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Segeberg „Man hätte es besser machen können“
Lokales Segeberg „Man hätte es besser machen können“
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15:16 19.10.2012
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Segeberg

Landrätin Jutta Hartwieg atmete nach dem Gutachterspruch und langen stressigen Wochen um den Fall des Bad Segeberger „Kellerkindes“ tief durch: „Wir haben doch ein gutes Jugendamt.“ Die Segeberger Behörden haben nicht verhindern können, dass der dreijährige Junge in dem Keller des Haus am Bussardweg eingesperrt worden war, betonte der vom Kreis beauftragte Gutachter Professor Reinhart Wolff gestern Abend im überfüllten Kreistagssitzungssaal vor den Segeberger Kreispolitikern. Trotzdem gab es von ihm jede Menge Kritik: Es habe „professionelle Schwächen“ und „methodische Fehler“ bei dem Fall gegeben aber kein persönliches fachliches Fehlverhalten von Mitarbeitern, weder vom Jugendamt noch von dem privaten Träger, den Wiegmann-Hilfen. „Man hätte es insgesamt aber besser machen können“, erklärte der Gutachter.Er forderte die Verantwortlichen im Jugendamt dringend auf, von diesem hochkomplexen Fall zu lernen und entsprechende Weiterbildung der Mitarbeiter vorzunehmen. Er empfahl dem Kreis Segeberg weitere fünf Mitarbeiter im Jugendamt einzustellen, um die Arbeit zu bewältigen.Über Stunden hielt der Gutachter einen umfassenden und sehr detaillierten Vortrag über die komplizierte Familie am Bussardweg, die sich über Jahre den angebotenen Hilfen der Sozialarbeiter mal öffnete oder auch komplett verweigerte.Wie mehrfach berichtet, waren der Familie im Jahre 2010 nur zwei der damals fünf Kinder in der Familie gelassen worden, um den Eltern noch eine Chance zu geben, erziehungsfähig zu werden. Doch das hatte offensichtlich nicht geklappt.Wolff nannte ein Beispiel für das Verhalten der Eltern : Als ein Sozialpädagoge einmal ohne das Wissen des Vaters ein Zimmer kontrollierte, ob dort eines der kleinen Kinder schlafe, gab es einen Riesenkrach. Der Vater hatte ihm verboten, das Zimmer zu betreten, der bekam das mit und schmiss den Sozialarbeiter aus dem Haus. Dieses Schwanken der Familie zwischen Öffnung und Sperre habe mit seiner negativen Dynamik die Arbeit aller Helfer mit der Familie mächtig erschwert. Die wurden von den Eltern regelrecht „gegeneinander ausgespielt“.Während das Familiengericht den Eltern das komplette Sorgerecht nehmen wollte, habe das Oberlandesgericht in Schleswig den Eltern wieder eine Chance gegeben. „Mir ist unverständlich“, erläuterte der Gutachter, „warum das Oberlandesgericht den Spruch des Familiengerichtes nicht einfach übernommen hatte. Er fand es auch merkwürdig, dass das Oberlandesgericht dem Jugendamt mit seiner Presseerklärung den „Schwarzen Peter“ überließ. Wolff: „Das OLG ist ein Teil des ganzen Problems.“Trotz der enormen Belastung durch die Ambivalenz in der Familie haben die Sozialarbeiter weiterhin die Familien besucht und seien „nicht weggerannt“, so Wolff. Zudem sei der Fall „gut dokumentiert“ und in fünf dicken Bänden aufgeschrieben worden. Der Kinderschutzexperte plädierte dafür, dass die Mitarbeiter des Jugendamtes im Umgang mit derartigen Familien geschult werden. „Wie man diesem Widerstand begegnet – das muss gelernt werden.“ Wolff glaube übrigens nicht daran, dass die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen die Eltern, denen man jetzt alle sechs Kinder weggenommen hat, zu einem Erfolg führen werden. Und zwar weil nicht nachzuweisen sein werde, wie lange der dreijährige Junge, der übrigens Entwicklungsstörungen davontrug, in dem Keller ausharren musste. Der Vorsitzende des Hauptausschusses, Henning Wulf, spürte nach dem Vortrag „eine Erleichterung“ für Abgeordnete und Mitarbeiter. Irene Johns, Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes, hofft, dass die Empfehlungen des Professors umgesetzt werden. „Hier hat ein Kind ein ganz schreckliches Leid erfahren. Wir müssen weiterhin daran arbeiten, Kinder zu schützen.“ Irene Johns sei deutlich geworden, dass auch das Land bei der Qualitätsverbesserung der Jugendämter helfen müsse.

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