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Segeberg Kündigung: Bewohner müssen Pflegestation verlassen
Lokales Segeberg Kündigung: Bewohner müssen Pflegestation verlassen
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09:42 31.03.2016
Seniorenresidenz Fürstenhof in Henstedt-Ulzburg: Auf der Pflegestation war Platz für 48 Menschen. Die Bewohner erhielten die Kündigung.
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Henstedt-Ulzburg/Reinfeld

„Uns treibt die Vision an, sowohl für unsere Klienten und für die Mitarbeiter ein starker, verlässlicher Partner zu sein. (. . .) Im Mittelpunkt unseres Handelns steht dabei der hilfsbedürftige Mensch.“ Mit diesen Worten wirbt die „Therapie Pflege Reinfeld GmbH“, kurz TPR, auf ihrer Homepage.

Angehörige sind sauer: Firma zog sich kurzfristig mit ihrem Pflegebetrieb aus Henstedt-Ulzburger Seniorenresidenz zurück — 40 Bewohner mussten neue Plätze suchen.

Sechs Schließungen in 2014

87 Pflegeeinrichtungen gibt es im Kreis Segeberg, mit zusammen 5022 Plätzen. Sechs davon sind Tagespflegeeinrichtungen, 24 Eingliederungseinrichtungen (für behinderte Menschen) mit 919 Plätzen, 57 Pflegeeinrichtungen mit 4031 Plätzen (die vom Fürstenhof schon abgezogen).

6 Pflegeeinrichtungen mussten im Jahr 2014 schließen, 2015 war es eine. Einer der Hauptgründe ist Unwirtschaftlichkeit.

Doch was Axel Krause erlebt hat, hört sich ganz anders an: „Es ist schlicht eine Schweinerei, was sie mit uns und unseren Angehörigen gemacht haben.“Der 50-Jährige ist wütend. Fünf Jahre lang lebte sein schwerkranker Bruder auf der Pflegestation im Gebäude der Seniorenresidenz Fürstenhof in Henstedt-Ulzburg. Betrieben wird die Station mit ihren 47 Plätzen von der TPR, die sich dafür auf zwei Etagen eingemietet hat. Doch dann kam von heute auf morgen die Kündigung — für seinen Bruder und für alle weiteren Bewohner (aktuell waren 39 Plätze belegt), sagt Krause.

In einer Angehörigenversammlung Ende Februar sei von der TPR-Geschäftsführung kurz und knapp mitgeteilt worden, dass zum 31. März Schluss sei und dichtgemacht werde. „Frech, unverschämt und überheblich, richtig arrogant wurde da mit uns umgegangen. Über den Mund ist man uns gefahren, und einen richtige Kündigungsgrund hat man uns auch nicht genannt“, erzählt der Henstedt-Ulzburger noch immer aufgewühlt. Die TPR habe gesagt, es gebe ein Defizit in sechsstelliger Höhe, und die Betriebskosten im Fürstenhof, etwa für das Schwimmbad, seien viel zu hoch. Wilfried Bromstrüp, Geschäftsführer der Fürstenhof Betriebs GmbH, widerspricht vehement: „Das ist Humbug! Das soll nur herhalten für diese unmenschliche Aktion.“ Er lässt an der „rudimentär bis gar nicht vorhandenen Kommunikation“ der TPR kein gutes Haar, die sei zudem monatelang mit Zahlungen im Rückstand gewesen.

Das Aus kam für alle wie aus heiterem Himmel. „Schlimm ist das, wenn sie eine alte Frau weinen sehen, die nicht weiß, was aus ihr wird“, kritisiert Axel Krause. Andere pflichten ihm bei. Die Zeit sei viel zu kurz, um einen idealen Heimplatz zu finden, der Informationsfluss schlecht.

„Die Kündigungsfrist hätte etwa zwei Monate betragen müssen“, bestätigt Christine Schröder von der Heimaufsicht des Kreises Segeberg. „Vom Grundsatz handelt es sich um eine zivilrechtliche Sache, da haben wir als Aufsicht nicht viele Möglichkeiten. Aber wir haben den Betreiber darauf hingewiesen, dass das nicht korrekt ist.“ Die Heimaufsicht habe in den vergangenen Wochen das Vorgehen eng begleitet, so Schröder weiter, und bestätigt, dass die TPR immerhin mit einer Liste über freie Plätze andernorts ihrer gesetzlichen Pflicht nachgekommen sei. Die TPR gehört zu einem Konstrukt aus drei Gesellschaften, hinter denen ein privater Investor und Besitzer mehrerer Fürstenhof-Wohnungen steht. Florian Graßl, Vorgänger von Bromstrüp im Fürstenhof und mittlerweile Geschäftsführer der TPR, war gegenüber den LN zu keiner Stellungnahme bereit.

Diese Woche sind die letzten beiden Bewohner aus der Pflegestation ausgezogen, und auch die meisten der über 30 Mitarbeiter haben einen neuen Job in der Nähe gefunden: „Da war der Pflegenotstand mal für etwas gut“, sagt eine ehemalige Pflegekraft, die nicht genannt werden möchte. „Ich hätte in Reinfeld arbeiten sollen, aber ohne Auto ist man Stunden unterwegs, das geht bei mir und vielen anderen gar nicht.“ Auch Axel Krause hat etwas Neues für seinen Bruder gefunden: „Gott sei Dank. Tagelang bin ich ‘rumgerannt. Er muss sich noch einleben, aber es ist okay.“

Wilfried Bromstrüp vom Fürstenhof und ein Team aus Wohnungs-Eigentümern erarbeitet derweil ein neues Konzept für die nun freigewordenen Plätze. Dabei wird einerseits auf ambulante Pflegedienste gesetzt. „Aber wir haben schon seit Längerem auch die Idee einer Senioren-WG.“

Von Heike Hiltrop

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