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Segeberg Kreistagspolitiker blicken ins Schwarze
Lokales Segeberg Kreistagspolitiker blicken ins Schwarze
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00:00 20.10.2012
Segeberg

Er hatte nur eine einfache Frage gestellt und sorgte damit gleich für Aufregung und Unmut bei der Verwaltung: Jürgen Kaldewey (Grüne) hatte zu Beginn der Ausschusssitzung am Donnerstag nach einer möglichen Befangenheit des von der Verwaltung vorgeschlagenen Gutachters Professor Reinhart Wolff gefragt. Schließlich hatte der stellvertretende Jugendamtsleiter Manfred Stankat selbst kürzlich mitgeteilt, an der Berliner Hochschule des Professors studiert zu haben. Nein, sie hätten sich vorher nicht gekannt, erklärte der 73-jährige Soziologe. Und trotzdem schien die von ihm vergebene Note „Knapp befriedigend“ für das Verhalten des Jugendamtes im Umgang mit dem Kellerkind-Fall den Beobachtern sehr wohlwollend zu sein. Wie berichtet hatten Eltern, die seit Jahren unter Aufsicht der Behörde standen, ihren dreijährigen Sohn in einem kotverschmierten Keller eingesperrt. Durch Zufall konnte er befreit werden. Bei vielen bleiben Zweifel, ob nicht doch Fehler passierten. Das Gutachten, das Aufschluss geben könnte, ist in seinen wesentlichen Teilen aus „Datenschutzgründen“ geschwärzt. Ganze Seiten fehlen – offiziell, um die betroffene Familie zu schützen. Für die Zuhörer wird aus der „Vorlesung“ des Professors deutlich, dass man die Kinder aus der seit sechs Jahren betreuten „Chaosfamilie“ am Bussardweg hätte viel früher herausnehmen müssen. Dauerndes Schulschwänzen der älteren Tochter; die vom Vater versprochenen Krippenbesuche des dreijährigen Kindes wurden schnell abgebrochen; Termine mit dem Jugendamt wurden permanent nicht eingehalten; Kontakte der Betreuer zu den jüngsten Kindern verweigert, eines sei zeitweise über Wochen von den Betreuern bei ihren Besuchen nicht gesehen worden. Ein Betreuer sei aus der Wohnung geschmissen worden. Grenzen wurden im Umgang überschritten. Es muss ein Horror für die Sozialarbeiter gewesen sein, diese Familie zu besuchen.Wolff warb um Verständnis für die extrem anstrengende und seelisch belastende Arbeit der Sozialarbeiter in der Jugendhilfe. Daran zweifele auch niemand, trotzdem müsse aufgeklärt werden, hieß es aus dem Ausschuss. Der Kreis Segeberg und sein Jugendamt fühlten sich „durch die sachliche Aufarbeitung von den vehementen Vorverurteilungen der letzten Tage entlastet und bestätigt“, teilte die Landrätin Jutta Hartwieg gestern mit. Nicht eingegangen wurde von Wolff auf die Frage, wie es möglich sein kann, dass trotz der mehr als 260 Stunden dauernden Besuchszeit im Jahr, die die Betreuer bei der Familie verbracht hatten, sie nicht erkannten, dass es einen Kellerraum gab, der auch von der Familie genutzt wurde. Gegenüber den LN gab die Vermieterin des Hauses am Bussardweg an, dass sie nach Bekanntwerden des Falls weder vom Gutachter noch von der Jugendamtsleitung befragt worden sei. Die Räumlichkeiten mit Kellerraum, in dem der Dreijährige entdeckt worden war, seien nicht besichtigt worden. Professor Wolff hatte auf die fünfbändigen Unterlagen zurückgegriffen und „Rückblickgespräche“ mit den acht „Fallbeteiligten“ Fachkräften aus dem Jugendamt und des privaten Trägers geführt. Schon 2011 wurde deutlich, dass „dauerhaft latente Kindeswohlgefährdung“ in der Familie vorlag. Gleichzeitig kritisierte Wolff die erhebliche Arbeitsbelastung im sozialpädagogischen Dienst des Jugendamtes und bei den freien Trägern. Es sei immer wieder zu personellen Engpässen mit der Folge von Vertretungen gekommen, „wodurch es schwer wird, die Kontinuität in der Fallbearbeitung aufrecht zu halten“. Der Soziologe spricht von „professioneller Ohnmacht“.Erschwert habe deren Arbeit auch der Beschluss des Oberlandesgerichtes Schleswig. Das hatte den Beschluss des Bad Segeberger Familiengerichtes zum Entzug des Sorgerechts teilweise wieder eingeschränkt und so die ambulanten Fachkräfte gezwungen, „wieder neu anfangen zu müssen, obwohl sie schon vorher an dem Widerstand der Familie gescheitert waren“. Die Richterin am Oberlandesgericht, Christine von Milczewski, wundert sich bei LN-Nachfrage über diese Aussagen. Für den Fall einer Kindeswohlgefährdung seien dem Jugendamt „die Teile des Sorgerechts (Aufenthaltsbestimmungsrecht, das Recht auf Gesundheitssorge und das Recht Hilfen zur Erziehung) übertragen worden, die sie brauchen, um die Kinder sofort herauszunehmen.“ Das Jugendamt habe nach dem Beschluss das Recht gehabt, die Kinder, bis auf das erst nach 2010 geborene Kind, sofort in staatliche Obhut zu nehmen – aber genau das passierte nicht.

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