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Segeberg Kein Massengrab unterm Spielplatz
Lokales Segeberg Kein Massengrab unterm Spielplatz
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21:31 12.07.2018
Ausgrabungen ergaben jetzt Entwarnung für diesen Spielplatz in Norderstedt: Es verbergen sich keine Knochen im Erdreich. Quelle: Fotos: Dpa/fuchs
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Norderstedt

„Wir haben nur modernen Schrott, Porzellan und Löffel aus den 1950er-Jahren gefunden“, sagte Ulf Ickerodt, Leiter des Landesamtes. Schon in der nächsten Woche könnten die Kinder in dem Wohngebiet wieder wie gewohnt mit neuem Sand auf dem Spielplatz an der Straße Am Hochsitz in der Nähe des Arriba-Erlebnisbades spielen, kündigte Stadtsprecher Bernd-Olaf Struppek erleichtert an. „Das ist das, was wir uns erhofft und gewünscht haben.“

Ein seit Ende Mai gesperrter Spielplatz in Norderstedt verbirgt kein Massengrab aus der NS-Zeit. Grabungen des Archäologischen Landesamtes am Donnerstag ergaben keinerlei Hinweise auf Knochenfunde, die eine solch düstere Vergangenheit dieses Platzes belegen.

Die Stadtverwaltung Norderstedt hatte nach entsprechenden Hinweisen aus der Bevölkerung vor rund sechs Wochen den kleinen Spielplatz mit Schaukel und Sandkasten vorsorglich für die Öffentlichkeit gesperrt. „Wir möchten mit der größtmöglichen Pietät vorgehen“, begründete Stadtsprecher Struppek seinerzeit das Betretungsverbot. „Die Anwohner haben sehr verständnisvoll darauf reagiert“, sagte er am Donnerstag. „Das ist natürlich eine ethische Frage. Kein Kind sollte auf einem Massengrab spielen müssen“, sagte Ickerodt vom Archäologischen Landesamt in Schleswig, das die Stadt Norderstedt sofort einbezogen hatte und das aber erst jetzt Zeit fand, die Bodenuntersuchungen auszuführen.

Eine Anwohnerin, die in diesem Wohngebiet in der damaligen Gemeinde Harksheide in den 1960erJahren aufgewachsen war, hatte die Verwaltung darüber informiert, dass die Kinder beim Spielen oft Knochen gefunden hätten. Weil die damalige „Heil- und Pflegeanstalt Langenhorn“, im heutigen AK Ochsenzoll, während der NS-Zeit zahlreiche Euthanasie-Opfer zu verantworten hatte, nahm die Verwaltung den Hinweis ernst. Womöglich könnte sich unter dem Kinderspielsand ein schreckliches Szenario verbergen. Zumal damals auf dem nicht weit entfernten Gelände des heutigen Sportplatzes von TuRa Harksheide ein Truppenübungsplatz der SS war, die wiederum im heutigen Stadtpark Schießübungen verrichtete.

„Wir halten die Informationen für so plausibel, dass wir sie prüfen werden“, sagte Landesamtschef Ickerodt Ende Mai dazu. Auch wenn er es für „sehr unwahrscheinlich“ hielt, dass es sich hier wirklich um ein Massengrab aus der NS-Zeit handele, sagte er am Donnerstag auf LN-Nachfrage. Denn dort, wo heute der Spielplatz war, befand sich damals ein See, sodass der Boden mit Sicherheit bei den Erdarbeiten für die direkt angrenzende Wohnbebauung in den 1950er-Jahren weggesackt wäre, wenn dort in 1930er/40er-Jahren etwa Leichen verscharrt und eine Grube ausgehoben worden wären.

Vorsorglich aber legten die Experten vom Archäologischen Landesamt am Donnerstag mit einem kleinen Schaufelbagger ein zehn Meter langes und 1,50 Meter tiefes Erdloch frei, um den Unterboden des Spielplatzes näher zu untersuchen. Dabei stießen sie aber nur auf den erwarteten Hausmüll. „Den werden wir auch hier liegen lassen“, sagte Ickerodt. Theoretisch könnte es sich bei den erwähnten Knochenfunden um die Überreste einer Schlachterei handeln, die hier einmal ansässig war, oder gar von Hausschlachtungen stammen, die ja bis in die 1960er-Jahre gang und gäbe waren.

Zuletzt hatte das Archäologische Landesamt vor zwei Jahren in Kiel Menschenknochen ausgegraben. Dabei habe es sich aber um die Überreste eines Friedhofes gehandelt, erklärt Ickerodt.

Seit den 1990er-Jahren beschäftige sich das Landesamt systematisch mit der Erfassung der Orte des Schreckens der NS-Zeit und habe so in Zusammenarbeit mit den KZ-Gedenkstätten eine „Topografie des Terrors“ erstellen können.

Von Burkhard Fuchs

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