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Segeberg Knastmuseum: Raritäten aus der Zelle
Lokales Segeberg Knastmuseum: Raritäten aus der Zelle
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22:21 05.07.2013
Von Ursula Kronlage
Das ist ein sogenannter Terroristenstuhl, der einzige, der in Hamburg verwendet wurde: Er war für die RAF-Häftlinge bestimmt, die zwangsernährt und gewogen werden mussten. Quelle: Fotos: Kronlage

Es ist eine Rarität, einzigartig sozusagen, weltweit gibt es nichts Vergleichbares. Klingt nach Angabe, es stimmt aber. Peter Michael Zimmermann (68) betreibt in einem Seitentrakt der JVA Glasmoor auf einem ausgebauten Dachboden das einzige Knastmuseum weltweit.

Es riecht leicht muffig, der Luftzug wirbelt Staub empor. Ein typischer Dachboden — und doch viel mehr. Der Rundgang ist wie ein Streifzug durch einhundert Jahre deutsche Knastgeschichte.

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Zusammengeknüpfte Bettlaken waren keine Seltenheit im Gefängnis.

Mehrere tausend Exponate auf rund 160 Quadratmetern vermitteln einen Eindruck aus allen Bereichen des Vollzuges. Zimmermann hat sie zusammengetragen in seinen mehr als 30 Dienstjahren als Vollzugsbeamter. „Ich habe die Sachen aufbewahrt ohne meine damaligen Vorgesetzten zu fragen“, erinnert er sich. Wenn er das nicht getan hätte, wäre alles im Müllcontainer verschwunden.

Die Ausstellung gibt einen ungefähren Eindruck, wie das Leben als Strafgefangener und die Arbeit als Bediensteter in früheren Jahren verlaufen sein mag. Alltagsgegenstände und Zeitdokumente — auch aus dem Dritten Reich und der DDR — verraten viel über die damaligen Zustände in den Gefängnissen. Zimmermann hat Uniformen der Bediensteten und Kleidung für Häftlinge ausgestellt, zeigt medizinische Geräte, Zellenschlüssel, Waffen und verschließbare Rasiermesser, die nur der JVA-Bedienstete öffnen konnte, zahlreiche Schreibmaschinen, Telefone, eine nachgebaute Schneiderwerkstatt mit alten Nähmaschinen, die älteste von 1880.

Terroristenstuhl

für Zwangsernährung

In dem Raum für Gesundheit und Sanitär steht auch ein sogenannter Terroristenstuhl: der einzige, der je in Hamburg eingesetzt wurde, um RAF-Terroristen gegen ihren Willen zwangszuernähren und zu wiegen (1974). Neben Handschellen liegen Fußketten, finden sich Zwangsjacken, selbstgebaute Haschischpfeifen und jede Menge unterschiedlicher Waffen, mit denen sich Häftlinge im Knast versorgt haben.

Mehrere Regale sind vollgestellt mit Gefängnisliteratur, Gesetzen und Verordnungen.

Die Ausstellung verrät auch, wie erfinderisch und kreativ Gefangene sein können. Da gibt es zur Fluchtvorbereitung gefertigte Füße, die geschickt in eine Decke gewickelt werden, und aneinandergeknüpfte Bettlaken; die Häftlinge haben Klopapierrollen und Cola-Dosen zu Verstecken umfunktioniert, um Drogen oder Waffen zu verbergen. Zimmermann erzählt von Insassen, die scharfe Gegenstände wie Nägel, Gabeln und Scheren verschluckt haben, um verlegt zu werden. Und er berichtet von jenem Häftling, der ihn eines morgens mit einem Messer attackierte: „Ich öffnete die Tür, da stach er zu.“ Der Angriff war ein Versehen, und der Häftling entschuldigte sich bei Zimmermann, der unverletzt geblieben war: „Sie waren nicht gemeint.“

Viele Ausstellungstücke hat Zimmermann auch von Gefangenen, Freunden und Kollegen anderer Anstalten bekommen. Anstaltsleiter aus der ehemaligen DDR und Stasi-Mitarbeiter versorgten ihn mit Exponaten und Schriftstücken. Zum Beispiel mit dem Originalbefehl zum Mauerbau von Walter Ulbricht, dem früheren Staatsratsvorsitzenden der DDR. Der Befehl wurde am 13. August 1961, nachts um 1 Uhr, ausgestellt und unterschrieben. Noch zwei Monate vorher, Mitte Juni, hatte Ulbricht einer Journalistin versichert: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“ Längst ist das Knastmuseum in dem ehemaligen Beamtenhaus über Europa hinaus bekannt. Japaner und Chinesen haben sich die Sammlung schon angesehen. Und in Dänemark erkannte ihn ein Passant, weil er Zimmermann zuvor im Fernsehen gesehen hatte. Er ist zwar seit acht Jahren pensioniert, doch immer noch verbunden mit seinem Beruf. So unterrichtet er an der Justizvollzugsschule in Hamburg angehende Vollzugsbedienstete. Privat hat sich der Feingeist den schönen Künsten verschrieben. Noch während seiner Tätigkeit als Vollzugsbeamter hat er Philosophie studiert („Ich war ja intellektuell nicht ausgelastet.“), er singt Gospels und Spirituals — als Solist und im Chor.

Glasmoor — Offener Vollzug für Männer und Frauen
Er ist alles in einem: Sammler, Mitarbeiter, Putzmann und Direktor. Peter Michael Zimmermann betreut sein Knastmuseum allein, er sortiert, katalogisiert, baut auf und um. „Und Staub putze ich auch“, ergänzt er. Das ehemalige Beamtenhaus, in dem das Museum untergebracht ist, gehört zur JVA Glasmoor, eine Anstalt des offenen Vollzuges mit 209 Haftplätzen. Davon sind 190 Plätze für Männer und 19 für Frauen vorgesehen. Mütter dürfen gegebenenfalls auch unter dreijährige Kinder mitbringen, wenn das Gericht es verfügt. Die Insassen arbeiten beispielsweise in der Küche, im Gartenbau oder an anderen Stellen.

Während noch im Juni 2009 von einer Schließung der JVA Glasmoor gesprochen wurde, kündigte die neue Justizsenatorin im August 2012 eine Erweiterung an, damit die Häftlinge nicht mehr in Gemeinschaftssälen mit acht Betten untergebracht werden müssen, sondern in Zweibett-Zimmern leben können.

Eine Besichtigung des Knastmuseums kann mit Peter Michael Zimmermann individuell vereinbart werden, Telefon 041 01/29 6 78.

Ursula Kronlage

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