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„Ich wollte nur raus“

Bad Segeberg „Ich wollte nur raus“

Workshop „Freiheit und DDR“ der Deutschen Gesellschaft — BBZ-Schüler sprachen mit Zeitzeuge Bodo Müller.

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Zeitzeuge Bodo Müller mit Moderator Alesch Mühlbauer (Deutsche Gesellschaft) im Gespräch mit Schülern des BBZ in Bad Segeberg.

Quelle: Fotos: Nam/hil

Bad Segeberg. Als die Schüler des 12. Jahrgangs des Berufsbildungszentrums Bad Segeberg (BBZ) geboren wurden, war die DDR längst Geschichte. Dass sich Jugendliche in Ostdeutschland vor noch nicht allzu langer Zeit Musik der Rolling Stones heimlich auf dem Schwarzmarkt kaufen mussten — unvorstellbar aus heutiger Sicht. Was Zeitzeuge Bodo Müller ihnen über sein Leben in der DDR erzählt, klingt teilweise nur absurd. „Ich hatte 17 IM an der Backe“, so Müller. 3000 Seiten stark ist seine Stasiakte. „Was für ein Aufwand. Dabei wollte ich nur raus.“ Und dafür hat der heute 52-Jährige die hässlichste Seite der Staatssicherheit kennengelernt.

Im Alter von 16 bis 18 Jahren, sagt Müller, habe er angefangen, das System DDR zu hinterfragen. „Da interessiert dich nicht, dass du sozial abgesichert bist.“ Da wolle man auch zum Konzert der Stones. Reisen. „Ich war lange der Meinung, dass ich auf der falschen Seite der Elbe geboren wurde.“ Richtung Westen durften DDR-Bürger erst ab 65 Jahren reisen. Jüngeren blieben nur Fahrten in die „Brüderländer“ im Osten, meist nur mit Visum. Und auch wenn die Reise per Anhalter bis ans Schwarze Meer eine tolle Erinnerung sei, habe er sich doch gefragt, warum er hier nicht weiter dürfe. Im Gegensatz zu dem Türken, der ihn zuletzt mitgenommen hatte.

„Hat man über das Thema Freiheit geredet?“, will ein Schüler wissen. „Nicht so wie hier, schon gar nicht, wenn der Lehrer dabei sitzt“, sagt Müller. „Absolut undenkbar.“ Die Angst, über Flucht oder Ausreise zu reden, sei schließlich so groß gewesen, dass solche Gespräche mit einem Spaziergang im Freien verbunden wurden. „Man hat geahnt, dass Wohnungen abgehört wurden.“ Mehr als 90000 Angestellte hatte die Stasi, dazu mehr als 200000 freie Informanten.

Müller stand unter Beobachtung. Er sei aufmüpfig gewesen. Dass man in der DDR nur auf Binnengewässern segeln durfte, hielt ihn nicht auf. 1978, mit 15 Jahren, reiste er mit Freunden und einer zerlegbaren Jolle nach Rumänien. Von dort segelten sie über die Donau ins Schwarze Meer bis zum Bosporus. Die perfekte Gelegenheit zur Flucht, doch einer der Mitreisenden, Thomas, wollte zurück, um sein Medizinstudium zu beenden. „Hätten wir ihn zurückgelassen, wäre er verhaftet worden“, erklärt Müller. Zumal sie geglaubt hatten, eine Hintertür gefunden zu haben, die sie jederzeit wieder nutzen konnten. Doch wie sich herausstellte, war Thomas ein Spitzel. Nach der Rückkehr wurde Müller von der Polizei befragt. Danach bekam er kein Visum mehr.

1985 unternahm Müller einen „echten“ Fluchtversuch. Von Danzig aus wollte er mit Freunden nach Bornholm segeln — offiziell aber nur die polnische Küste entlang. Doch schon in Danzig wurden sie festgenommen. „Das war dann nicht mehr lustig.“ Auf der Fahrt ins Stasi-Gefängnis Rostock seien sie gefesselt in Stahlboxen gesperrt worden. Sechs Stunden lang, mit einem Scheinwerfer im Gesicht.

„Wir waren völlig fertig.“ Es folgten Verhöre. Stundenlang seien sie unter Druck gesetzt worden. Tag und Nacht. Dazu Schlafentzug. Eine Woche lang. Doch alle hielten sich an die offizielle Variante.

„Wir hatten unheimliches Glück“, so Müller. Die Seekarte nach Bornholm in den Stangen seines Rucksackes hatte die Stasi nicht gefunden.

Danach stellte Müller einen Ausreiseantrag. Ein „widerrechtliches Übersiedlungsersuchen“. Die Strafe: Berufsverbot als Journalist. Erst im August 1989 sei ihm die Ausreise gestattet worden. Doch das Ausmaß der Überwachung ist Müller erst durch seine Stasiakte bewusst geworden. Regelmäßig sei die Wohnung durchsucht, jedes Detail fotografiert worden. „Dafür wurde die Straße gesperrt. Alle Bewohner des Hauses unter einem Vorwand auf Arbeit und in der Schule festgehalten“ — Müller kann das offensichtlich heute noch nicht fassen. „Ich hatte kein Attentat geplant. Ich wollte nur ausreisen.“

Das 90-Minuten-Gespräch mit dem Zeitzeugen vergeht wie im Flug. „Das war sehr interessant“, sagt Schülerin Nele Traber. Besonders schlimm findet sie die Schilderung zur Gefangenschaft. „Ich hätte nicht gedacht, dass die DDR so unmenschlich war.“

Autor und Fotograf
Bodo Müller wurde 1963 in Halle/Saale geboren. 1978 segelt der DDR-Bürger über die Donau und das Schwarze Meer bis zum Bosporus; die Stasi reagiert mit einem Reiseverbot in die Ostblockländer. Ab 1980 ist Müller Redakteur einer Tageszeitung in Halle, gleichzeitig studiert er Fotografie, 1984 zieht er nach Rostock. 1985 scheitert ein Fluchtversuch über die Ostsee, Müller wird inhaftiert. 1986 stellt er einen Ausreiseantrag und wird mit einem Berufsverbot als Journalist belegt. Im August 1989 reist er in die BRD aus. Bis heute arbeitet der Lübecker als Autor und Fotograf für Segler-Magazine. Seine Geschichte erschien 1994 als Buch („Über die Ostsee in die Freiheit“) und wurde verfilmt.

Nadine Materne

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