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Segeberg Nach dem Putsch: „Eine befremdliche Atmosphäre“
Lokales Segeberg Nach dem Putsch: „Eine befremdliche Atmosphäre“
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20:13 27.08.2016
Eileen Kelpe hat den Sommer in Istanbul verbracht und die Zeit des gescheiterten Putschversuchs selbst miterlebt. Quelle: Fotos: Eileen Kelpe
Bad Segeberg/Istanbul

„Muss es denn gerade Istanbul sein?“ – Diesen Satz hörte ich vor meiner Abreise Anfang Juli von allen Seiten. Der Anschlag am Atatürk-Flughafen war gerade ein paar Tage her und eine allgemeine Unsicherheit machte sich im Familien- und Freundeskreis breit. Trotz aller Zweifel stieg ich am 10. Juli in den Flieger. Türkischlernen, einen Freund besuchen und in der Sonne am Bosporus sitzen: Das waren meine Pläne für diesen Sommer.

Türkischlernen und in der Sonne am Bosporus sitzen – Das war der Plan von Eileen Kelpe aus Bad Segeberg für ihren Sommer in Istanbul – Doch dann kam es anders.

„So endet kurzfristig mein Türkischkurs aufgrund der Säuberungs-

maßnahmen der Regierung.“Eileen Kelpe

Ein paar Tage später: Meine ersten, holprigen Gehversuche in der türkischen Sprache und abenteuerliche Busfahrten durch den Istanbuler Verkehr prägten meine erste Woche. Am Freitagabend sitze ich mit meinem türkischen Freund Ahmet (Name von der Redaktion geändert) auf seinem Balkon und wir lassen die Woche bei einem Glas Wein ausklingen.

Plötzlich ruft ihn aufgeregt ein Freund an: „Habt ihr gehört? Die Bosporus-Brücken sind gesperrt! Überall Militär!“ Dann geht alles sehr schnell. Wir lesen von Schusswechseln, Militärflugzeugen und Menschen, die euphorisch auf die Straße gehen. Alle sprechen von einem Militärputsch. Wie alle Handynutzer in der Türkei bekommt auch Ahmet eine SMS vom Präsidenten Erdogan: „Geht auf die Straße!

Stellt euch gegen die Putschisten!“ Wir waren weit genug weg vom Zentrum und gleichzeitig erschreckend nah dran.

Die Situation schien unwirklich, der Alltag lief nach dem gescheiterten Putsch weiter und die Betroffenheit wich der Normalität. Mein Türkischlehrer macht am Montag seine übliche Runde und fragt:

„Nasilsin?“ – Wie geht’s? Jeder antwortet: „Iyiyim. Tesekkür ederim.“ – Gut, vielen Dank. Auch auf der Straße scheint alles wie immer. Nur der Bus und die U-Bahn kosten nichts: ein Geschenk von der Regierung.

Eine Woche später: „Die Universität ist geschlossen und der Türkischkurs kann nicht weiter stattfinden“, Montagmorgen in der dritten Kurswoche verkündet unser Lehrer uns diese Nachricht und bricht in Tränen aus. So endet auch kurzfristig mein Türkischkurs aufgrund der Säuberungsmaßnahmen der Regierung.

Auch die Deutschlehrerin von meinem Freund Ahmet hat seinen Privatkurs kurzfristig abgesagt und ist nach Deutschland geflogen – One-Way-Ticket. Zu der Frage, ob auch er gehen will, verhält sich Ahmet gespalten. „Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf. Im Ausland werde ich immer ein Fremder sein. Hier habe ich noch eine Stimme“, so argumentiert er, wobei er sich in seinem Land von Tag zu Tag fremder fühlt und nicht mehr sicher ist, wie lange seine Stimme noch gehört werden kann.

Die folgenden Wochen lassen sich am besten in rot-weiß beschreiben: Die Stadt versinkt unter einem Meer aus türkischen Flaggen und jeden Abend versammeln sich regierungstreue Menschen auf öffentlichen Plätzen und feiern euphorisch die Demokratie und den Sieg über die Putschisten. Eine befremdliche Atmosphäre.

Es ist nun Mitte August und mein Flieger geht in ein paar Tagen zurück. Ich habe die letzten Wochen viel Zeit in einem deutsch-türkischen Café in der Istanbuler Innenstadt verbracht, gelesen und viele Menschen getroffen. Dabei habe ich vor allem eines gelernt: trotz allem weitermachen.

Alle Ängste und Unsicherheiten, die ich anfangs von zu Hause mitgenommen habe, haben sich aufgelöst. Ich schlendere noch einmal durch die Straßen, vom Taksimplatz aus vorbei an Straßenhändlern, die goldene Sesamkringel und Maiskolben verkaufen, und dösenden Straßenkatzen bis runter zum Goldenen Horn. Das Wasser glitzert und ich sehe die alten Moscheen auf der anderen Uferseite. Musste es Istanbul sein? Auf jeden Fall.

Eileen Kelpe

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