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Mit Knütter wurde die SPD hoffähig

Bad Segeberg Mit Knütter wurde die SPD hoffähig

. Die SPD feiert 125-jährigen Geburtstag. 1892 gründeten nach Aufhebung der Sozialistengesetze Arbeiter in Segeberg einen Ortsverein der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Es blieb ein Wagnis, ein Spießrutenlauf – bis Übervater Klaus Knütter die SPD hoffähig machte.

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Jens Lichte Anfang der 90er Jahre am SPD-Stand: Erst mit Bürgermeister Nehter kam die Wende.

Bad Segeberg. Wenn die „Sozis“ Flugblätter verteilten, wurden sie, so die Chronik, mit Hunden vom Hof gejagt. Und noch in den 80er Jahren sollen einige eingefleischte Christdemokraten die Straßenseite gewechselt haben, wenn ihnen ein „Sozi“ entgegenkam, berichtet Jens Lichte, der seit 1990 in der Stadtvertretung sitzt und schon in den Achtzigern im Vorstand den Ortsverein führte. Er erlebte, wie die SPD im stockkonservativen Bad Segeberg salonfähig wurde. Heute arbeitet die SPD mit der CDU in vielen Fragen zusammen. Die Bad Segeberger „GroKo“ ist längst ein geflügeltes Wort.

 

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Klaus Knütter bei einer Debatte in der Bad Segeberger Stadtvertretung. Damals mussten die Sozialdemokraten politisch kämpfen.

Quelle: Fotos: Glombik
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SPD-Stadtvertreter Jens Lichte erinnert sich noch gut an die bewegten Zeiten in den 80er Jahren.

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Politik-Streit wurde oft persönlich: Diskutierende SPD-Politiker Erwin Bojens (r.), Joachim Wilken-Kebeck.

Heute wird zwar auch im Bürgersaal heftig gestritten, aber nicht mehr persönlich feindselig, wie es damals an der Tagesordnung war. Nach dem Krieg dominierte die CDU über Jahrzehnte die Stadtpolitik nach Belieben. Sozi zu sein, das ging hier nur mit hoher Frustrationstoleranz. Georg Oehlrich war 1986 erstmals in der Stadtvertretung. „Das war damals ein einziges Stechen.“ Sämtliche Anträge der SPD seien schon aus Prinzip abgelehnt worden, erzählt er. Ein Wendepunkt in der bewegten Geschichte der Bad Segeberger Sozialdemokratie war aber vor allem die Abwahl des damaligen CDU-Bürgermeisters Uwe Menke, der die Stadt, so die SPD, nach Belieben regierte.

Lichte war Zeitzeuge, als am 4. Dezember 1984 mit dem parteilosen Jörg Nehter erstmals überraschend ein Kandidat der Sozialdemokraten in das Bürgermeisteramt gewählt wurde. Die beiden SPD-Drahtzieher Klaus Knütter und Werner Mauck hatten das mit vier Abweichlern aus der CDU eingefädelt. Ziel war es, Bürgermeister Uwe Menke loszuwerden, dem man selbstherrliches Verhalten vorwarf. „Die hatten so dicht gehalten, dass kaum Fraktionsmitglieder Bescheid wussten“, erzählt Lichte von der Geheim-Aktion. Klaus Knütter habe mit dem damaligen Oberbürgermeister von Kiel, Karl Heinz Luckhardt, die Strippen gezogen, um dessen Jugendamtsleiter Jörg Nehter nach Bad Segeberg zu holen. Die Kandidatur gelang. Am 4. Dezember 1984 konnte Nehter mit Hilfe von CDU-Überläufern die meisten Stimmen auf sich vereinigen. In der SPD-Chronik ist von Freudentränen die Rede, von dem Ende der Zeit „der totalen Bevormundung“. Die CDU sei am Boden zerstört gewesen, sie legte Widerspruch gegen die Wahl ein.

Das Oberverwaltungsgericht gab ihr recht. Aber in der Mehrzweckhalle des Städtischen Gymnasiums wurde Nehter 1985 nach ordentlicher Ausschreibung der Stelle vor 1000 Zuschauern von der Stadtvertretung zum Bürgermeister gewählt.

Das war auch die Wende für die Sozialdemokratie in Bad Segeberg. „Klaus Knütter hatte damals weit über den Tellerrand gesehen“, berichtet Lichte den LN. Obwohl die CDU-Mitglieder auf Bürgermeister Menke eingeschworen wurden. Die Parteien seien sich damals „spinnefeind“ gewesen. Mit Nehter kehrte ein anderer Stil ein. Die SPD in Bad Segeberg hatte damals über 200 Mitglieder, heute sind es vielleicht die Hälfte. Klaus Knütter sei sein politischer Ziehvater gewesen, sagt Lichte. Er hatte für seine Partei und Stadt geackert, war quasi der „Willy Brandt“ der Bad Segeberger SPD, meint auch Oehlrich. Knütter war ständiger Besucher der Zeitungsredaktionen der Stadt. Er hatte einen Jazzclub gegründet, spielte bei Folktrain, hielt die Musikszene am Laufen. Knütter konnte mit jedem. Täglich ging er als Magistratsmitglied ins Rathaus, war nachmittags immer in der Stadt. Er hob das Bad Segeberger Stadtfest aus der Taufe, organisierte den SPD-Treff „Samstag um elf“ im Parteibüro der Alten Sparkasse. Als er Bürgervorsteher werden sollte, ging die CDU wieder auf die Barrikaden. Für Georg Oehlrich ist es heute noch unfassbar, wie die CDU über Monate versucht habe, die Wahl von Knütter als Bürgervorsteher zu verhindern. Da habe es „Schläge in die Kniekehle“ gegeben. Doch am 5. Oktober 1993 wurde Klaus Knütter gewählt, nur zwei Jahre später, in der Nacht zum 1. September, starb der Hoffnungsträger der SPD plötzlich.

„Am Tag vorher habe ich in der Sitzung noch neben ihm gesessen“, erinnert sich Oehlrich (78). Selbst der inzwischen auch verstorbene Rudolf Scheuerer, Speerspitze der CDU-Fraktion und Intimfeind von Knütter, sei erschüttert gewesen. Scheuerer sei auf Oehlrich zugekommen und habe ihn gebeten, mit ihm das Grab von Knütter zu besuchen. Oehlrich: „Ich bin mit ihm am Grab gewesen.“ Es war ein Stück Versöhnung.

Fahne wurde vor „braunen Schergen“ gerettet

Gerettet werden konnte die alte SPD-Fahne, die das Gründungsjahr des Ortsvereins bestätigte. Nicht viele hätten damals den Mut gehabt, sich offen zur SPD zu bekennen. Die Segeberger Wahlmänner der SPD, Johannes Harm und Karl Böttger, ließen sich aber trotzdem nicht beirren. Johannes Harm versuchte, nach 1894 mit Genossen Flugblätter und Volkskalender zu verteilen. Sie wurden mit Hunden von den Höfen gejagt. Als Harm 1896 zum Vorsitzenden der Partei und dem Gewerkschaftskartell gewählt worden war, sei er das „schwarze Schaf“ in Segeberg gewesen. „Von den Behörden wurde ich boykottiert, und man versuchte, mich mit allen Mitteln aus Segeberg herauszuekeln.“ Doch Harm ließ nicht locker, veranstaltete mit Knechten und Tagelöhnern auf den Dörfern Debattierabende und warb Mitglieder. Bei den Reichtagswahlen 1898 beobachte Harm die Wahl auf Gut Rohlstorf und sorgte dafür, dass man an den nummerierten Stimmzetteln nicht sehen konnte, wie jeder Einzelne gewählt hatte. „Da habe ich die Zettel durcheinandergeschüttelt, dass es mit jeder Kontrolle vorbei war.“

Auf dem Gut gab es immerhin 76 Stimmen für die SPD. Wegen seiner zahlreichen Aktionen bekam Harm viel Ärger „mit dem satten Bürgertum, auch mit dem damaligen Bürgermeister von Segeberg“, schrieb Chronist Mauck. Harm zog es vor, nach Hamburg zu ziehen.

Schon vor der Machtübernahme durch die Nazis mussten Sozialdemokraten um ihr Leben fürchten. Einige taten sich im Reichsbanner-Verein zusammen. 1932 überfielen, so ist überliefert, Nationalsozialisten die Reichsbanner-Ortsgruppe Quaal bei einer Veranstaltung. Plötzlich seien 40 Nazis aus Segeberg in das Lokal gestürmt und hätten auf „die Jungbanner-Kameraden“ mit Knüppeln, Hufeisen, Eisenstangen, Stuhl- und Tischbeinen eingeschlagen. Einige Gegenständen dazu hatten sie sich aus der nahegelegenen Schmiede geholt. Sechs Mann seien nach der Saalschlacht verletzt gewesen, zwei von ihnen schwer.

Nach dem Ende des Krieges rückten die Engländer ein und bestimmten den Genossen Karl Quaatz dazu, demokratische Strukturen in Bad Segeberg einzuführen. Die erste SPD-Mitgliederversammlung fand in Bad Segeberg am 2. Januar 1946 in der Bürgerschule statt. Nach den Kommunalwahlen am 15. März 1946 zogen für die SPD Willi Prahl, Paul Felsberg, Johannes Beck, Robert Fiebiger, Friedrich Koschmann, Karl Quaatz, Walter Oertel, Julius Jungnitsch und Karl Groth in die Stadtvertretung ein. Vor allem Julius Jungnitsch und Robert Fiebiger seien für 25 Jahre Hauptrepräsentanten sozialdemokratischer Politik in Bad Segeberg gewesen. wgl

Wolfgang Glombik

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