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Segeberg Messerstecher muss ins Gefängnis
Lokales Segeberg Messerstecher muss ins Gefängnis
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11:56 09.03.2019
Warten auf die Urteilsverkündung: der Angeklagte (33) zwischen seiner Dolmetscherin und seinem Strafverteidiger Markus Chilkott. Quelle: Thomas Geyer
Boostedt/Kiel

Im Prozess um die Messerstiche bei einer WM-Fußballübertragung in der Flüchtlingsunterkunft Boostedt hat das Kieler Landgericht einen 33-jährigen Bewohner aus dem Iran wegen gefährlicher Körperverletzung zu drei Jahren und vier Monaten Freiheitsstrafe verurteilt.

Die 35. Große Strafkammer sah es zwar als erwiesen an, dass der wegen versuchten Totschlags Angeklagte dem afghanischen Opfer (20) in Tötungsabsicht vier wuchtige Messerstiche in den Rücken versetzte. Weil der Angeklagte während einer Massenschlägerei zustach, konnte das Gericht aber wegen der Unübersichtlichkeit der Situation nicht ausschließen, dass er freiwillig von der Vollendung der Tötungshandlung zurücktrat.

„Er hätte weiter zustechen können“, stellte der Vorsitzende Carsten Tepp in der Urteilsbegründung fest. Im Zweifel sei dem Angeklagten ein strafbefreiender Rücktritt vom Versuch zuzubilligen. Dafür spreche, dass der bereits lebensgefährlich verletzte Afghane noch „unverdrossen weiterkämpfte“: Die vier Stiche in den Rücken habe der 20-Jährige im Eifer des Gefechts nur als Schläge wahrgenommen. Erst später brach er infolge eines Pneumothorax zusammen und wurde notärztlich versorgt.

Angeklagter hat alle Vorwürfe zurückgewiesen

Somit blieb es für die Kammer bei gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen: Nach den Stichen in den Rücken des jungen Afghanen hatte der Angeklagte auch noch einen Zeugen am Kinn verletzt, der schlichtend eingreifen wollte. Alle Vorwürfe hatte der Iraner in der zehntägigen Verhandlung zurückgewiesen. Die Tatwaffe will er im Getümmel „gefunden“ und eingesteckt haben. Strafverteidiger Markus Chilcott (Schleswig) hatte Freispruch gefordert und kündigte bereits Revision an.

Der Anwalt bemängelte, dass ausschließlich afghanische Landsleute des Opfers seinen Mandanten belasteten. Doch die Richter glaubten nicht an ein Komplott. Für eine Absprache seien die Zeugenaussagen zu uneinheitlich und widersprüchlich gewesen. Einen minder schweren Fall verneinte die Kammer und sah auch keine eingeschränkte Schuldfähigkeit: Der offenbar trinkgewohnte Iraner habe zwar zwei Promille Alkohol im Blut gehabt, jedoch keine Ausfallerscheinungen gezeigt.

Beim Spiel Iran-Spanien begann die Schlägerei

Hintergrund der Massenschlägerei in der ehemaligen Kaserne war das WM-Spiel Iran-Spanien, zu dem sich mehr als 100 Bewohner in einem Fernsehraum drängten. Dort kam es wegen Sichtbehinderungen zu ersten Rangeleien. Das afghanische Opfer, das wie seine Landsleute den Iran verlieren sehen wollte, zertrümmerte das TV-Gerät und zettelte dann laut Zeugenaussagen maßgeblich die Schlägerei mit den gegnerischen Fans an.

Thomas Geyer

Klicken Sie hier, um Eindrücke aus der Flüchtlingsunterkunft in Boostedt zu sehen.
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