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Kreis startet Experiment: Lokale Mitfahrbörse per App

Bad Segeberg Kreis startet Experiment: Lokale Mitfahrbörse per App

41000 Euro jährlich stellt der Kreis für eine dreijährige Pilotphase zur Verfügung — Europaweite Ausschreibung in Vorbereitung — Start des Projekts im Sommer/Herbst.

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Die Mobilität im ländlichen Raum verbessern soll eine lokale Mitfahrbörse für den Kreis. Ganz einfach per Handy-App. „Technisch ist das heute kein Problem mehr“, sagt Arne Hansen, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag. *

Quelle: Materne

Bad Segeberg. Zehntausende Autos fahren jeden Tag durch den Kreis. Doch die meisten Plätze neben dem Fahrer bleiben bisher leer. Eine lokale Mitfahrbörse für den Kreis — bedient per Handy- App — könnte die Auslastung des vorhandenen Verkehrs steigern. Das wäre nicht nur ökologischer, sondern könnte auch die Lösung für das Mobilitätsproblem in der Fläche sein. Der Kreis Segeberg will dieses Experiment wagen.

Die angedachte Mitfahrbörse funktioniert wie Fernfahrportale, nur im kleineren Maßstab: Der Nutzer trägt einfach seine geplante Fahrt per Start und Ziel mit der App ein. Sucht ein anderer eine ähnliche Strecke zur etwa gleichen Zeit, werden beide benachrichtigt und können identifizierbar in Kontakt treten. Vorbilder gibt es bereits, etwa die App Flinc, die der Schwarzwald-Baar-Kreis in Baden-Württemberg benutzt. Sie vermittelt auch Teilstrecken. Vor allem das ist auch Arne Hansen, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Kreistag, und der Arbeitsgruppe, die das Thema Mobilität im Rahmen des Projekts Segeberg 2030 bearbeitet hat, wichtig Das Problem, das derartige Mitfahrbörsen aber haben, sind die geringen Nutzerzahlen, insbesondere in der Fläche. „Damit es funktioniert, brauchen wir eine kritische Masse von Fahrern, die ihre Fahrten eintragen“, so Hansen. Deshalb müsse so ein Portal massiv beworben werden. Dafür soll auch hauptsächlich das Geld bereitgestellt werden: 41000 Euro jährlich für eine Pilotphase von drei Jahren. Allerdings unter der Voraussetzung, dass Fördermittel fließen. Mindestens 50 Prozent, etwa über die Aktivregionen, doch auch bei anderen Fördertöpfen wird sich der Kreis mit dem Projekt bewerben. Deshalb muss aber europaweit ausgeschrieben werden. Die Vorbereitungen laufen derzeit, so Hansen. Die Suche nach einem passenden Portal soll aber noch im ersten Quartal des Jahres geschehen.

Im Sommer, spätestens aber im Herbst soll es dann losgehen mit der Mitfahrbörse und deren Bewerbung. Plakate, Radiospots, Info-Veranstaltungen, insbesondere für ältere Menschen, die den Umgang mit dem Smartphone nicht gewöhnt sind. Für sie soll es außerdem eine Mitnahmevermittlung geben, die es erlaubt, telefonisch Fahrten anzubieten und zu suchen. Sichtbare Mitnahmepunkte ähnlich von Bushaltestellen sollen außerdem eingerichtet werden. Apropos: Auch der vorhandene ÖPNV wird in die App eingepflegt.

Die Idee einer Mitfahrbörse für den Kreis kam bei der Politik gut an. Lediglich die CDU stimmte bei zwei Enthaltungen gegen das Projekt. Deren Kreisvertreter sind der Meinung, das so eine Börse auch ohne Werbung funktioniert. „Die Erfahrung zeigt aber, dass es eine kritische Masse braucht“, so Hansen. 15000 Nutzer sollen am Ende der dreijährigen Pilotphase gewonnen werden. „Ob es funktioniert, hängt davon ab, ob es gelingt, rüberzubringen, dass das eine Riesenchance ist“, so Hansen. Fest stehe aber, dass eine Ausweitung des klassischen ÖPNV in die Fläche illusorisch sei und nicht bezahlbar. Mobilität jedoch sei der Knackpunkt für die Zukunftsfähigkeit des ländlichen Raumes. „In dem Moment, in dem ich nicht mehr von A nach B komme, kommen viele Standorte nicht mehr in Frage.“

„Den ÖPNV auf dem Land auszuweiten ist illusorisch, wir müssen den vorhandenen Verkehr nutzen.“
Arne Hansen, Grünen-Fraktion Kreistag
„Von dem System können alle profitieren“
War das im Dezember der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen zwei kleinen, lange zerstrittenen Fraktionen im Kreistag? Das von den Grünen vorgeschlagene Mitnahme- Netzwerk wurde im Kreistag geradezu enthusiastisch von der FDP begrüßt. Katharina Loedige ironisch: „Wenn die Grünen sich für den Autoverkehr stark machen, dann muss man einfach dafür sein.“ Aber im Ernst: Nach ihrer Kenntnis wollten heutzutage viele junge Leute gar keinen Führerschein mehr machen, suchten nach anderen Formen der Mobilität. Schon jetzt haben es viele, in 15 Jahren würden alle ein Smartphone haben und könnten damit umgehen. Für „relativ kleines Geld“ könne hier vom Kreis etwas angeschoben werden und innerhalb von drei Jahren könne man sehen, ob das Mitnahmesystem auch funktioniere. Auch das Bürgerbussystem habe eine Anschubfinanzierung benötigt. Die FDP möchte verhindern, dass der ländliche Raum aussterbe und gar „zu einem Museum wird“.
Für Arne Hansen (Grüne) ist das der wichtigste Ansatzpunkt das Mitnahme-System zu fördern: Wie organisiert man Mobilität so, dass vor allem ältere Menschen im ländlichen Raum beweglich bleiben? Der solle schließlich weiter bewohnbar bleiben. Der öffentliche Nahverkehr sei auf dem Lande überwiegend an den Schulzeiten orientiert, so dass abends und an den Wochenenden keine Busse fahren. Auch in den Ferien gebe es kaum öffentlichen Busverkehr. Dort trotzdem Busse fahren zu lassen wäre viel zu teuer. Da sei es sinnvoller, den ohnehin vorhandenen PKW-Verkehr für ein Mitnahmesystem zu nutzen.
„Es muss gelingen, Autofahrer dazu zu bringen, ihre Fahrten zur Verfügung zu stellen.“ Ohne Werbung werde das nichts, sagte Hansen. Wichtig sei, dass Datensicherung gewährt werde. Und um die Kosten für den Kreis so niedrig wie möglich zu halten, solle eine Vielzahl von Fördermöglichkeiten gesucht werden. Es gehe um 41 000 Euro pro Jahr, also 123 000 Euro in drei Jahren. Das sei wichtig für den Klimaschutz. Es gelte Autofahrten, die es sowieso gebe, effektiver zu nutzen. Hansen: „Da können alle von profitieren nicht nur der ländliche Raum, sondern auch Norderstedt und Kaltenkirchen.“
Einzig die CDU sprach sich im Kreistag dagegen aus: Sven-Hilmer Brauer forderte, dass sich Mitnahmeportale am Markt selbst durchsetzen müssten. Seine Fraktion sei dagegen, öffentliche Gelder für privatwirtschaftlich betriebene Internetsysteme auszugeben. wgl

Nadine Materne

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