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Geschichten über dem Kochtopf

Trappenkamp Geschichten über dem Kochtopf

Experimentelles Kunstprojekt: Alte Trappenkamper kochen diese Woche mit Kindern und erzählen dabei Erlebnisse ihrer Flucht.

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Kunst am Esstisch: Kinder kochen mit zugereisten Trappenkampern Gerichte aus deren Heimat und lauschen ihren Geschichten im Feuerwehrhaus hinter der alten Kommandantur.

Trappenkamp. Kunst, das ist für Sigrun Drapatz viel mehr als Farbe auf einer Leinwand. „Kunst bedeutet auch, den Blickwinkel auf etwas zu verändern“, sagt die Berlinerin mit Trappenkamper Wurzeln. Zum Beispiel auf die Trappenkamper Geschichte, die 1935 als Waffenarsenal begann und nach dem Zweiten Weltkrieg von Flüchtlingen aus dem Osten weitergeschrieben wurde. Und der Blick auf diese Geschichte führt derzeit über den Kochtopf, bei einem performativen Kunstprojekt zur Historie Trappenkamps.

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„Die alte Kommandantur war die Zentrale des Waffenarsenals“, sagt Künstlerin Sigrun Drapatz. Heute ist hier ein Jugendzentrum.

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Heißer Dampf steigt aus den Töpfen, als Ozan und Aissa (beide zwölf) die Deckel heben. Kartoffeln und Königsberger Klopse haben die beiden Jungs mit Rosita (10) und Kathi (10) zusammen mit Helga Zager gekocht. „Ich komme aus Ostpreußen“, sagt die 79-Jährige. „Das war bei uns ein gängiges Essen“, sagt sie. Bis auf die Kapern, die gehören nicht ins Familienrezept. „Meine Familie mochte keine Kapern.“

Es ist der Auftakt einer Woche, bei der die Küche Begegnungsstätte für Jung und Alt wird, die Kinder etwas über echte Hausmannskost lernen und den Geschichten der alten Trappenkamper lauschen. Auch Helga Zager hatte beim Schnibbeln und Kneten viel zu erzählen. „Sie ist als Flüchtling aus Ostpreußen gekommen“, berichtet Rosita. „Mit Pferd und Kutsche sind sie im Krieg los, im Januar.“ „Vier oder fünf Monate hat die Reise gedauert“, ergänzt Ozan. Eine schreckliche Vorstellung, findet Rosita. Wie sie jetzt, war Helga Zager damals erst zehn Jahre alt, als sie sich mit der Familie auf den Weg machte. „In der Nähe war ein Gut, der Besitzer war ein Freund meines Vaters und hat uns gewarnt“, erinnert sich Helga Zager. Mit 300 Wagen machte sich das ganze Dorf auf. Zwei davon voll mit Schweinehälften. „Die ganze Nacht war noch geschlachtet worden.“ Der Pkw des Vaters, er war Landmaschinenvertreter gewesen, wurde noch an den Pferdewagen dran gehängt. „Und wir Kinder saßen drin mit Steppdecke.“ Als Kind habe sie alles noch anders erlebt. „Uns ist auch nichts passiert“, sagt sie. Trotzdem: Die Lebensgeschichte der 79-Jährigen hat sichtlich Eindruck hinterlassen bei den Kindern.

„Wir haben ganz viel geredet“, sagt Aissa. Und das ist der Sinn des Projekts.

„Geschichte — Geschichten, Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“ lautet der Titel des performativen Kunstprojekts, das Sonntag mit einem Festessen für die Trappenkamper enden soll. Neun Kinder zwischen neun und 13 Jahren sind beteiligt. Jeden Tag kocht eine andere Gruppe mit einem anderen Trappenkamper Zugereisten. Und jeden Tag geht‘s für den Esstisch an einen anderen geschichtsträchtigen Ort in der Gemeinde. Am Montag war die Alte Kommandantur Treffpunkt, die einstige Zentrale des Munitionslagers, heute ein Jugendzentrum. In der Woche wandert der Tisch unter anderem zum Beckert-Bunker und zum Sudetenplatz mit Geschichten aus Schlesien, Siebenbürgen und dem Sudetenland.

Festessen am Sonntag
Zum Abschluss des künstlerischen Geschichts-Experiments kochen die Kinder und zugereisten Trappenkamper am Sonntag für den ganzen Ort. Am 30. Juni, um 18 Uhr, wird eine große Festtafel vor dem Museumsbunker, auf dem Stichweg zwischen Goethestraße und Schulstraße, aufgebaut werden. Es soll Braten geben, wie früher üblich. Jeder kann kommen, sagt Künstlerin Sigrun Drapatz, ohne Anmeldung.


Das Projekt soll mit anderen Migranten als Kochpaten in den nächsten Jahren fortgeführt werden.

Nadine Materne

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