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Segeberg Ilja Richter auf den Spuren seines Vaters
Lokales Segeberg Ilja Richter auf den Spuren seines Vaters
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10:19 05.12.2017
KZ-Gedenkstätte Springhirsch: Ilja Richter am Drehstein mit der Strophe eines Gedichts von Stephan Hermlin auf dem einstigen Appellplatz.
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Kaltenkirchen

Der Historiker Thomas Käpernick vom Trägerverein der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen habe die Idee gehabt und sie angesprochen, erzählt die Kieler Dokumentarfilmerin Quinka Stoehr und schiebt die schwarze Kapuze ihres Steppmantels aus der Stirn, um freie Sicht auf das Display ihrer Kamera zu haben. Im Monitor ein Mann; schwarzer Hut, weißes kurzes Haar, schlanke Gestalt: Ilja Richter. Immer wieder umrundet er für die Kamera eines Fernsehteams den Drehstein mit den eingefrästen Worten aus dem Stephan-Hermlin-Gedicht „Asche von Birkenau“, dessen Motiv Erinnerung und Vergessen sind.

„Mir war gleich klar: Daraus machen wir ein Filmprojekt“, sagt Quinka Stoehr (58), wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa-Universität Flensburg. Neun Erst- und Drittsemester des Masterstudiengangs Kultur-Sprache-Medien arbeiten seither an der Vergangenheit zwischen „Schweigen und Erinnerung“ von Georg Richter, der mehr als neun Jahre im KZ unter anderem in Springhirsch bei Kaltenkirchen einsaß, sowie dessen Sohn Ilja.

Schauspieler Ilja Richter ist Sohn des Widerstandskämpfers Georg Richter, der im KZ Kaltenkirchen inhaftiert war. Für eine Dokumentation kam er ins Segebergische, sprach über den Vater, den Umgang der Familie mit dessen Vergangenheit zwischen Schweigen und Erinnerung.

„In Täter- und Opferfamilien wurde verdrängt,

weil

der Mensch

nunmal ein Verdrängungs-tier ist. Ilja Richter

Denen, die mit der 1970er-Kultsendung „Disco“ groß geworden sind, ist der stets gut gelaunte, freche, schlaksige Moderator noch gut in Erinnerung: „Licht aus whommmm . . . Spot an, jahhh . . “.

Früh begann die Fernsehkarriere des Jungen, dessen jüdische Mutter sich mit Hilfe falscher Identität vor dem Naziregime retten konnte. Sein Vater: Georg, ein kommunistischer Widerstandskämpfer, Jahrgang 1905, Maschinenbauer. Später: Häftling mit Nummer 6037. Quinka Stoehr: „Da bespaßt jemand eine ganze Nation und dahinter steht ein Mensch mit so einer Biografie, das ist Wahnsinn.“

„Er ist es, der diese Hölle überlebt hat. Es ist kein Verdienst von mir“, sagt Ilja Richter, als er über den von Pflastersteinen gesäumten Pfad geht. In Springhirsch ist nicht Gras über „die Sache“ gewachsen, es sind dicke, hohe Bäume, die dem Ort ein Stück des Schreckens nehmen, den er für weit über 500 inhaftierte Zwangsarbeiter in der NS- Zeit gehabt haben muss. „Viel Prügel, wenig Essen, arbeiten vom Morgengrauen bis Sonnenuntergang.“ Hier kreuzten sich die Wege von Georg Richter und Pierre Vignes, einem weiteren Überlebenden.

„Mein Vater war ein hoffnungsloser Optimist“, sagt Ilja Richter später in der Waldorfschule in Kaltenkirchen vor rund 100 Zuhörern im Gespräch mit den Studentinnen Karen Bartel und Kyra Baltrusch. Ein älteres Film-Interview mit Pierre Vignes, der sich gut an Georg Richter erinnern konnte, Briefe Richters als junger Mann an die Eltern, Listen, Berichte – alles fügt sich wie ein Puzzle zusammen.

„Aber mein Vater war auch unglaublich naiv, dass er in all dem Schlimmen nie aufgab an das Gute zu glauben.“ Der 65-jährige Schauspieler, der seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten ist, erzählt vom offenen Umgang in der Familie, aber auch vom Schweigen nach außen. Manchmal kommt die Normalität durch, manchmal spürt man deutlich eine Grenze. Wenn er seinem Vater noch etwas sagen könnte, dann, dass es ihm leid tue, nicht mehr nachgefragt zu haben.

„Ich glaube, so eine Vergangenheit macht etwas mit einem. Das kam mir ein bisschen zu kurz, aber sonst war es eine sehr interessante Veranstaltung“, konstatiert Besucherin Marita Wrage. Auch das Fazit von Karen Bartel ist ein positives: „Ilja Richter war sehr natürlich, das hat uns viel Anspannung genommen.“

Der Dokumentarfilm für die KZ-Gedenkstätte wird voraussichtlich im Frühjahr 2018 fertig sein.

Ein Video dazu finden Sie auf www.LN-online.de/videos

 Heike Hiltrop

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