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Segeberg Oersdorf: Noch immer ist nichts normal
Lokales Segeberg Oersdorf: Noch immer ist nichts normal
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22:45 27.11.2016
Bürgermeister Joachim Kebschull (61)vor dem Oersdorfer Gemeindehaus. Früher habe die Tür hier jederzeit offen gestanden. Seit der Attacke auf ihn wird jedoch immer zugeschlossen. Quelle: Wolfgang Maxwitat

Bei der bevorstehenden Gemeindevertretung in Oersdorf wird es einmal mehr um „das Objekt“ gehen; das alte Bauernhaus im Dorfzentrum, das in der Vergangenheit für so viel Aufregung in der Gemeinde gesorgt und letztlich jemandem die vermeintliche Rechtfertigung geliefert hat, Bürgermeister Joachim Kebschull aufzulauern und hinterrücks niederzuschlagen. Zwei Monate ist das jetzt her.

Joachim Kebschull nennt das „die positive Unschuld“, die vielen Oersdorfern – und auch ihm – abhanden gekommen sei. Fremde im Ort würden heute argwöhnischer beäugt, als das vor dem 28. September der Fall gewesen sei. Auch das Gemeindehaus, vorher ein offener Ort für alle, „schließen wir jetzt tagsüber immer zu“, sagt Kebschull. „Schade, wie sich die Dinge hier doch so stark verändert haben. Die Offenheit zuvor hat mir wesentlich besser gefallen.“

Alle Bemühungen von Polizei und Staatsschutz, den mutmaßlich politisch motivierten Angreifer zu finden, haben bislang nicht zum Erfolg geführt, wie Oliver Pohl, Sprecher der Polizeidirektion in Kiel, einräumen muss. „Die Ermittlungen gestalten sich leider zäh und langwierig.“ Zwar habe man in der Nähe des Tatorts einen verdächtigen Gegenstand gefunden, einen Holzstock. DNA-Spuren eines möglichen Täters hätten sich aber nicht daran befunden. Und somit auch keinen Hinweis, dass es sich um die Waffe handelt, mit der Kebschull zu Boden geknüppelt wurde, als er sich vor einer Gemeindevertretersitzung den Laptop aus dem Wagen holte.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Sitzungen in Oersdorf bereits von der Polizei bewacht. Nachdem die Gemeinde das Bauernhaus gekauft hatte, um darin Flüchtlinge unterzubringen, war der unbekannte Schläger mehrfach mit Drohbriefen an Gemeindevertreter und Bürgermeister auf den Plan getreten. „Oersdorf den Oersdorfern“ formulierte er darin. Oder auch „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“.

Drohungen, die letztlich in eine direkte Gewalttat mündeten. Weitere Briefe hat dieser Mensch seither zwar nicht mehr geschrieben. „Es gab jedoch Trittbrettfahrer“, sagt Polizeisprecher Pohl. 13 anonyme Briefe und Mails unterschiedlicher Absender seien bei der Gemeinde eingegangen, die die hinterhältige Attacke ausdrücklich begrüßten.

„Menschen, die mich offenbar persönlich für alle Ungerechtigkeiten und Missstände in Deutschland verantwortlich machen wollen“, sagt Kebschull. Dass Pöbeleien gegen alles und jeden im Internet-Zeitalter an der Tagesordnung sind, ist dem 61-Jährigen zwar bewusst. Warum gerade er als „kleiner ehrenamtlicher Gemeindebürgermeister“ einem solchen Hass ausgesetzt sei, könne er hingegen nicht verstehen. Die Gemeinde habe schließlich nichts anderes versucht, als mit der Flüchtlingskrise verantwortlich umzugehen.

„In der Hochzeit der Krise im Herbst 2015, als überall Wohnraum gesucht war, hatten wir eigentlich den Plan, in unserer Immobilie eine Erstaufnahme für 30 Flüchtlinge einzurichten“, erklärt der Bürgermeister. Schnell habe sich aber gezeigt, dass sich diese Idee wegen der Substanz des Gebäudes gar nicht in die Tat umsetzen ließ. Stattdessen habe die Gemeindevertretung den Beschluss gefasst, mehrere Wohnungen dort einzurichten, „die wir bei Bedarf für anerkannte Flüchtlinge zu Verfügung stellen, ansonsten aber auch anderweitig vermieten können“. An diesem Plan halten Kebschull und die Mehrheit in der Gemeindevertretung weiterhin fest. Doch obwohl man das ursprüngliche Konzept aus Kostengründen bereits abgespeckt habe, würden einige Gemeindevertreter das Projekt mit Verweis auf die Finanzen trotzdem gerne beerdigen. „Und damit die Flüchtlingsproblematik gleich mit, damit ,endlich wieder Ruhe im Dorf ist‘“, berichtet der 61-Jährige aus den Diskussionen.

Den Großteil der Einwohner sieht der Bürgermeister aber auf seiner Seite. „Oersdorf will sich der Verantwortung stellen und seinen Teil zur Integration der Flüchtlinge beitragen – jedenfalls den kleinen, bescheidenen Teil, den wir leisten können.“ Einschüchtern lasse man sich nicht. Aber dennoch werde die bevorstehende – weiter von der Polizei bewachte – Sitzung der Gemeindevertreter weiter von Gefühlen der Sorge und Verunsicherung überschattet sein, glaubt Kebschull. „Wir leben ja alle mit dem Wissen, dass es wohl jemand aus unserer Gemeinde gewesen ist. Und das schwebt über allem.“

Er selbst habe sich von dem Angriff zwar körperlich erholt, die Gehirnerschütterung überstanden. Nur die Seele sei noch nicht ganz damit fertig geworden. „Gedanken, Gefühle, Ängste kommen aber noch immer, wenn ich damit konfrontiert werde. Selbst wenn wie jetzt die Lübecker Nachrichten anrufen.“

Wenn es etwas Positives im Schlimmen gebe, dann der Umstand, dass die Tat vielen Menschen im Oersdorf die Augen geöffnet habe, was aus so kleinen Anlässen werden könne. Auch mit dem Thema Flüchtlinge hätten sich viele Menschen in der Gemeinde seither intensiver und jenseits der üblichen Schlagworte auseinandergesetzt. Sorgen bereiten dem 61-Jährige aber die immer roher werdende Diskussionskultur im Internet. „Wie sich gezeigt hat, kann aus dieser verbalen auch tatsächliche Gewalt entstehen. Ich denke, hier muss dringend abgerüstet werden, wenn wir weiter in einem friedlichen Land leben wollen.“

 Oliver Vogt

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