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Segeberg Landrat unterstützte Nazimaschinerie
Lokales Segeberg Landrat unterstützte Nazimaschinerie
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22:24 08.11.2013
Die Historiker Sebastian Lehmann (l.) und Uwe Danker empfehlen zumindest die Kommentierung des Portraits von Mohls (r. unten). Quelle: nam
Bad Segeberg

Waldemar von Mohl, Landrat während der NS-Zeit, „war kein Nationalsozialist“. Zu diesem Schluss kommen die Historiker Dr. Sebastian Lehmann und Prof. Dr. Uwe Danker in ihrem Gutachten über von Mohl. Dessen Bild in der Ahnengalerie des Kreishauses jedoch solle nicht wie bisher unkommentiert dort hängen, raten die Experten vom Institut schleswig-holsteinischer Zeit- und Regionalgeschichte der Universität Flensburg. Auch wenn von Mohl kein „Scharfmacher“ gewesen sei, so sei er unstrittig Mitwisser gewesen und habe wie viele andere das System Nationalsozialismus erst möglich gemacht.

Genau 27 Seiten umfasst das Gutachten, das der Kreistag in Auftrag gegeben hatte, nachdem erneut Zweifel an der Rolle von Mohls aufgekommen waren. Besonders die Fraktion Die Linke hatte auf Klärung gedrungen und sich dabei auf eine Abhandlung des Laienhistorikers Gerhard Hoch berufen. Dieser hatte von Mohl bei der Umsetzung nationalsozialistischer Judenpolitik „besonderen Eifer“ unterstellt.

Obwohl Lehmann und Danker die Verdienste Hochs um die „aufklärerische Beschäftigung mit der NS-Zeit in Schleswig-Holstein“ würdigten und ihm in Flensburg die Ehrendoktorwürde verliehen wurde, stellten sie am Donnerstag im Kreistag fest, dass Hochs Arbeit im Falle von Mohls wissenschaftliche Standards nicht erfülle. Hoch schreibe „vor dem Hintergrund einer schlechten Quellensituation“

hochspekulativ und wählte von mehreren Deutungsmöglichkeiten diejenige, „die von Mohl in die Nähe nationalsozialistischer Überzeugungen rückt“. Dass von Mohl so lange im Amt blieb, schreiben die Historiker seiner Anpassungsfähigkeit und politischem Geschick zu.

Im Zuge der Verwaltungsreform kam er 1932 nach Segeberg. In die NSDAP trat von Mohl erst nach der Lockerung der Mitgliedersperre zum 1. Mai 1937 ein — im Gegensatz zum Großteil seiner Landratskollegen. Lehmann und Danker werten die Parteimitgliedschaft als „Minimalanpassung“, welche die „funktionale Loyalität zur regionalen NS-Führung erzeugte“.

Im konkreten Handeln können die Historiker von Mohl kaum Initiative nachweisen. Die Quellen seien spärlich. Keine Nachweise gebe es dafür, dass der Landrat Schutzhaft für politische Gegner angeordnet hätte. Belegt sei aber die Vereidigung von SA-Männern als Hilfspolizisten durch von Mohl nach einem Erlass von Göring. Die Häftlinge wurden oft auf Initiative von SA, SS oder NSDAP in Konzentrationslager gebracht. Auch in Kuhlen gab es ein solches Lager. Das entsprechende Schreiben an von Mohls Landratskollegen über die Einrichtung wurde jedoch von Werner Stiehr, dem Kreisleiter der NSDAP, unterschrieben. „Tatsächlich war von Mohl fünf Wochen im Urlaub“, sagte Lehmann. Ob der Urlaub Kalkül war oder nicht, bleibe Spekulation. Eine Intervention von Mohls gab es aber nicht.

Genauso wenig bei hunderten von Zwangssterilisationen — auch im Kreiskrankenhaus, dessen Dienstherr von Mohl war. Daraus lasse sich „mehr als nur moralische Verantwortung“ ableiten. Bei der Judenverfolgung aber seien von Mohl „keine initiativen Handlungen nachweisbar“. Aktenkundig aber ist, dass der Landrat bei der Zwangsenteignung von Juden involviert war. In mindestens zwei Fällen sei der Kreis Segeberg als Käufer von Grundstücken aufgetreten.

Nach der Kapitulation im Mai 1945 wurde von Mohl als Landrat automatisch verhaftet und im August wieder entlassen. Sein Entnazifizierungsverfahren endete 1948 mit der Einordnung als „Unbelasteter“. Von Mohl war kein Scharfmacher, so Danker. Aber durch Menschen wie ihn habe das System erst funktioniert. Auch deshalb empfahlen die Historiker, den Status Quo nicht beizubehalten:

Eine Kommentierung des Portraits in der Galerie sei eine Minimallösung. Denkbar sei die Umgestaltung der Galerie in eine Landratsdokumentation mit einer Biografie im historischen Kontext für alle Landräte.

„Durch Menschen wie von Mohl hat das NS-System überhaupt erst funktioniert.“
Prof. Dr. Uwe Danker

vor dem Segeberger Kreistag

Nadine Materne

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