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Segeberg Kita statt Kunst in der Villa Flath
Lokales Segeberg Kita statt Kunst in der Villa Flath
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00:27 24.09.2017
Die Jüdische Gemeinde möchte in der Villa Flath ihre Kita erweitern. Damit könnten dort Künstler aber nicht mehr ausstellen. Quelle: Foto: Glombik
Bad Segeberg

Bereits jetzt sind in der Lohmühle, der Synagoge, nicht ausschließlich jüdische Kinder, sondern auch Christen und Kinder aus muslimischen Flüchtlingsfamilien untergebracht.  

 Der kleine Kindergarten, das„Sidonie-Werner-Kinderhaus“

Geradezu entsetzt war Ute Baier-Wolf, Vorsitzende des Kunstvereins, als sie von den Plänen erfuhr, aus der Villa Flath einen Kindergarten zu machen. Seit Jahrzehnten dient die Villa Künstlern als Ausstellungsort.

„Wir möchten zurück an den Ort, an dem alles begann.Walter Blender

Jüdische Gemeinde

im Jean-Labowsky-Weg in den Räumen der Jüdischen Gemeinde, sei „übervoll, die Warteliste lang“. Die Nachfrage sei gerade in diesem Bereich der interreligiösen Erziehung sehr groß. Auch geschichtlich würde der neue Kindergartenstandort unter dem Dach der Villa im Erdgeschoss „eine historisch einmalige Verbindung“ eingehen. Man gehe zurück „an den Ort, an dem alles begann“.

Gab es doch in der Villa Flath bis in die 1930er Jahre ein jüdisches Kinderheim, das von der Hamburger Jüdin Sidonie Werner gegründet worden war. Es gebe keinen geeigneteren Ort als dieses Haus, um den Kindergarten zu erweitern, liebäugelt Blender schon lange mit der Idee.

Der Plan sei – ähnlich wie bei dem Café „Goldmarie“ – einen kleinen Anbau durch einen gläsernen Gang mit der denkmalgeschützten Villa zu verbinden. Im Anbau sollen sanitäre Einrichtungen und Umkleideräume untergebracht werden. An dem Projekt arbeite schon ein Architektenbüro.

Am kommenden Dienstag, 26. September, 18.30 Uhr, soll darüber im Bürgersaal bei einer Sitzung des Ausschusses für Soziales, Schule und Kultur beraten und im Grundsatz darüber entschieden werden. Für den Ausschussvorsitzenden Jens Lichte (SPD) sind jedoch vorher noch einige Fragen zu klären: „Sind hier bauliche Veränderungen an der denkmalgeschützten Villa Flath überhaupt möglich?

Welche Umbaukosten kommen auf die Stadt zu?“ Auch müsse klar sein, dass man nicht ein wichtiges Ausstellungshaus wie die Villa Flath einfach ersatzlos schließen könne. Hier müsse es Alternativen geben. Vor 2019 werde die Kita dort sicherlich nicht einziehen können, schätzt Lichte.

Mit dem Vorstand der Stiftung Flath habe es erste Abstimmungsgespräche gegeben, heißt es von Blender. Bürgermeister Dieter Schönfeld (SPD) sieht schon weiteren Bedarf an Kindergartenplätzen. Mit der Kita könnte die Stiftung über die ortsübliche Miete Einnahmen bekommen, die sie wieder handlungsfähig mache. Es habe bereits Gespräche mit dem Verein für Jugend- und Kulturarbeit, der in der Villa eine Musikschule betreibt, gegeben. Schönfeld versprach gegenüber den LN, dass die Kunstszene Bad Segebergs unter dem Wegfall dieser Ausstellungsstätte „nicht leiden“ werde. Es werde andere Ausstellungsmöglichkeiten geben.

Doch dann würden an den Wänden der Villa nicht mehr Werke namhafter Künstler hängen, wie seit Jahrzehnten nach dem Tod des Bildhauers Otto Flath im Jahre 1987, sondern bunte Strichmännchen von Drei- bis Vierjährigen. Für den einen oder anderen kann das sicher auch eine schöne Vorstellung sein. . .

K. Lienau: „Verfall der Akzeptanz“

„Das Verbannen von zeitgenössischer Kunst aus der Villa Flath und damit vom Kulturhof Otto Flath zieht in dramatischer Weise einen Verfall der Akzeptanz des Ehrenbürgers und Namensgebers Otto Flath nach sich.“ Das sagt Katrin Lienau von der Ausstellungsgemeinschaft „Auge“. Die jüngsten Jahre seien geprägt von nimmermüden Bestrebungen Kulturinteressierter, Bad Segeberg einen Namen als Kulturstandort zu geben und zu erhalten. „Wie sollen Kulturinteressierte, für Kunst brennende Segeberger sowie Kunstschaffende sich nach Kindergartenbetrieb und baulichen Entstellungen des Gesamtensembles weiter mit der bis jetzt noch funktionierenden Kunstszene identifizieren?“, fragt Lienau. ark

Werden die Künstler nun heimatlos?

„Ich brauchte erst einmal einen dicken Sessel, um mich zu setzen, als ich das erfahren habe“, sagt die Kunstvereins-Vorsitzende. „Natürlich haben wir nichts gegen Kindergärten und schon gar nichts gegen die Jüdische Gemeinde. Aber wie sollen wir in dieser emotionalen Situation als Kunstverein dagegen an argumentieren?“

Eine andere Frage dagegen sei, wer die Regresskosten übernehme, wenn schriftlich zugesagte Ausstellungen abgesagt werden müssten. Die Lauenburger Künstlerin Claudia Bormann, Preisträgerin der diesjährigen BBK-Landesschau, und der Hamburger Tomasz Paczewski werden wohl in der ersten Jahreshälfte 2018 noch in der Villa ausstellen können. Aber die für den Spätsommer 2018 vorgesehene Ausstellung des renommierten norddeutschen Realisten Johannes Duwe, Spross der berühmten Maler-Familie, erscheint dann schon gefährdet. „Der Bürgermeister hatte uns ja bis 2019 die Villa zugesprochen, also sind wir davon ausgegangen, dass bis Ende 2018 diese drei Ausstellungen in der Villa stattfinden können“, sagt Ute Baier-Wolf. Geht es jedoch nach den Umzugsplänen der Jüdischen Gemeinde, hätte schon Duwe sich umsonst vorbereitet.

In der Villa Flath haben nicht erst seit den Tagen des Kunstvereins renommierte Künstler ausgestellt. Von 1989 bis 2007 wohnten im ersten Stock der Villa außerdem Flath-Stipendiaten. Jeweils ein halbes Jahr lang durften sie Haus und Werkstatt kostenlos nutzen, zum Ende gab es denkenswerte Ausstellungen in der Villa. Ute Baier-Wolf erinnert sich: „Vor allem nachdem das Flath-Gedächtniszimmer in einen normalen Ausstellungsraum verwandelt wurde, entstand eine Atmosphäre, die von Künstlern von Hamburg bis Nürnberg geschätzt wird. Und es ist nicht etwa so, dass wir nach Künstlern suchen müssen – die bewerben sich wegen des guten Rufes der Villa von ganz allein bei uns. Und das soll nun alles vorbei sein?“, fragt die Vorsitzende.

Natürlich habe man sich nach alternativen Ausstellungsmöglichkeiten umgetan und unternehme das auch weiterhin. Aber in der eigentlich geeigneten Jugendakademie etwa dürfen das Triptychon und der Riesen-Wandteppich im Foyer aus Denkmalschutzgründen nicht abgenommen werden. Und in der Remise mangelt es an genügend geraden Wänden – als hier 2015 ein Teil des Festivals der Deutschen Aquarellgesellschaft stattfand, wurde extra eine provisorische Wand gezogen – doch es gibt größere Formate als die eines normalen Aquarells. Einen zweiten Ausstellungsraum wie die Villa Flath gebe es in Bad Segeberg nicht, sagt Ute Baier-Wolf und ergänzt: „Ja, das ist sehr schade und besonders für uns als ehrenamtliche Mithelfer für das städtische Renommee in Sachen Kultur und Kunst kaum zu verstehen, so einen hervorragenden Ausstellungsort aufzugeben.“

 Lothar Hermann Kullack Wolfgang Glombik

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