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Segeberg Geflügelpest: Lascher Umgang mit der Stallpflicht
Lokales Segeberg Geflügelpest: Lascher Umgang mit der Stallpflicht
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13:30 25.01.2017
Dieser Hahn scharrt im Freien, obwohl die Aufstallpflicht nach wie vor gilt – ausgenommen sind laut Veterinäramt Tauben. Quelle: Fotos: Hil(2)/spr
Bad Segeberg

„Wildgeflügelpest, Beobachtungsgebiet“: Die Menschen haben sich fast an die Warnschilder an vielen Ortseingängen gewöhnt. Die Situation im Kreis Segeberg hat sich laut Veterinäramt etwas entspannt, doch jetzt platzen die beunruhigenden Ereignisse aus dem Kreis Steinburg in die trügerische Ruhe: Der hoch ansteckende Geflügelpest-Virus ist mutiert und in einem Putenmastbetrieb ausgebrochen, über 1000 Tiere verendeten innerhalb kürzester Zeit qualvoll. Mehr als 16000 Puten mussten zu Wochenbeginn gekeult werden (siehe auch Seite 7).

Einige Hobbyhalter missachten Pflicht – Kreis hebt Beobachtungsgebiete auf – Legehennenbetriebe hoffen auf Fristverlängerung bei Freilandeiern.

Die Frage, die derzeit geklärt werden muss: Wie konnte der Erreger die aufgestallten Tiere erreichen? Die Meldungen dämpfen die guten Nachrichten aus dem Kreis Segeberg, wo das Beobachtungsgebiet im Nordosten aufgehoben werden konnte. Dazu gehören unter anderem die Gemeinden Damsdorf, Stocksee, Schmalensee und teilweise das Gemeindegebiet Seedorf.

30 Tage nach Ausbruch der Geflügelpest bei Wildvögeln im Kreis Plön sei hier kein weiterer Fall aufgetreten, weder bei Wild- noch bei Hausgeflügel, sagt Chef-Veterinär Kurt Warlies. Der unlängst am Großen Segeberger See vom Eis befreite Schwan (er wurde eingeschläfert und untersucht) sei zwar auch mit einem Virus infiziert gewesen, was seine Schwäche erklärt, aber mit einem sehr niedrig pathogenen. Warlies: „Darum waren keine weiteren Maßnahmen nötig.“ Der Sperrbezirk rund um Leezen bleibe jedoch weiter bestehen, teilte das Veterinäramt jetzt mit.

Sorge bereitet derweil der zunehmend lasche Umgang mit der Stallpflicht. Sie gilt nach wie vor in ganz Schleswig-Holstein. Auch für kleine Hobby-Haltungen. Mitten in Bad Segeberg pickt eine Gruppe von Hühnern auf einer Wiese, auch andernorts ist Geflügel in Freigehegen zu beobachten. Man wisse um Personen ohne die nötige Einsicht, sagt Warlies, und dass solche Halter sich nicht an Sicherheitsmaßnamen hielten, die das Risiko minimieren. Das Veterinäramt gehe solchen Verstößen nach. „Wir kommen da kaum hinterher, versuchen einzuwirken, notfalls mit Druck“, betont Warlies.

Schleswig-Holstein sei, anders als andere Teile Deutschlands, bisher weitgehend verschont geblieben, „weil wir sehr schnell reagiert und durchaus radikale Maßnahmen erlassen haben“, betonte Schleswig-Holsteins Landwirtschaftsminister Robert Habeck in einem NDR-Interview. „Dass lange nichts passiert ist, ist ein Zeichen dafür, dass das wirksam war.“

Dem stimmt Frank Gadow vom Schönmoorer Hof bei Rickling zu: „Aufstallen ist die einzige greifbare Schutzmaßnahme. Das nicht zu tun, ist kontraproduktiv.“ Bis Ende November hatte er für seinen Betrieb eine der wenigen Sondergenehmigungen im Land erteilt bekommen, doch seither ist das Geflügel im Stall. „Ich hoffe auf das Ende des Vogelzugs im Frühjahr: Wenn es wärmer wird, ist alles vorbei und war nur eine einmalige Sache“, sagt Gadow. „In Dänemark muss jeder Geflügelhalter einen Plan B haben, um seine Tiere bei Vogelzug unterbringen zu können, Folienhäuser zum Beispiel. Das sind so Gedanken, die mich momentan beschäftigen.“

Auch Astrid Spahr vom Hof Spahr appelliert an die Vernunft der Hobbyhalter: „Es ist die Unwissenheit. Die Leute sehen das Wohl ihrer eigenen Tiere, wollen aber nicht wahrhaben, dass ihr Handeln fahrlässig ist.“ Platz für über 50000 Legehennen ist auf dem Betrieb in Fahrenkrug. Die riesigen Freigehege sind seit den ersten Meldungen über den Ausbruch von H5N8 im November 2016 verwaist, alle Tiere im Stall.

Damit tut sich ein Problem auf: In ein paar Tagen, am 29. Januar, endet die 84-Tage-Frist, bis zu der die Eier aus ursprünglicher Freilandhaltung trotz der Aufstallung noch als solche deklariert werden dürfen. „Die Politik muss über ihren Schatten springen und die Frist verlängern“, fordert Hans-Peter Goldnick, Landesvorsitzender des Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG).

„Rechthaberpositionen sind nicht zielführend, denn wir riskieren die Existenz von mittleren und kleinen Betrieben ohne andere Vermarktungsmöglichkeit. Dazu kommt, dass Ökoeier nicht an diese 84-Tage-Regelung gebunden sind. Da muss angeglichen werden.“ Zu diesem Thema haben die betroffenen Landwirtschaftsminister diese Woche beraten, um eine Entscheidung zu treffen.

 Heike Hiltrop

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