Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Segeberg Mutmaßliches Zuhälterpaar aus Osteuropa freigesprochen
Lokales Segeberg Mutmaßliches Zuhälterpaar aus Osteuropa freigesprochen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:48 17.04.2018
Das Landgericht in Kiel. Quelle: LN-Archiv
Anzeige
Kiel/Rickling

Jetzt kapitulierte eine Berufungskammer des Kieler Landgerichts vor dem eisernen Schweigen der traumatisierten Hauptbelastungszeugin und sprach die Angeklagten frei.

Die Vorwürfe reichen zurück bis ins Frühjahr 2006. Damals sollen die Angeklagten die junge Frau aus Sofia mit der Aussicht auf einen Job nach Hamburg gelockt haben. Nach der Ankunft eröffneten sie ihr, sie müsse ihre angeblichen Schulden in Höhe von 2700 Euro als Prostituierte abarbeiten. Ausgestattet mit Reizwäsche und Kosmetika und unter permanenter Bewachung soll die Zeugin gezwungen worden sein, gegen ihren Willen gewerbsmäßig Freier zu bedienen.

Sämtliche Einnahmen musste die damals 22-Jährige den Angeklagten aushändigen, so der Vorwurf. Das verängstigte Opfer fügte sich in sein Schicksal – ohne Deutschkenntnisse, ohne Geld, ohne Papiere, ohne soziale Kontakte. Zudem soll die Zeugin geschlagen, tagelang auf Nulldiät und mit der Drohung unter Druck gesetzt worden sein, man werde ihrem dreijährigen Sohn etwas antun.

Erst nach mehreren Wochen soll der Gefangenen auf dem Transport zwischen zwei Bordellen die Flucht gelungen sein. Sie wandte sich an die Polizei und erstattete Strafanzeige. In der Verhandlung am Montag rückte die Staatsanwältin von den Vorwürfen ab und forderte Freispruch für die Angeklagten, nachdem die Zeugin einmal mehr der Ladung des Gerichts nicht gefolgt war. Die Vorfälle seien nicht mehr aufzuklären, hieß es einvernehmlich.

Die heute in Nordrhein-Westfalen lebende Bulgarin ist schwanger, fühlt sich bedroht und hat angeblich panische Angst vor der Konfrontation mit den Angeklagten – so die Mitteilung einer Betreuerin, die das Gericht vor einer Retraumatisierung des Opfers warnte. Unter diesen Umständen dachte jetzt niemand im Gerichtssaal ernsthaft an eine zwangsweise Vorführung der werdenden Mutter.

In erster Instanz waren die Angeklagten von einem Schöffengericht in Neumünster zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden – ohne mündliche Vernehmung der Zeugin. Verteidigung und Staatsanwaltschaft legten Rechtsmittel ein. Das war im Juni 2009. Seitdem scheiterten mehrere Prozessanläufe im Kieler Landgericht. Am Montag zog die Berufungskammer den Schlussstrich unter das Endlosverfahren, hob das Urteil auf und sprach die beiden Angeklagten frei.

 GEY

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige