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Segeberg Nach Job-Verlust: Lufthansa schult Mitarbeiter zu Flüchtlingshelfern um
Lokales Segeberg Nach Job-Verlust: Lufthansa schult Mitarbeiter zu Flüchtlingshelfern um
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21:28 14.10.2015
Katrin Schuhr (l.) und Saskia Heidenberger sind seit zwei Jahren dabei, 340 Norderstedter Mitarbeiter der aufgelösten Lufthansa Revenue Service GmbH wieder in Lohn und Brot zu bringen. Quelle: Fotos: Fuchs
Norderstedt

Vor zweieinhalb Jahren war es ein großer Schock für die 340 betroffenen Mitarbeiter am Schützenwall in Norderstedt. Der Vorstand der Deutschen Lufthansa entschied im Rahmen eines millionenschweren Sparprogramms, die Bearbeitung der jährlich 100 Millionen Flugtickets, die bislang die konzerneigene Tochter Lufthansa Revenue Services (LRS) am Standort Norderstedt abgewickelt hat, aufzugeben und bis 2017 nach Polen und Indien zu verlagern, wo dies billiger sei.

Der Protest der Betroffenen und zahlreicher Stadtväter konnte diese Konzernentscheidung zwar nicht mehr revidieren. Doch der Betriebsrat handelte mit der Geschäftsleitung einen Sozialplan aus, der bundesweit seinesgleichen sucht, sagt Lufthansa-Sprecher Wolfgang Weber stolz. Denn innerhalb von zwei Jahren haben bis auf 61 Kollegen, also mehr als 80 Prozent der betroffenen Mitarbeiter, inzwischen in anderen Abteilungen der Airline oder in der freien Wirtschaft eine neue Aufgabe gefunden oder sind mit sehr guter Perspektive auf dem direkten Weg dorthin.

Möglich wurde dies durch die Gründung der Lufthansa Job Services Norderstedt GmbH, die durch eine Strategie aus „Mut machen, Fortbilden, Weiterqualifizieren, Altersteilzeit und Schaffen von konkreten Angeboten innerhalb der Lufthansa“ gelingen konnte, sagt Saskia Heidenberger.

Die ehemalige Personalleiterin der abgewickelten LRS übernahm die neue Job Services GmbH in Norderstedt und entwickelte ein ganzes Bündel an Maßnahmen, das nun eine Vielzahl der um ihre Existenz bangenden Kollegen jobmäßig neu durchstarten lässt. „Wir haben den Kollegen als erstes mehr Zeit gegeben“, berichtet Heidenberger. Im Sozialplan einigten sich Betriebsrat und Geschäftsführung darauf, die Job-Qualifizierungsgesellschaft erst Ende 2018 statt bereits wie geplant Ende 2016 wieder aufzulösen. So hätten sie und ihre Stellvertreterin Katrin Schuhr zwei Jahre länger Zeit, die Kollegen in ein neues Beschäftigungsverhältnis zu vermitteln. „Zeit ist ein ganz wichtiger Faktor für Menschen, die sich aus einem sicher geglaubten Arbeitsplatz umorientieren müssen.“ Zumal die Kollegen im Durchschnitt 30 Jahre lang für die LRS gearbeitet hatten und auf sich allein gestellt kaum auf dem freien Markt zu vermitteln gewesen wären.

Dann wurde die Zahl der Betroffenen auf 177, also etwa die Hälfte reduziert. 120 ehemalige LRS-Leute arbeiten jetzt am Hamburger Flughafen und überwachen dort praktisch die neue Ticketbearbeitung aus den Billiglohnländern. 43 sind in Altersteilzeit und werden ohnehin bald in den Ruhestand gehen. Doch auch für diese älteren Kollegen hat Saskia Heidenberger plötzlich eine neue Aufgabe gefunden. „Wir wollen einige von ihnen zu hauptamtlichen Flüchtlingshelfern umschulen.“

Die Stadt Norderstedt hat zurzeit 560 Flüchtlinge unterzubringen, um die sich unter der Leitung der früheren Büchereileiterin Susanne Martin eine große Zahl ehrenamtlicher Kräfte kümmert. „Wir haben mit Frau Martin und Sozialdezernentin Anette Reinders die Vereinbarung getroffen, ihnen für die Flüchtlingsbetreuung die Altersteilzeitler auf unsere Kosten zu überlassen, wenn diese es wünschen.“

Dies sei auch noch für andere soziale Dienstleistungen denkbar.

Mit der schleswig-holsteinischen Wirtschaftsakademie seien 18 ungelernte ältere Mitarbeiterinnen zu IHK-geprüften Kauffrauen für das Büromanagement ausgebildet worden. „Die zehn Monate Ausbildungszeit sind hier bei uns in den Räumen der Lufthansa abgelaufen“, sagt Heidenberger. Die Prüfungen seien bis Weihnachten abgeschlossen, dann will sie die neu ausgebildeten Damen in Bürojobs anderer Norderstedter Unternehmen vermitteln.19 andere Kolleginnen bildeten sich gerade in Englisch, EDV und professionellem Büromanagement weiter.

63 Kollegen fanden innerhalb des Konzerns eine neue Aufgabe. 53 schlossen Aufhebungsverträge, ließen sich abfinden und zum großen Teil die selbst gesuchte Ausbildung oder Selbstständigkeit von der Lufthansa finanzieren, erklärt Katrin Schuhr. „Dabei sind ganz kreative Ideen und Talente herausgekommen: Einige sind jetzt Hufschmied, Heilpraktiker oder Betreuer von Demenzkranken.“

So seien aktuell noch 61 der 340 ehemaligen LRS-Mitarbeiter auf dem Arbeitsmarkt unterzubringen, so Saskia Heidenberger. „Aber das werden wir auch noch schaffen. Wir haben ja noch zwei Jahre Zeit. Doch das wird uns bestimmt schneller gelingen.“ Zumal 37 von ihnen bald die Berufsausbildung der Büromanagerinnen und die Fit-fürs-Büro-Fortbildung absolviert haben. Saskia Heidenberger betont: „Das allerwichtigste war, den Kollegen Mut für die eigene Zukunft zu machen.“ Darum hat sie jetzt alle, die den Absprung erfolgreich geschafft haben, eingeladen, um den früheren Kollegen davon zu berichten.

30 Jahre fliegender Botschafter
Die Stadt Norderstedt und die Fluggesellschaft Lufthansa sind nicht nur durch die abgewickelte Ticket-Gesellschaft LRS und die noch etwa 500 Mitarbeiter der IT-Experten der Lufthansa Industries verbunden. Seit genau 30 Jahren fliegt eine Lufthansa-Maschine mit dem Namen Norderstedt durch die Welt. Anfangs war es eine Boeing 727-230, ab 1996 war es ein Airbus A319-100 und schließlich trägt seit sechs Jahren ein Airbus A320-200 den Namen Norderstedt, der bis zu 162 Passagiere an Bord nehmen kann.



Rund 15600 Flugstunden habe die aktuelle „Norderstedt“ bereits absolviert und sei auf rund 11 000 Flügen für die Lufthansa unterwegs gewesen, sagt Unternehmenssprecher Wolfgang Weber. Die wichtigsten Flughäfen, die der fliegende Botschafter der Stadt Norderstedt regelmäßig ansteuere, seien Rom, Athen, Istanbul, Barcelona, Moskau, London, Budapest, Madrid, Krakau, Kopenhagen, Bukarest, Dublin, Helsinki, Neapel, Mailand oder Stockholm.



Elf weitere Städte gibt es in Schleswig-Holstein, die ihren Namen auf einer Lufthansa-Maschine stehen haben. Dies sind Bad Segeberg, Flensburg, Heide, Glücksburg, Husum, Kiel, Lübeck, Neumünster, Rendsburg und Westerland. bf

Burkhard Fuchs

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