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Segeberg Morgens um 4 Uhr wird der Nussbaum beschnitten
Lokales Segeberg Morgens um 4 Uhr wird der Nussbaum beschnitten
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20:17 23.12.2015

Dieser merkwürdige weißbärtige Mann aus der südlichen Türkei namens Nikolaus war in den Läden bereits ab Oktober hundertfach zu haben. Ganze Wälder werden abgeholzt, um grüne, todgeweihte Bäume in die Wohnzimmer zu stellen. In den ausgeleuchteten Märkten, wo es diese Bäume zu kaufen gibt, durchziehen eklige Alkoholschwaden die Luft: Man könnte meinen, Flüchtlinge, die ihr erstes Weihnachten in Deutschland erleben, stünden vor einem großen Kulturschock. Doch so ist es meist gar nicht.

Denn manche Festbräuche gleichen sich von Süd- bis Nordeuropa, vom Nahen Osten bis hinein in den Kreis Segeberg. Zum Beispiel, was die Syrer angeht: Zwar sind 80 Prozent des von Krieg und Terror gebeutelten Landes Moslems, doch wird auch in manchen dieser Familien Weihnachten begangen, schließlich wird die Geburt Jesu auch im Koran beschrieben. Bei manchen Syrern muslimischen Glaubens steht zu Weihnachten Gans auf dem Speiseplan, Kinder bekommen Geschenke.

Monika Rybka aus Bad Segeberg erteilt moslemischen Familien aus Syrien und Afghanistan, die in Klein Rönnau untergebracht sind und deren Mitglieder allesamt Analphabeten sind, Deutschunterricht. Von Weihnachten hatte niemand von ihnen je gehört. „Als ich erklären wollte, was der 1. Advent bedeutet, machten alle große Augen“, sagt Monika Rybka.

Für syrische Christen hingegen steht Weihnachten ganz obenan, 2015 vor einem ganz bitteren Hintergrund: Geschätzte 1,8 Millionen Christen gab es einst in Syrien — man geht davon aus, dass 44000 von ihnen durch Krieg und Terror getötet worden sind. Kaasa, das christliche Viertel von Damaskus, war stets zu Weihnachten üppig geschmückt. Auch die im Segebergischen gelandeten Flüchtlinge mögen mit Wehmut daran zurückdenken; denn heute gibt es in Kaasa nur leere oder gar geborstene Schaufenster.

In manchen der Staaten, aus denen die Menschen seit Monaten zu uns kommen, würde sich wiederum ein Segeberger zu Weihnachten fremd fühlen. Während in Albanien zum Beispiel der 25. Dezember ein gesetzlicher Feiertag ist, der von Christen wie Moslems begangen wird, findet das Weihnachtsfest in Armenien am 6. und in Mazedonien am 7. Januar statt. In Mazedonien ist es üblich, eine Münze in einen Brotlaib einzubacken — wer sie beim gemeinsamen Essen findet, der soll das ganze Jahr über Glück haben und sich einer guten Gesundheit erfreuen — eine Sitte, die in manchen Balkanländern üblich ist.

Anstrengend wäre für westliche Besucher das Weihnachtsfest im Kosovo: Am Heiligabend stehen traditionsbewusste Familienvorstände um 4 Uhr morgens auf, schneiden vier Äste aus einem Nussbaum, die sie mit Käse, Joghurt und anderen Lebensmitteln bestreichen. Danach werden die Äste zu einem Kreuz gebunden. Früh aufgestanden wird im Kosovo auch am ersten Weihnachtstag: Um 5 Uhr trifft man sich im Garten zu Brot und Wein, danach werden Feuerwerksraketen in die Luft geschossen. Wir warten damit bis Silvester. Doch gleich, welche Weihnachtsbräuche es bei uns oder anderswo gibt — eine Botschaft wird sicher von allen geteilt. Gleich wie das Fest in Bad Segeberg oder im Kosovo, in Klein Rönnau oder im fernen Syrien begangen wird — ein Wunsch eint Menschen von jeder Religion und Weltanschauung: Möge Friede auf Erden herrschen.

Lothar Hermann Kullack

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