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Kosmische Zahnbürsten und die Energie der Blitze

Norderstedt Kosmische Zahnbürsten und die Energie der Blitze

Das Radioteleskop in Norderstedt liefert dem europäischen Forscherverbund erste Ergebnisse eines Lauschangriffs im All — Ab 2016 werden Resultate öffentlich vorgestellt.

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Die Anlagen rund um das Radioteleskop in Norderstedt: So klar wie inzwischen die Ergebnisse hereinkommen, hatte man es noch nie erlebt.

Norderstedt. Seit genau einem Jahr sind die 192 Radioantennen auf einem ehemaligen Maisfeld in Norderstedt Teil des weltgrößten Radio-Teleskops, das sich mit 100000 Einzelantennen über sechs europäische Länder von Schweden über Deutschland bis Frankreich sowie von England über die Niederlande bis Polen erstreckt. Mit diesen inzwischen 49 zusammengeschalteten Antennenanlagen, die mit einem Großrechner im niederländischen Groningen verbunden sind, wollen die Astronomen die Geheimnisse unseres Universums enträtseln.

„Wir beobachten die Planeten, den Mond und die Sonne, untersuchen kosmische Strahlen sowie Blitze und Gewitter und versuchen das Licht der ersten Sterne unseres Weltalls aufzuspüren“, erklärt Marcus Brüggen. Der Professor für Extragalaktische Astrophysik und Kosmologie an der Universität Hamburg leitet das Projekt der sechs Stationen in Deutschland, darunter auch der neuesten Anlage am Harthagen in Norderstedt.

„Wir haben bereits erste Erkenntnisse gewonnen“, berichtet der Astrophysiker, der im englischen Cambridge studiert hat. Das spektakulärste Ergebnis, das die Antennen bislang im Niedrigfrequenzbereich aufgenommen und als kosmische Signale verarbeitet haben, sind riesige, weit entfernte sogenannte Radiorelikte. Dies sind Gaskörper, die auf den Rechnern der Forscher als bunte Sternenbilder in der Form einer Zahnbürste erscheinen, obwohl sie eine Million Lichtjahre entfernt sind. „So hochauflösende Bilder von diesen lichtarmen Radiorelikten hat es bislang noch nicht gegeben“, sagt Brüggen.

Wie solche Gasformationen am Rande von Galaxienhaufen entstanden sind, die sich zum Teil in Lichtgeschwindigkeit bewegen, wüssten die Forscher noch nicht, sagt Brüggen. Es seien bislang nur wenige Dutzend dieser ungewöhnlichen Weltraumgebilde bekannt. Aber die jetzt vom Norderstedter Feldteleskop mitentdeckten Erscheinungen erstreckten sich zum Teil über eine Distanz von zehn Millionen Lichtjahren hinweg und seien damit 15-mal größer als unsere Milchstraße.

Ein weiteres Phänomen, das mit Hilfe des Antennenverbundes untersucht werden konnte, sei das Gewitter. Bislang sei es nur möglich gewesen, mit Messflugzeugen und unbemannten Wetterballons die elektrische Feldstärke von einigen Millionen Volt je Meter in Gewitterwolken zu messen. Das sich über einige Tausend Quadratkilometer erstreckende internationale Radioteleskop konnte nun erstmals auch rechnerisch diese Messungen der Gewitterblitze bestätigen, erläutert Brüggen.

Das Antennenfeld in Norderstedt, das mit Hilfe des stadteigenen Norderstedter Telekommunikationsunternehmens wilhelm.tel über Glasfaserkabel eine Datenmenge von zehn Gigabit pro Sekunde an die Rechner in Bergedorf überträgt, laufe einwandfrei, sagt Brüggen. „Das einzige, was uns Probleme bereitet, ist ein digitaler Radiosender in Hamburg-Rahlstedt.“ Der störe die aus den Tiefen des Weltalls empfangenen Signale zum Teil erheblich.

Riesige Datenmengen von vier Terabyte (4000 Gigabyte oder vier Billionen Byte) seien zuvor nicht in der Kürze der Zeit zu verarbeiten und berechnen gewesen. Die Daten, die alle Radiowellenanlagen zusammengeschaltet dabei einfangen, werden in Echtzeit nach Groningen in den Niederlanden transferiert, wo sie zu hochauflösenden Bildern zusammengesetzt werden. „Die Zusammenarbeit mit der Stadt Norderstedt und Landverpächter Hans-Peter Krohn läuft hervorragend“, lobt Projektleiter Brüggen.

Auch dem Geheimnis des Urlichtes seien die Radioteleskop-Forscher auf der Spur: „Die Kollegen sind nah dran. Im Frühjahr 2016 werden wir das Geheimnis wohl lüften können.“ Dann verspricht sich das 100-köpfige Weltraumforscherteam wissenschaftlichen Aufschluss über die Entstehung der ersten Sterne.

„Außerirdisches Leben haben wir bislang noch nicht entdeckt“, sagt der Astronomie-Professor und schmunzelt. Ob dies überhaupt selbst mit diesem überdimensionalen Radioteleskop möglich wäre, bezweifelt Brüggen. Aber in Kalifornien gebe es ein privat finanziertes Institut, das genau dieser Frage nachgeht.

Spätestens im Sommer 2016 soll auch die Norderstedter Öffentlichkeit über die neuesten Erkenntnisse aus der Weltraumforschung informiert werden, kündigt Brüggen an. „Das wird anschaulich, für jedermann verständlich und spektakulär sein.“

Die Kosten werden geteilt

1,3 Millionen Euro Kosten für die Norderstedter Anlage teilen sich die Bundesländer Hamburg und Nordrhein-Westfalen mit dem Bund.
Europaweit sind es 200 Wissenschaftler, die gemeinsam an diesem weltweit einmaligen 200-Millionen-Euro-Projekt arbeiten und forschen.

Die bald 52 einzelnen Stationen (die letzten drei in Polen werden zurzeit errichtet) funktionieren wie ein riesiges Fernrohr ins Weltall, nur viel besser, klarer und tiefschürfender, erklärt Projektleiter Marcus Brüggen.

Burkhard Fuchs

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