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Gegen die Landflucht: Wer kümmert sich um die Alten?

Bad Segeberg Gegen die Landflucht: Wer kümmert sich um die Alten?

Aufrufe, betagte Senioren mit Hilfs-Netzwerken auf dem Lande zu unterstützen, blieben ohne großen Widerhall. Nur zwei „Kümmerer“ und vier „Rinkieker“ wurden gewonnen.

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Wer hilft alten Menschen auf dem Lande, damit die länger in ihrer gewohnten Umgebung leben können? Die vom Kreis gesuchten „Rinkieker“ und „Kümmerer“ gibt es bisher kaum.

Quelle: Fotos: Fotolia/kullack

Bad Segeberg. Es geht nicht mehr. Die alleinlebende Erna W. schafft es nicht. Der Bus fährt zweimal am Tag, einkaufen kann man im Dorf auch nichts. Jetzt wollen die Beine der 85-Jährigen nicht mehr. Und die hilfsbereiten Nachbarn ziehen weg. Es heißt nun für sie: raus aus dem Dorf, Pflege in Bad Segeberg. „Das ist ein ganz schwerer Einschnitt für alte Menschen, wenn sie ihre gewohnte Umgebung verlassen müssen“, sagt Anke Pawlik vom Kreisseniorenbeirat. Nun versucht der Kreis mit seinem Projekt „Kreis Segeberg 2030“ und dem überregionalen Leitprojekt „Demographie und Daseinsvorsorge“ der Landflucht alter Menschen im Segeberger Ostkreis vorzubeugen.

„Es ist fast schon zu spät dafür“, warnte Anke Pawlik kürzlich im Hauptausschuss des Kreises. Tatsächlich weist der Kreis laut Angaben der Fachbereichsleiterin Anja Voss landesweit die größte Platzzahl in den stationären Einrichtungen im Vergleich zu den Einwohnern auf. „Im Bundeschnitt liegen wir hier im oberen Drittel.“

Der Kreis Segeberg werde die stärkste Zunahme an alten Menschen in Schleswig-Holstein haben. Die Hochbetagten werden immer mehr. Voss: „Wir müssen das Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen, dass wir auf die alten Menschen achten. Der Landflucht Älterer müssen wir entgegenwirken.“ Doch bislang sind die Bemühungen, dafür Ehrenamtliche zu finden, selten von Erfolg gekrönt.

Kreis und Ämter suchen zum Beispiel „Rinkieker“ als mobile Ehrenamtliche, die sich um ältere Menschen kümmern. Sie sind Ansprechpartner, die sich im Dorf um Kontakte bemühen. Sie schenken Zeit, sind Klön-Partner, begleiten Ältere zu Ärzten, fahren sie zum Einkauf. Wenn Erna W. lange nichts von sich hören ließe, würden sie anklopfen.

Der ebenfalls gesuchte „Kümmerer“ ist eher Vermittler, kennt viele im Dorf, weiß, wo sich Senioren zum Kaffee treffen, kann Hilfen vermitteln oder kennt jemanden, der Erna W. zum Einkaufen oder zum Arztbesuch mitnehmen kann. Der „Kümmerer“ weiß auch, wie man an professionelle Hilfen herankommt, wurde dafür auch vom Kreis als Ehrenamtlicher geschult.

Doch bislang konnten trotz Werbeaktion nur zwei kümmerliche „Kümmerer“ im Bereich Schmalensee und Tarbek und vier „Rinkieker“ in Bornhöved gewonnen werden. „Wie kriegen wir da mehr Dynamik hinein“, fragten sich alle im Hauptausschuss. Das sei bislang der einzige Ansatz, „dass wir Menschen auf dem Lande halten können“, sagte Amtsleiterin Karin Grandt. Doch woher sollen die Ehrenamtlichen kommen für eine Tätigkeit, die früher Gemeindeschwestern als Profis ausübten. Die werden schmerzlich vermisst. Das Modell mit den Gemeindeschwestern habe nachweislich funktioniert, so Voss. „Jetzt bauen wir mühsam wieder derartige Strukturen auf.“ Kreispolitikerin Rosemarie Jahn (FDP) verwies darauf, dass selbst in der Flüchtlingshilfe kaum noch Ehrenamtliche gefunden werden. Das sei jetzt eine ganz neue Aufgabe. Dazu komme, dass bei den ambulanten Diensten eine absolute Unterversorgung herrsche. Das klassische Familiemmodell, nach dem sich die Angehörigen um die Alten kümmern – das gibt es nicht mehr.

„Problembehaftet“ sei hinsichtlich der ambulanten Pflegedienste vor allem das nordöstliche Kreisgebiet, vor allem wegen des Fehlens von examinierten Pflegekräften, berichtet Fachdienstleiterin Anja Voss. Nur mit großem Aufwand konnte in Einzelfällen geholfen werden. Das Konstrukt mit Minijobbern oder Übernahme durch andere Pflegedienste stehe auf „wackeligen Füßen“, warnt sie . Es bedürfe einer „grundlegenden Lösung“, damit einer strukturellen Unterversorgung entgegengewirkt werden könne. Hier sei der Kreis am Ball.

Die Lösungen der Experten

Der Kreis Segeberg hat sich an dem Leitprojekt „Demographie und Daseinsvorsorge“ in der Metropolregion Hamburg beteiligt. Über zwei Jahre haben Wissens- und Entscheidungsträger aus Politik und Verwaltung des Kreises, der Kommunen sowie externe Experten über die Zielgruppen der pflegebedürftigen oder älteren Menschen und Menschen mit Behinderung diskutiert. Die Abschlussveranstaltung dazu wird am Montag, 18. Juli, ab 18 Uhr im Kreistagssitzungssaal, Hamburger Straße 30, in Bad Segeberg, stattfinden. Interessierte können sich beim Kreis zur Teilnahme anmelden.

 Wolfgang Glombik

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