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Segeberg In der Kleidung des Empires
Lokales Segeberg In der Kleidung des Empires
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23:14 07.05.2016
Tournürenkleider waren um 1814 der letzte Schrei. Quelle: Fotos: Pd

Der Tisch in der guten Stube ist mit Kaffeegeschirr gedeckt. An der Garderobe hängen ein Zylinder und eine Kappe, die an eine Badehaube erinnert. Und mehrere Schneiderpuppen tragen Kleider, die auch aus der Werkstatt des damaligen Bewohners, Schneideramtsmeister Johann Hinrich Vogt, hätten stammen können. „Kleider mach(t)en Bürgersleut“ heißt die Sonderausstellung, mit der das Museum Alt-Segeberger Bürgerhaus einen Einblick in die damalige Zeit geben möchte.

Maren Jöns schneidert Mode, wie sie im 19. Jahrhundert getragen wurde — Neue Ausstellung im Bürgerhaus.

Führungen auf Anfrage

Die Ausstellung im Museum Alt-Segeberger Bürgerhaus in der Lübecker Straße 15 kann bis zum 29. Mai dienstags bis sonntags von 12 Uhr bis 17 Uhr besichtigt werden. Eintrittspreise: Kinder und Jugendliche zahlen einen Euro, Erwachsene zwei Euro, Familien vier Euro. Führungen auf Anfrage unter der E-Mail-Adresse museum@vhssegeberg.de.

pd

So ähnlich muss es ausgesehen haben im Jahr 1814, als Johann Hinrich Vogt die nachträglich an das Haus angebaute Wohnung mit Leben füllte. Die Trennwände sind nicht mehr da, stattdessen sorgen derzeit säuberlich genähte Gaze für die Trennung der einzelnen Räume. Die Einrichtungsgegenstände hatte Museumsleiter Nils Hinrichsen aus dem noch vorhandenen Sammelsurium auf dem Dachboden zusammengesucht. Nur bei der Kleidung musste er passen. Er wusste aber, wo der damaligen Mode nachempfundene Kleider zu finden waren: bei Schneider- und Gewandmeisterin Maren Jöns (40).

„Das sind alles authentische Rekonstruktionen aus der Zeit des Empires, wie sie auch Segeberger Bürgerinnen trugen, die etwas auf sich hielten“, weiß Nils Hinrichsen, der bewundernd vor den Kleidern der Segeberger Gewandmeisterin steht. Ihr Handwerk hat sie in einem Rümpeler Schneideratelier gelernt, das wie der Segeberger Schneideramtsmeister Vogt hieß. Sie arbeitete an der Staatsoper in Hamburg, nähte die Kostüme für das Musical „Phantom der Oper“ und kleidete die Karl-May-Schauspieler ein, bevor sie zwei Jahre lang die Gewandmeisterschule in Hamburg besuchte. Inzwischen wohnt sie in Lübeck und sorgt dort für die richtige Kostümierung der Schauspieler am Theater.

Was der Pettycoat für Rock'n'Roll-Fans ist, sind für Maren Jöns die aufwendig gearbeiteten Kleider aus Romantik und Biedermeier. 2002 nähte sie ihr erstes Tournürenkleid. Weitere Kleider folgten und sogar ein Korsett hat sie angefertigt, deren feine Stickereien dem Wäschestück Steifigkeit geben. 51 Stunden hat sie daran gearbeitet. Anregungen für ihre Werke holt sie sich durch Originale, die unter anderem im New Yorker Metropolitan Museum of Art oder im Modemuseum Schloss Ludwigsburg zu sehen sind. Außerdem hat es bereits zu damaliger Zeit Modezeitschriften mit Schnittmustern gegeben, auf die Maren Jöns zurückgreifen kann.

„Deutlich schwieriger ist es, Originale aus dem 17. Jahrhundert zu finden. Im Mittelalter wurden Kleider bis auf den letzten Faden aufgetragen. Um sie nacharbeiten zu können, bin ich auf gemalte Bilder angewiesen“, erzählt Maren Jöns. Die ausgestellten Kleider wurden zur damaligen Zeit von den Bürgern, dem heutigen Mittelstand getragen. Damals wie heute war Bekleidung einem Modetrend untergeordnet. Alles, was modisch out war, wurde jedoch nicht weggeschmissen, sondern umgearbeitet oder an Angestellte weitervererbt, die sich derartige Kleider nicht leisten konnten.

Maren Jöns lässt keine Gelegenheit aus, ihre selbst geschneiderten Kleider anderen zu präsentieren. Sie besucht Treffen von Gleichgesinnten, und sogar in Bad Segeberg hatte eines ihrer Werke bereits seinen großen Auftritt, als sich auf der Seepromenade Freunde von Hochrädern mit ihren fahrbaren Untersätzen präsentierten. Unbequem sind die Kleider für Maren Jöns nicht, im Gegenteil: „Ich fühle mich darin wohl. Manche von ihnen haben bereits durchtanzte Nächte hinter sich.“

Von Petra Dreu

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