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Segeberg Neues Buch über die NS-Verbrechen in Segeberg
Lokales Segeberg Neues Buch über die NS-Verbrechen in Segeberg
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11:36 24.01.2018
Helge Buttkereit hat ein Buch über die Gedenkorte zu den Opfern des Nationalsozialismus im Kreis Segeberg geschrieben. Hier mit Uwe Czerwonka (l.) vom Trägerverein der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen und Pastor Bernd Hofmann (r.) aus Bad Bramstedt. Quelle: Fotos: Fuchs
Kaltenkirchen

Genannt hat er es „Verdrängen, Vergessen, Erinnern“. In dreijähriger Recherchearbeit hat Buttkereit hier versucht, alle Orte im Kreis Segeberg zu beschreiben, wo es Opfer der Schreckensherrschaft gegeben hat. Das Werk umfasst auf 150 Seiten nicht nur die drei KZ-Gedenkstätten in Kaltenkirchen (Nützen-Springhirsch), Norderstedt (Wittmoor) und Rickling (Kuhlen). Buttkereit hat auch weitere Opferplätze des Nazi-Terrors in Bad Segeberg, Bad Bramstedt, Henstedt-Ulzburg, Wahlstedt, Kisdorf, Glasau, Boostedt und Sülfeld entdeckt und erforscht. „Die Geschichte hinter den Gedenkorten und die Geschichte der Gedenkorte selbst erzählen“, beschreibt er seine Buchidee. „Mit diesen Orten wirkt die Geschichte des Nationalsozialismus im Kreis Segeberg in die Gegenwart hinein.“

Es sind die Orte, die an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte gemahnen, an die sich aber lange niemand erinnern mochte. Diesen Gedenkorten der Opfer der NS-Diktatur hat der Historiker und Journalist Helge Buttgereit jetzt für den Kreis Segeberg ein Buch gewidmet.

800 Exemplare

Das Buch „Verdrängen, Vergessen, Erinnern. Ein Wegweiser zu den Gedenkorten an die Opfer der NS-Zeit im Kreis Segeberg“ von Helge Buttgereit ist für zwölf Euro in allen Buchhandlungen erhältlich. Es ist in einer Auflage von zunächst 800 Exemplaren erschienen.

Spuren der NS-Vergangenheit finde man fast überall im Kreis Segeberg, sagt Buttkereit. „Zwangsarbeit gab es an jedem Ort im Kreis.“ Vor allem Kriegsgefangene aus Polen und Russland mussten die Arbeiter auf den Bauernhöfen ersetzen, die als Soldaten an die Front geschickt wurden. Dabei lag deren Schicksal in den Händen ihrer deutschen „Arbeitgeber“, die sie vielerorts relativ gut behandelten und mit Lohn, Kost und Logis versorgten, sodass es ihnen möglicherweise hier noch besser erging als im besetzten Heimatland, zitiert Buttkereit Augenzeugen.

Vielfach aber mussten die Zwangsarbeiter auch unter unmenschlichen Bedingungen leben und wurden mit dem Knüppel solange geprügelt, bis sie ihr Arbeitssoll erfüllt hatten, wie andere Augenzeugen berichten. Im Wittmoor wurden sie zum Beispiel zum Torfstechen gezwungen.

Ein besonders perfides Beispiel der NS-Verbrechen, das bislang noch nicht in der Literatur erwähnt sei, hat Buttkereit für den kleinen Ort Wiemersdorf bei Bad Bramstedt herausgearbeitet. Dort war eine „Ausländerkinder-Pflegestätte“ eingerichtet, in die gleich nach ihrer Geburt die Kinder von Zwangsarbeiterinnen zusammengetragen worden waren. Buttkereit brachte in Erfahrung, dass dort mindestens 13 polnische Kinder im Säuglingsalter in Wiemersdorf ums Leben kamen, weil sie dort völlig unterernährt waren. Einen halben Liter Milch und ein Stück Würfelzucker seien die tägliche Nahrungsration für diese Kinder gewesen, sodass sie zwangsläufig an dieser „Ernährungsstörung“ starben, wie die die offizielle Todesursache im euphemistischen NS-Jargon genannt wurde.

Pastor Bernd Hofmann von der Kirchengemeinde Bad Bramstedt, zu der Wiemersdorf gehört, hatte von diesem Kinderheim der Zwangsarbeiterinnen noch nie gehört, wie er berichtet. Auch die ältesten Bewohner im Dorf konnten sich nicht daran erinnern. Schließlich machte er eine heute 80-Jährige aus Wiemersdorf ausfindig, die heute in Frankreich lebt, und die sich daran erinnerte, wie eines Nachts die russische Erzieherin des Kinderheims an die Tür ihres Elternhauses klopfte und um Milch und Medikamente bettelte.

An diese „vergessenen Kinder von Wiemersdorf“ , auf deren Gräber heute noch „feindliche Ausländer“ steht, soll jetzt besonders erinnert werden, kündigte Pastor Hofmann an, bis zum Sommer einen Ort des Gedenkens dafür zu schaffen. „In der Gemeinde Wiemersdorf ist diese Geschichte mit einem Schock aufgenommen worden.“

Dabei kam es dort noch unmittelbar zu einem Racheakt. Aufgebrachte Zwangsarbeiter erschlugen am 12. Juli 1945 den damaligen Bürgermeister Hans-Willi Schümann von Wiemersdorf mit dessen eigener Axt, weil er die „Polaken“-Kinder so miserabel und unmenschlich behandelte.

Burkhard Fuchs

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