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Große Sorgen um Segebergs Jungstörche

Bad Segeberg/Großenaspe Große Sorgen um Segebergs Jungstörche

Regen, Kälte und Nahrungsmangel setzen ihnen zu – 2016 wird mit deutlich weniger Nachwuchs gerechnet.

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„Zwangsernährung“: Chef-Tierpfleger André Rose (42) füttert den jungen Storch in den Armen der Auszubildenden Sarah Köhler (18).

Quelle: Vogt

Bad Segeberg/Großenaspe. Ein Bild des Jammers. Das eigentlich weiße Gefieder des Jungstorches ist dreckverkrustet. Apathisch sitzt das Tier in seinem Verschlag vor einer Schale mit fleischigen Brocken. Zu interessieren scheinen sie ihn nicht. „Man hat ihn gestern Abend erst zu uns gebracht. Wahrscheinlich aus dem Nest gefallen oder geworfen“, sagt André Rose, Chef-Tierpfleger in der Vogelpflegestation im Wildpark Eekholt. Dort wollen Rose und seine Kollegen dem Vogel jetzt die Lebenschance geben, die er in der freien Natur kaum gehabt hätte.

LN-Bild

Regen, Kälte und Nahrungsmangel setzen ihnen zu – 2016 wird mit deutlich weniger Nachwuchs gerechnet.

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Viele seiner Artgenossen haben gegenwärtig nicht so viel Glück. Das Jahr 2016 zeigt sich bislang als Katastrophenjahr für Norddeutschlands Störche. Kaltes, regnerisches Wetter, blutige Revierkämpfe untereinander und ein knappes Nahrungsangebot setzten vor allem dem Nachwuchs zu. „Wir müssen damit rechnen, dass wir in Schleswig-Holstein mehr als 200 Jungtiere weniger haben werden als im vergangenen Jahr“, prognostiziert Rose. 2016 sei einfach „der Wurm drin“, viele ungünstige Faktoren in diesem Jahr zusammengekommen. Viele Storchpaare, vor allem von den Afrika-Überwinterern, kamen wegen der unruhigen Wetterlage erst mit großer Verspätung in ihrer norddeutschen Heimat an. Das führte zu spätem Brutbeginn und zum Teil zu heftigen Revierkämpfen. Denn die Artgenossen, die die kalten Monate in Spanien verbrachten, hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Nester bereits bezogen. „Und wenn es um ihre Nester geht, werden Störche brutal“, erklärt Rose. Finden sie ihr angestammtes Nest besetzt vor, werden die Konkurrenten so lange bekämpft und gestört, bis sie schließlich aufgeben. Zum Teil würden auch fremde Gelege vernichtet.

Ob der Eekholter Jungstorch von selbst aus dem Nest gefallen oder von einem Artgenossen gestoßen wurde, ist unbekannt. Damit er aber einmal selbst die weite Reise in den Süden antreten und – noch wichtiger – in Schleswig-Holstein für Nachwuchs sorgen kann, ist zunächst einmal Zwangsernährung angesagt. Das verschreckte Tier leistet keine Gegenwehr, als Tierpflegerin Sarah Köhler es behutsam aufhebt und in ihren Armen festhält. Da sich der Storch bislang weigert, von alleine zu fressen, muss Andrè Rose sanfte Gewalt anwenden. Schön sieht es nicht aus, als der Tierpfleger dem Vogel zunächst einen „Aufbaudrink“ mit Calcium und anschließend blutige Fleischstücke direkt in den Schnabel stopft. Aber es ist zu seinem Besten. Mit kurzen Kreischern zwischen den Häppchen lässt das Jungtier die Prozedur über sich ergehen.

Draußen setzt derweil wieder der Regen ein, wie so häufig in diesem Sommer. Das sieht auch Holger Möckelmann, Storchenbetreuer des Kreises Segeberg mit großer Sorge. „Je nasser es die nächsten Wochen bleibt, umso mehr Jungstörche werden verenden“, sagt Möckelmann. Wegen des späten Brutbeginns hätten viele Küken noch nicht ausreichend Abwehrkräfte entwickelt, um gegen Nässe und Kälte gewappnet zu sein. Das liege auch an dem knappen Nahrungsangebot in diesem Jahr. Sowohl Insekten als auch Mäuse, eine der Hauptnahrungsquelle der Störche, seien ungewöhnlich rar.

„Bei vielen Paaren im Kreis werden wir wohl leider mit Totalausfällen beim Nachwuchs rechnen müssen“, schätzt der Storchenvater. Zwar sei es für eine Prognose noch zu früh, erst im August werde die Zahl der geschlüpften Vögel eindeutig feststehen. Die bislang recht stabilen 60 Jungstörche pro Jahr im Kreis Segeberg würden in diesem Jahr aber wohl nicht annähernd erreicht. Wahrscheinlicher sei eine Zahl von unter 50. „Traurig, das mitansehen zu müssen“, sagt Möckelmann.

Immerhin bleibt die Aussicht darauf, dass sich die Dinge im kommenden Jahr wieder zum Besseren wenden. „Ein schlechtes Jahr kann die Population gut verkraften“, erklärt Chef-Tierpfleger Rose.

Kritisch werde es, wenn die schlechten Bedingungen mehrere Jahre in Folge eintreten. So wie bei den Fledermäusen, die sowohl 2015 als auch 2016 wegen der allgemeinen Knappheit an Insekten schlechte Bedingungen vorfanden. Rose: „Wenn 2017 ähnlich wird, dann dürften wir einen deutlichen Rückgang der Population erleben.“

Zug bis nach Südafrika

270 Paare von Weißstörchen gab es 2015 in Schleswig-Holstein, die insgesamt 502 Jungstörche groß gezogen hatten. Im Kreis Segeberg wurden 31 Paare und etwa 60 Jungtiere gezählt. Den Winter über verbringen die Tiere im Süden. Die sogenannten Westzieher fliegen über Spanien nach Westafrika, die Ostzieher über die Türkei bis nach Südafrika.

Hilfe für verletzte Störche gibt es im Wildpark Eekholt in Großenaspe. Der Park ist telefonisch unter der Rufnummer 04327/99230 erreichbar.

Oliver Vogt

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