 80ern noch ein Bad Segeberger Schulleiter meinte), im Gegenteil: In Bad Segeberg wurden die jüdischen Mitbürger früh verfolgt, enteignet, in Lager verschleppt. Bekannt ist eine Liste von 55 ermordeten Segeberger Juden. Dass die alte Synagoge an der Lübecker Straße 2 in der Reichs-Pogromnacht 1938 nicht in Flammen aufging, so wie die jüdischen Gotteshäuser und Einrichtungen fast überall in Deutschland, hatte ganz profane Gründe: Gegenüber stand und steht das „Braune Haus“, das die Nazis damals dem Kreisbauernverband weggenommen und zur Zentrale ihrer Kreis-NSDAP gemacht hatten. Sie fürchteten den Funkenflug.

Allerdings, so hat es der heute 90-jährige Ruhestandspastor Friedrich Gleiss in seinem 2002 erschienen Buch „Jüdisches Leben in Segeberg“ festgehalten, wurde die Synagoge am folgenden Tag, dem 10. November, beschmiert und ihre Einrichtung demoliert, ebenso wie keine hundert Meter weiter das Kaufhaus des jüdischen Kaufmanns Leo Baruch. Familie Baruch flüchtete aus Bad Segeberg, wo bald anstelle der zuvor 90 gerade mal noch acht Juden ausharrten.

Nur eine jüdische Familie überlebte den Naziterror

Als die einzigen Überlebenden der Nazizeit in Bad Segeberg gelten Jean Labowsky (1891 bis 1964) und seine Familie. Nach Einmarsch der Briten machte die englische Militärverwaltung Labowsky (nach dem heute der Weg zur neuen Synagoge benannt ist) 1945 zum Stadtdirektor, ein Amt, das er bis 1950 ausfüllte. Die Nazis hatten wenige Jahre zuvor Labowskys in Hamburg lebenden Bruder Walter und die gemeinsame Schwester Marga im KZ Theresienstadt ermordet, Schwester Irma überlebte in den USA. Dass er sich hatte taufen lassen und 1925 die Christin Minna Saggau heiratete, wird Jean Labowsky kaum das Leben gerettet haben. Wohl eher, dass er noch als Jugendlicher den Fußballclub Holstein 08 mitgegründet hatte und NSDAP-Kreisleiter Werner Stiehr einst sein Klassenkamerad war.

Mitbegründer des traditionsreichen Fußballclubs — das ist längst nicht das einzige Verdienst eines jüdischen Mitbürgers in Segeberg. Die größten Kaufhäuser der Stadt waren die von Leo Baruch und Adolf Levy, genau 16 jüdische Gewerbebetriebe trugen zum Wohlstand der Segeberger bei. Auch das erste „Comité“ des traditionsreichen Segeberger Vogelschießens wurde von jüdischen Segebergern gegründet, nämlich 1880 von Kolonialwarenhändler David Kropff und von Adolf Levy d. Ä. Bereits bei der Reichtagswahl 1930 kam die NSDAP im Kreis Segeberg auf 40,6 Prozent (gegenüber nur 18,3 Prozent im übrigen Reich).

Als die Nationalsozialisten 1933 an der Macht waren, saßen sie auch in Bad Segeberg fest im Sattel. Nicht nur NSDAP-Eiferer, sondern auch Mitläufer wussten aus der Judenverfolgung ihre Vorteile zu schlagen, in dem sie ihnen für abenteuerlich wenig Geld im Zuge der sogenannten Arisierung die Häuser „abkauften“. Andere schickten lästige Konkurrenten durch Denunziation in den Tod. Das Kaufhaus Baruch war das einzige, das überhaupt bis zur Pogromnacht durchhielt, zuvor hatte es vor jüdischen Geschäften und Praxen bereits SA-Posten, Schmierereien oder Hetzschriften gegeben.

Erstes Opfer, so berichtet Friedrich Gleiss, war der Rechtsanwalt Emil Waldemar Sieg aus dem Klosterkamp, der sich 1934 das Leben nahm. Weitere 54 Juden wurden in die Vernichtungslager gebracht. Ihre Daten hat Manfred Neumann von der heutigen jüdischen Gemeinde auf Gedenktafeln festgehalten. Erinnert wird an die Opfer auf dem Gelände der alten Synagoge, die 1962 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde.

Heute gibt es in Bad Segeberg wieder ein reichhaltiges jüdisches Leben und nicht zuletzt „Mischkan Ha Tzaton“, die Synagoge des Nordens — die erste nach 1945 in Deutschland erbaute.

Lothar Hermann Kullack

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige