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Segeberg Jugendliche kämpfen für ihr Juz
Lokales Segeberg Jugendliche kämpfen für ihr Juz
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20:45 05.04.2017
Bürgervorsteherin Ingrid Altner ließ keine Jugend-Diskussion zu.

Schüchtern betreten die drei Mädchen am Dienstagabend das Rathaus. Offensichtlich ihre erste Stadtvertretersitzung. Ein junger Mann: „Da sitzen ja nur ältere Leute.“ Tatsächlich war der Bürgersaal proppenvoll. Politiker und Verwaltung wird zurzeit auf die Finger geschaut wie nie. Ob nun Bauvorhaben Nelkenweg oder Jugendszene: Alle haben ihr Anliegen. 15 Jugendliche interessierte vor allem: Wie geht es mit ihrem Jugendzentrum (Juz) Mühle weiter?

Bürgervorsteherin ließ keine Diskussion mit der Jugend zu – Jansen-Halle geht an den MTV.

Wie berichtet, bleibt es diese Woche wegen Personalnot geschlossen. Thomas Minnerop, Projektleiter von der „Jugendgerechten Kommune“, hatte sich darüber sehr ereifert. Und nun wagen sich die Kids vor Bad Segebergs höchstes Beschlussgremium. In der Einwohnerfragestunde meldet sich Hellena Wagemann, Vorsitzende des Kinder- und Jugendbeirates: „Warum ist das Jugendzentrum jetzt schon wieder die ganze Woche geschlossen? Das ist einer der letzten Orte, wo noch etwas für Bad Segebergs Jugend geboten wird.“ Könne sich Bad Segeberg überhaupt noch „jugendgerechte Kommune“ nennen, wenn dieser kein Platz geboten werde?

Der stellvertretende Bürgermeister Thomas Vorbeck (CDU), Bürgermeister Dieter Schönfeld war auf Dienstreise, verwies auf Krankheit und Urlaub der Mitarbeiterinnen. „Blauer Himmel, Sonnenschein, da kann man doch auch viele andere Dinge machen“, empfahl er den Jugendlichen. Jens Lichte (SPD) beruhigte, die Jugendarbeit „geht nicht kaputt“, wenn eine Woche das Juz geschlossen bleibe. Die Stadt habe kein Geld für zusätzliches Personal. Man dürfe doch nicht deshalb wie Minnerop „die Jugendarbeit in Bausch und Bogen verurteilen“. Das sei maßlos übertrieben. Immerhin sei das Problem erkannt, erklärte er. Bürgervorsteherin Ingrid Altner (CDU) unterband hier Nachfragen von Wagemann. Diskutiert werden könne das im Ausschuss, sagte sie. Immerhin durfte Dennis Riecke seine Meinung noch sagen. „Ich bin sehr oft im Treff. Der ist schon mal überfüllt und nur eine Betreuerin vor Ort. Wenn da mal etwas passiert. . .“ Die Stadtvertreter nahmen es hin. Die Jugendlichen verließen sichtlich frustriert den Saal. Und Altner rief ihnen noch nach: „Wie ich sehe, sind Sie nur an ihrem eigenen Thema interessiert.“ Obwohl die Jugendlichen ja bald das Wahlrecht hätten. Reinhard Krassau (SPD) kommentierte diesen Auftritt: „Wenn schon einmal Jugendliche ins Rathaus kommen, sollte man auch mit ihnen diskutieren.“ Ingrid Altner hätte ihnen nicht das Wort abschneiden dürfen.

Bei dem frostigen Empfang im Rathaus hatten die Jugendlichen dann auch nicht mehr die Lust, die Diskussion über die Nutzung der städtischen Jansen-Halle mitzuerleben. Ihre Indoor-Skateranlage bekommen sie dort ohnehin nicht. Mit Mehrheit von CDU und SPD fiel wie erwartet der Beschluss, die Verwaltung solle prüfen, ob der Männerturnverein (MTV) die Halle nutzen kann. Und ob es mit einer Outdoor-Skateranlage klappt, bleibt offen. Die Abstände einer Anlage zur Wohnbebauung sollen baurechtlich von 250 auf 300 Metern erhöht werden. Für Jens Lichte ist es eine der „schwärzesten Stunden“ als Politiker, „dass wir über 26 Standorte für eine Skateranlage vergeblich geprüft haben“.

Kommentar: Bad Segeberg ist alles andere als jugendgerecht

Chance verpasst, Jugend für Politik zu gewinnen. In der Sitzung der Bad Segeberger Stadtvertreter standen die Jugendlichen mit ihren Anliegen auf verlorenem Posten. Schlimmer: Man schnitt ihnen das Wort ab, zeigte, dass sie keine Rolle spielen. Wer so versucht, Jugend für Politik zu begeistern, erreicht das Gegenteil, ja Ohnmachtsgefühle, Politikverdrossenheit, bevor diese erstmals zur Wahl gehen.

Parteien und Verwaltung machen ohnehin das, was sie wollen, ist der bleibende Eindruck in der „Höhle des Löwen“. Den heuchlerischen Titel „Jugendgerechte Kommune“ sollte Segeberg sich abschminken.

Warum wird über eine bessere personelle Ausstattung des Jugendzentrums nicht einmal diskutiert? Ein Kinder- und Jugendbeirat ist offenbar nur prima, wenn die Kids hin und wieder schüchtern den Mund aufmachen – aber bitte ohne zu stören. Wenn wirklich Missstände von der Jugend hinterfragt werden – dann wird es schnell eisig im Rathaus.

Ein Kommentar von Wolfgang Glombik

 Wolfgang Glombik

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