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Geschichten aus Leben und Justiz

Bad Segeberg Geschichten aus Leben und Justiz

„Zwei Jahre in der Rechtsantragsstelle reichen – danach kann einen nichts mehr erschüttern.“ Das sagt Rechtspfleger Uwe Harm (65), der es auf weitaus mehr als zwei Jahre bringt: 45 Jahre im Justizdienst des Landes. Zum Monatsende geht er in den Ruhestand.

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Nicht immer verlaufen Zwangsversteigerungen ruhig – manchmal müssen Streithähne von Uwe Harm getrennt werden.

Quelle: Foto: Kullack

Bad Segeberg. In den viereinhalb Jahrzehnten hat der Justizoberamtsrat und Diplom-Rechtspfleger fünf aufeinander folgende Direktoren des Bad Segeberger Amtsgerichts erlebt. Er hat bei Zwangsversteigerungen von Grundstücken Millionen von Euro, anfangs noch D-Mark, bewegt, war Personalrat beim Kieler Justizministerium und beim Oberlandesgericht, Landesvorsitzender im Bund Deutscher Rechtspfleger, war Fachbuch- und Mitautor juristischer Literatur... und natürlich hat er dabei so manche Kuriosität, aber auch bedrohliche Situationen erlebt.

„Das einzig Schlimme am Ruhestand ist: Mein schönes Büro ist weg. Das muss ich mir nun mit meiner Frau teilen. Uwe Harm,

seit 45 Jahren

im Landesdienst

Wer den auch privat auf vielen Feldern engagierten Uwe Harm nur ein wenig kennt, der weiß, dass er im Gerichtssaal nicht einzuschüchtern ist. Auch von jenem „Reichsbürger“ aus Mecklenburg nicht, der sofort nach seinem Eintritt in den Saal zur Zwangsversteigerung auf Harm zuging, dessen Ausweis verlangte und barsch die Berechtigung des Rechtspflegers anzweifelte, „hier überhaupt irgendwas zu leiten“. Der Mann aus dem – die Meisten von uns wissen es: inzwischen untergegangenen – Deutschen Reich war schnell von Harms ausgezählt: „Erstens führe ich die Verhandlung und nicht Sie. Zweitens haben Sie nicht das Wort. Warten Sie gefälligst, bis ich es Ihnen erteile!“

Ein Advokat, über den alles lachte

So amüsant der Abtritt des Reichsbürgers gewesen sein mag, so sehr steckt hinter diesem unverschämten Verhalten Methode. Dass der Mecklenburger eigens angereist war, um einem Segeberger „zu helfen“

war kein Zufall: Verfechter der Reichsbürger-Theorie (sie behaupten, dass die Bundesrepublik nicht existent sei, weil es keinen gültigen Friedensvertrag mit den Alliierten gäbe) bieten sich per Internet an: 3000 Euro bar auf die Hand und die Zwangsversteigerung sei vom Tisch.

Fordert man tatsächlich ihre Dienste an, operieren sie mit letztlich erfolglosen Anträgen auf „Amtsanmaßung“ und „Befangenheit“. Logisch: Es gibt ja keine Bundesrepublik, also gibt es auch keine Staatsbediensteten... Auf eine ähnlichen Wellenlänge bewegte sich der aus Österreich stammende Rechtsanwalt und Immobilienkaufmann Karl-Heinz Bruckschlögl, der ab Mitte der 90er Jahre sein (Un)wesen im Segebergischen trieb. Immer wieder sah man den stadtbekannten Querulanten vor Gericht: In Versteigerungen, aber auch in Strafrechtsdingen von Betrug bis hin zum Hausfriedensbruch.

„Einmal“, so erinnert sich Uwe Harm, „hat er mit der Begründung ,Im Himmel ist jetzt Jahrmarkt’ jeden Einblick in seine Vermögensverhältnisse verweigert.“ Ein anderes Mal sei zu einer Bruckschlögl-Verhandlung ein Großteil von Zuschauern augenscheinlich nur deshalb gekommen, um sich zu amüsieren – was man dann bei den Auslassungen des Angeklagten ausgiebig tat. Das animierte B. zum Appell an den Richter: Dass sei doch ein Gericht hier, das Lachen habe aufzuhören.

Irgendwann aber muss der Viel-Beklagte den Bogen überspannt haben: Im inzwischen abgerissenen Parkhaus am Landratspark lauerten im November 1997 vier Männer und eine Frau, Angestellte eines privaten Sicherheitsdienstes, dem Makler auf und schlugen ihn zusammen. Vier Tage danach starb der 43-Jährige an seinen Verletzungen.

Doch es müssen nicht immer solche im negativen Sinne illustren Personen sein, die den Alltag eines Justizbeamten interessant machen. „Von wegen Justiz sei langweilig – das habe ich vielleicht in der Jugend gedacht“, sagt Harm.

So viele Jahre als (Verfahrens)-Herr über Haus und Grundstück, das gibt einen gewissen Hintergrund und Sicherheit. So hat Uwe Harm den Zuschlag für jenes Geschäftshaus in der Kurhausstraße mit der potthässlich-gelben Fassade („Das erinnert mich an ein Pissoir“) nur mit der Auflage erteilt, dass die alte klassische Fassade wieder herzustellen sei. Harms: „Täglich fahre ich da vorbei. Getan hat sich noch nichts.“

Den Besucher mal eben zum Duschen geschickt

Doch auch seine Jahre in der Rechtsantragsstelle möchte Harm nicht missen. Dorthin gehen Menschen, die sich einen Anwalt vielleicht nicht leisten können oder wollen, um gerichtsaktenkundige Dinge aufnehmen zu lassen. „In vielen Fällen ist das eher Lebensberatung gewesen“, sagt der Oberamtsrat. „Da geht dann jemand ganz ohne eine Eingabe und ist einfach froh, dass er seine Geschichte mal erzählen durfte.“

Doch auch hier gab es Ausnahmen. Eines Tages, sagt Harm, sei ein Mann in völlig verdreckten Klamotten und übel stinkend erschienen. „Dem habe ich bedeutet, dass man so nicht vor Gericht erscheint. Er möge am nächsten Tag wiederkommen. Das tat er dann auch – frisch geduscht und sauber gekleidet.“

Auch ohne Amt bleibt

ihm genug zu tun

Hätte er gern über die Altersgrenze hinaus weitergemacht? „Das nicht“, sagt der Banjospieler, der einst von Klaus Knütter den Jazzclub-Vorsitz übernahm, heute auch die Kleinkunst-Bühne leitet und außerdem amtierender Kiwanis-Präsident ist. „Nur schade, dass mein schönes Büro jetzt weg ist.“ Das muss er sich nun zu Hause mit seiner Frau Carmen (seit 20 Jahren verheiratet), einer Unternehmensberaterin für Altenheime, teilen. „Und wir haben verschiedene Ansichten darüber, wie man so etwas organisiert.“

 Lothar Hermann Kullack

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