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Segeberg Kein selbstverständlicher Heiligabend
Lokales Segeberg Kein selbstverständlicher Heiligabend
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21:16 22.12.2015
Sie ist fast blind, aber voller Seelenfrieden und freut sich auf den Heiligabend im Marienhof: Anne Gerke. Quelle: Fotos: Kullack/hil

Heiligabend 2015. Kartoffelsalat mit Würstchen steht morgen auf dem Tisch, vielleicht auch ein fetter Braten. So sind wir es gewohnt. Auch in der Senioren-Wohnanlage Marienhof wird es am 24. Dezember Kartoffelsalat geben, man singt Weihnachtslieder, erfreut sich an den Lichtern am Baum, die Familien kommen — nur nehmen ältere Menschen im Vergleich zu späteren Generationen unseren Wohlstand, alle freundliche Wärme und den Frieden nicht als selbstverständlich hin. Die LN sprachen mit Anne Gerke (93) und Christa Junge (81).

„Weihnachten im Krieg, das war bittere Armut“, sagt Christa Junge. Die damals Zehnjährige war mit ihrer Familie in Kiel ausgebombt worden. Man lebte auf dem Dorf in Gockels bei Hanerau-Hademarschen:

„Fünf Personen in einem Zimmer von elf, vielleicht zwölf Quadratmetern. Damit überhaupt der Baum hineinpasste, mussten zuvor die Betten zusammengerückt werden.“

„Nur bei uns musste

es immer Grünkohl sein“

Doch gab es ein Weihnachten für die Zehnjährige. Später, in besseren Zeiten, hatte das Fest so seine Merkwürdigkeiten, über die die heute 81-Jährige heute von Herzen lachen kann: „Überall gab es zum Heiligabend Kartoffelsalat und Würstchen. Nur bei uns musste es Grünkohl sein — mit süßen Bratkartoffeln und allem, was dazugehört.“ Ihr Vater war nämlich Koch, und das aufwendige Grünkohl-Menü am Heiligabend, gekocht auf dem Kohleofen, ließ er sich nicht nehmen: „Das habe ich später als Hausfrau nicht übernommen“, sagt Christa Junge.

Die Seniorin, die trotz ihrer vom Rheuma verkrümmten Finger (die Krankheit hat sie schon beide Beinen gekostet) eifrig mit Tablett und Touchscreen arbeitet, nennt als schönste Lebenserinnerungen ihre Hamburger Zeit: „Als Verkäuferin hatte ich zuvor von Horst bei Elmshorn bis Hildesheim gearbeitet — aber von 48-Stunden-Wochen, Gewerkschaft oder gar Betriebsrat habe ich dann erst später zum ersten Mal in Hamburg gehört.“

Die Verkäuferin zog 1956 nach Hamburg, heiratete 1962. Von ihren drei Söhnen lebt einer in Bad Segeberg — so kam Christa Junge nach dem Tod ihres Mannes in den Marienhof. Gern erinnert sie sich daran, wie es früher fast jedes Jahr zu Weihnachten kräftig schneite: „Wenn es mal richtig fest geschneit hatte, zogen wir zum Skilanglauf in die Fischbeker Heide. Das liegt an der B 73, Richtung Buxtehude. Die Kinder haben sich dann auch schon mal eine Sprungschanze gebaut — aber wenn die fertig war, dann fing es meist an zu tauen.“

Ihr Gegenüber Anne Gerke ist mit ihren 93 Jahren geistig bewundernswert rege, erzählt viel und gern. Auch sie sitzt im Rollstuhl und sie ist fast blind, doch das scheint ihrem Seelenfrieden und ihrer offenen Art nichts anzuhaben. Zwar ist sie in München geboren, hat jedoch große Teile ihres Lebens in Berlin verbracht, so dass sie bis heute beim Sprechen leicht berlinert. Ihr Mann Gerhard starb vor fünf Jahren, Tochter Angelika holte sie nach Bad Segeberg und besucht die Mutter im Marienhof geradezu täglich.

Gern erinnert sich die heute 93-Jährige an die Vorkriegs-Weihnachten in Reinickendorf: „Der aus Amerika stammende Pastor hatte häufig Gäste aus seiner Heimat, die dann im Heiligabend für uns sangen.

Dann verteilte der Pastor Kerzen, die jeder anzündete und mit auf den Heimweg nahm. Das ergab ein wunderschönes Bild — all die Lichter von allen Seiten.“

„Später hat mein Mann immer einen schönen großen Baum gekauft und ihn auch geschmückt, weil ich nach meinem Unfall schon fast blind war.“ Sie war mit dem Rollstuhl gestürzt und mit dem Kopf ausgerechnet auf einen Kantstein geprallt. Zuvor, bereits noch in München, hatte Anne Gerke als Fotolaborantin gearbeitet. „Nachher in Berlin im Krieg ging das nicht mehr: Entwickelte Filme mussten gewässert werden, und Wasser war knapp. Da machte die Firma dicht.“

Selbst im Krieg kamen die Gerkes vergleichsweise gut zurecht: „Meine Mutter arbeitete im Gastgewerbe — da bekamen wir zum Beispiel Fleischmarken geschenkt, wenn jemand die nicht brauchte, so dass wir sogar einen Weihnachtsbraten hatten.“ Ihr Mann Gerhard war bei der Luftwaffe und konnte längst nicht jedes Weihnachten zu Hause sein: „Das richtige Wiedersehen gab es erst, als er dann verwundet wurde. Zum Glück nicht schwer.“ Später, zur Berlin-Blockade, kamen dann die Care-Pakete von den Amerikanern: „Kaffee, Mehl, Kakao, Tee — alles, was wir brauchten.“

Begeistert erzählt Anne Gerke vom Heiligabend im Marienhof im vergangenen Jahr: „Die ganze Familie mit Enkel und Urenkel war gekommen. Wir haben Kaffee getrunken, Kuchen gegessen und als die Besucher weg waren, Weihnachtslieder gesungen und Lichter gebrannt. Elektrische natürlich — echte Kerzen dürfen wir ja nicht.“

Die Bewohner lieben das beschauliche Weihnachten im Marienhof, sagt Heimleiterin Gudrun Degelow. „Viele werden von Verwandten zum Fest geholt, und manche sagen dann nach kurzer Zeit: ,Bringt mich nach Hause‘ — und sie meinen damit den Marienhof.“

Als im Vorjahr bei der Feier gefragt wurde, wer denn ein weihnachtliches Gedicht kenne, da meldete sich Anne Gerke. „Von draus‘ vom Walde komm‘ ich her, ich muss Euch sagen es weihnachtet sehr.

. .“ Die ganze Strophe sagte die damals 92-Jährige auswendig auf, und sie erzählt sie jetzt auch dem LN-Reporter: „Das kenne ich doch noch von der Schule.“

„All‘ die Kerzen auf dem Heimweg von der Kirche — das ergab ein wunder-
schönes Bild.“
Anne Gerke (93)

Lothar Hermann Kullack

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