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Segeberg Im Notfall in den Kühlschrank sehen
Lokales Segeberg Im Notfall in den Kühlschrank sehen
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21:31 12.07.2018
Margarete und Hans-Jürgen Schaffner aus Klein Rönnau verwenden die Notfalldose und wollen auch Nachbarn informieren. Quelle: Fotos: Irene Burow
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Segeberg

Andere Gemeinden fanden die Idee so gut, dass sie die Notfalldose zu Hunderten für Haushalte angeschafft haben (siehe Info-Text). Auch Krankenhäuser und Sozialverbände verteilen sie. Dorothea Kruse, Diakonin von der Evangelischen Kirchengemeinde Segeberg, hat erst mal 60 bestellt. „Um zu sehen, was passiert“, sagt sie. Inzwischen ist sie fast alle los. „Jeder kann das im Netz bestellen, aber mir war es wichtig, das auch vor Ort zu bekommen.“

Ein kleiner, grün-weißer Helfer verbreitet sich momentan rasant: Jeder kann freiwillig lebenswichtige Informationen auf einen Zettel schreiben und die Notfalldose samt Inhalt in die Kühlschranktür stellen. Ein Aufkleber an der Tür weist Retter darauf hin. Die Idee ist in Segeberg angekommen.

Zettel ermöglicht Zugang zu Dokumenten

Also hat sie Apotheken abtelefoniert, im Kreis Segeberg machen inzwischen drei mit. „In der Dose ist ein Notfallzettel, den man ausfüllen kann.“ Name, Krankenkasse, Blutgruppe sind aufgeführt, oder welche Medikamente eingenommen werden. Man kann angeben, ob man zuckerkrank ist oder unter Epilepsie leidet, wo der Organspendeausweis oder Impfpass liegt, den Hausarzt angeben und den Medikamentenplan beilegen. „Die Dose stellt man in die Kühlschranktür“, erklärt Kruse. „Das ist wirklich nicht blöde, es ist schnell und einfach zu finden.“ Ein kleiner, quadratischer Aufkleber an der äußeren Kühlschranktür sowie ein weiterer an der inneren Wohnungstür weist Rettungssanitätern den Weg. Oder wie Nico Volbert, Geschäftsführer des gleichnamigen Unternehmens in Bremen, sagt: „Egal, ob Einzimmerwohnung oder Schloss – den Kühlschrank findet man immer.“ Mit weißen Röllchen hatte sein Notrufdienst einst angefangen, die Nachfrage aus der Gesundheitsbranche wuchs. „Also haben wir 2014 ein Produkt daraus gemacht“, sagt er.

Idee aus dem europäischen Ausland übernommen

Beim Rettungsdienst kommt das gut an. „Es ist fast egal, wie viele Medikamente genommen werden. Im Notfall ist wichtig zu wissen, was“, sagt Ulf Möller, Leiter des DRK-Rettungsdienstes im Kreis Segeberg. „Vieles erkennt man nicht auf einen Blick“, sagt er. Einen Herzschrittmacher etwa, oder wenn Blutverdünner eingenommen werden. Die Infos aus der Dose lotsen Lebensretter in die richtige Richtung. „Das Erscheinungsbild des Patienten zusammen mit der Medikation oder Medikamentenkombination lässt klare Rückschlüsse zu. Ärzte haben nicht umsonst sieben Jahre studiert.“ Krankheiten können natürlich auch direkt auf den Zettel geschrieben werden. „Ich werde das in unser internes System einstellen und darauf hinweisen“, sagt Möller.

Kritisch zu sehen ist die Dose im Bereich Datenschutz. Menschen möchten sich nicht mit ihren Krankheiten offenbaren, Angehörigen vielleicht keinen Zugang verschaffen. „Wer möchte schon zugeben, Medikamente gegen eine beginnende Demenz zu nehmen?“, nennt Ulf Möller ein Beispiel. Da könnte ein Niederschreiben der Information aber auch helfen.

Im Zweifel kann ja jeder mal den Selbsttest machen: Welche Blutgruppe habe ich? Die Handynummer meiner Mutter/Tochter? Und wie heißen noch mal die vier Medikamente, die ich nehmen muss? „Wir nutzen die Dose. Mich stört das überhaupt nicht. Hauptsache es hilft“, sagt Margarete Schaffner aus Klein Rönnau. „Die fünf Euro investiere ich gern.“ Sie und ihr Mann Hans-Jürgen wollen die Idee jedenfalls in der Nachbarschaft bekanntmachen. „Die Älteren wissen bestimmt schnell, dass es sowas gibt. Aber ob sie es benutzen? Man sollte die Jüngeren ansprechen und dazu bringen, das anzuschaffen“, sagt sie. „Wir werden bei unseren Hausbesuchen immer wieder darauf hinweisen“, sagt auch Silke Stocker vom Pflegestützpunkt des Kreises Segeberg. Die Initiatorin im Kreis, Dorothea Kruse, weiß inzwischen auch von Nutzern, die den Helfer nicht nur im Kühlschrank aufbewahren, sondern auch in der Handtasche bei sich tragen.

Konzipiert wurde die Dose jedoch nicht nur für Senioren. „Viele sind alleinstehend. Die Familienbande wie früher gibt es in der Regel nicht mehr. Single-Haushalte nehmen zu, bei jungen wie alten Leuten“, sagt Birgit Noack von der Südstadtapotheke, wo man die Dose kaufen kann. Ein alleinerziehender Vater mit Kind und Hund kann zum Beispiel profitieren, weil er auf den Zettel schreibt, wo sein Kind notfalls abgeholt werden muss, wer den Hund versorgen kann – oder wer überhaupt eine Notfall-Kontaktperson ist. „Wir haben schon viele elektronische Dinge kommen und gehen sehen. Die meisten finden das einfach herrlich analog“, so Unternehmer Volbert. Die Vorgehensweise sei auch im Ausland sehr erfolgreich. Die Engländer und Polen beispielsweise gaben die Initialzündung. Ganz neu ist die Idee nicht; Notfall-Halsketten, -Kapseln oder SOS-Anhänger gibt es längst. Aber mit einer Standard-Methode wie dieser hilft ein Arzt im Zweifel noch schneller.

Idee verbreitet sich rasant

2500 Stück hat die Senioren-Union im Kreis Stormarn im Mai bestellt, um sie in den zwölf Ortsverbänden für kleines Geld anzubieten.

Die Gemeinde Ratekau (Kreis Ostholstein) stellt jedem Haushalt in der Gemeinde kostenlos eine Dose zur Verfügung. Der Grömitzer Seniorenbeirat hat den Helfer bereits bekannt gemacht, Kellenhusen finanziert die Dose für seine Einwohner. Der Sozialverband Bad Schwartau hat sie verteilt, der Seniorenbeirat auf Fehmarn bietet sie an, Infoveranstaltungen gab es bereits in vielen weiteren Ortschaften.

In weiten Teilen Nordrhein-Westfalens ist der unscheinbare Lebensretter bereits Standard.

Mehr Infos:

www.notfalldose.de

Irene Burow

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