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Segeberg In den Gegenverkehr hinein überholt: ein Toter
Lokales Segeberg In den Gegenverkehr hinein überholt: ein Toter
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10:41 26.10.2012
Segeberg

Nein, er habe es nicht eilig gehabt, erklärte G. (29) gestern vor dem Amtsgericht Bad Segeberg. Doch, der Fahrer eines weißen Sprinters habe immer wieder hinter seinem Sattelzug hervorgelugt, um zu überholen. So sagte es ein Lkw-Fahrer als Zeuge. Gleichwie: G. überholte. Mitten hinein in den Gegenverkehr. Und mitten hinein in den Opel-Combo von D. (43) aus Neumünster. Der Fahrer des Combo starb an schweren Schädel- und Hirnverletzungen. Dafür wurde Unfallfahrer G. gestern mit neun Monaten Freiheitsstrafe zur Bewährung und einem weiteren Jahr Führerscheinentzug bestraft.

Zudem muss er je 600 Euro Geldstrafe an die Lebensberatung und an die Bad Segeberger Feuerwehr zahlen, in Monatsraten von 50 Euro über die ganze Bewährungszeit von zwei Jahren. Die Verfahrenskosten, die er ebenfalls zu tragen hat, dürften die Buße noch übersteigen.

Dieser Unfall vom 25. Januar auf der Bundesstraße 430 in Höhe Bornhöved hatte damals Schlagzeilen gemacht. Die Fahrzeuge waren frontal aufeinandergeprallt, hatten sich so verkeilt, dass es insgesamt fünf Verletzte gab. Der Schwager des am schwersten Verletzten, ein Feuerwehrmann, musste das Unfallopfer noch aus dem Opel-Wrack schneiden. Drei Operationen hatten keinen Erfolg: Eine Woche nach dem Unfall starb D. an den Folgen seiner schweren Schädel- und Hirnverletzungen.

Es war, mit Nachbarn und Freundes des Getöteten und zahlreichen Zuhörern, ein Tag der Tränen vor dem Amtsgericht. Michaela D. (Name von der Redaktion geändert) ist durch den Tod des Lebensgefährten der Boden unter den Füßen fortgezogen worden. Weinend berichtete sie als Nebenklägerin, wie sich ihre Kinder, eine 14-jährige Tochter und ein jetzt neunjähriger Sohn, am Krankenbett von ihrem Papa verabschiedet hatten. Ihre Stimme versagte, als sie den Ärzten vorwarf, die Maschinen zu früh abgeschaltet zu haben: „Ich hätte es noch versucht, aber so hätte er wohl auch nicht leben wollen. Aber ich hätte ihn gepflegt.“

Nicht nur die Gefühlswelt von Michaela D. brach zusammen, auch ihrer Existenz ist der Boden entzogen: Die Allianz-Haftpflichtversicherung und die Berufsgenossenschaft Bau machen ihre Zahlungen vom Verhalten des jeweils anderen abhängig; da entdeckt man noch, dass das Paar schließlich nicht verheiratet war und dem Jobcenter Neumünster fiel als erstes ein, dass Mutter und Kinder jetzt erst einmal in eine kleinere Wohnung ziehen müssten. Sind ja nun einer weniger.

„Wir kämpfen zurzeit an mehreren Fronten“, erklärte der Rechtsanwalt der Nebenklage, und auch Richterin Sabine Roggendorf bekannte: „Wer da nicht anwaltlich vertreten wird, verhungert am langen Arm.“Wie aber war mit Unfallfahrer G. zu verfahren? Die fahrlässige Tötung war unstrittig, auch dass er grob verkehrswidrig gehandelt habe. Aber besondere Rücksichtslosigkeit mochte ihm das Gericht trotz seiner beiden voran gegangenen Fahrverbote wegen Raserei nicht unterstellen. Mit den neun Monaten zur Bewährung blieb die Richterin beim Antrag der Staatsanwaltschaft.

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